taz.de -- Chinesische New-Documentary-Bewegung: Gespräche im Vorübergehen

Eine Filmreihe im Berliner Sinema Transtopia stellt nie gezeigte Dokumentarfilme aus der Volksrepublik China der späten 1980er und frühen 1990er Jahre vor.

Bild: Maos Lippe: Eine Szene aus „Tiananamen“

„Wo es einen Innenhof gibt, gibt es Leben.“ Nur wenige Jahre nachdem sie ihr Studium des Fernsehjournalismus abgeschlossen hatten, begannen die beiden Dokumentarfilmer Shi Jian und Chen Jue Ende der 1980er Jahre mit der Arbeit an „Tiananmen“, einer monumentalen Bestandsaufnahme des Lebens in der Hauptstadt [1][der Volksrepublik China].

Der zweite Teil driftet durch die ärmeren Viertel der Stadt durch ein Gewirr von Gassen und Höfen. Während die Kamera an Wäsche auf der Leine und Gerümpel im Hof vorbeigleitet, entrollen sich im Vorübergehen Gespräche mit Anwohner_innen über Familie, Geld und das Leben. Die Fernsehkamera ist Attraktion und öffnet den beiden Regisseuren und ihrem Team Türen zu Alltagsszenen und Familientreffen.

Kurz vor der geplanten Ausstrahlung im Staatsfernsehen China Central Television (CCTV) am Nationalfeiertag, dem 1. Oktober 1989, wurde der Film abgesetzt. In einem Interview berichtet Shi 2020, ihm sei beschieden worden, der Dokumentarfilm habe einen zu düsteren Ton. Auch eine Aufführung auf dem Hongkonger Filmfestival 1992 fand auf Druck des Fernsehsenders nicht statt.

Kommenden Freitag und Samstag sind die acht Teile des Dokumentarfilms im Sinema Transtopia als Teil der Filmreihe „Unseen Histories, Unsettled Memories“ zu sehen, die sich der Geburt eines neuen Dokumentarfilms in der Volksrepublik der Umbruchszeit der späten 1980er und frühen 1990er Jahre widmet.

Pioniere dokumentarischen Arbeitens

Organisiert wurde die Reihe von China Unofficial Archives, dem Filmkurationskollektiv CiLENS und dem Berlin Contemporary China Network. Die Reihe zeigt Werke von vier Pionieren dokumentarischen Arbeitens aus dem Umfeld des staatlichen Fernsehens, die alle auf unterschiedliche Weise um ihre Sichtbarkeit gebracht wurden.

„Unseen Histories“ ergänzt damit einen filmhistorischen Baustein in der Wahrnehmung des Kinos der Volksrepublik im Ausland. Während die Spielfilme der Regisseure der sogenannten Sechsten Generation wie [2][Jia Zhang-ke] und [3][Wang Xiaoshuai] ebenso wie einige unabhängige Dokumentarfilme wie Wu Wenguangs Dokumentarfilm über fünf Künstler_innen in der chinesischen Hauptstadt „Bumming in Beijing“ (1990) auch in Europa auf Festivals liefen, sind die Filme der Reihe teilweise bis heute unsichtbar geblieben.

Am Donnerstag laufen zur Eröffnung zwei Filme, bei denen Shi Jian und Chen Jue jeweils mit anderen Regisseuren zusammenarbeiteten. Chen Jue und Jiu Ke versuchen in „Only One Earth“ (1990) eine Annäherung an die Umweltkatastrophen der Zeit.

Unübersehbarer Bruch

Shi Jian filmte in „I Graduated“ (1992) zusammen mit dem späteren Spielfilmregisseur Wang Guangli Studenten der Beijinger Universitäten kurz nach ihrem Abschluss. In dem Film ist der Bruch unübersehbar, den das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz am 3. und 4. Juni 1989 mit der gewaltsamen Niederschlagung der Studierendenbewegung markierte. Wieder und wieder berichten die Studierenden von der Zäsur, die sowohl den Umgang der Universität mit den Studierenden prägte als auch deren privates Leben.

Die Veranstaltungen der Reihe werden von Gesprächen mit den Filmemachern begleitet, am Samstagabend entrollt eine Diskussionsveranstaltung den größeren Kontext der Filme.

„Unseen Histories“ lädt ein zu einer Zeitreise in die Zeit des Aufbruchs im chinesischen Kino und insbesondere [4][im Dokumentarfilm], deren frühere Freiheit unterdessen von immer rigideren Zensurvorschriften weitgehend erstickt wurden. Umso mehr lohnt es, die Gelegenheit zu nutzen, die Filme der Reihe zu sehen.

13 Mar 2026

[1] /Kunst-aus-China-in-Kasseler-Ausstellung/!6151555

[2] /Film-Das-Schicksal-dieses-Paares-zeigt-die-Transformation-der-chinesischen-Gesellschaft/!6084584

[3] /Spielfilm-ueber-chinesische-Geschichte/!5638280

[4] /Werkschau-von-Wang-Bing-in-Duesseldorf/!6102259

AUTOREN

Fabian Tietke

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