taz.de -- Rechtsextreme Konzerte: Immer mehr schlechte Musik in Thüringen
In Thüringen wächst die Zahl rechtsextremer Konzerte, wie die Mobile Beratung beobachtet. Die Rechtsextremen können häufig eigene Räume nutzen.
Bild: Haben ihre eigenen Plätze: Neonazis veranstalten im thüringischen Themar ein Rechtsrockkonzert, am 15.7.2017
Die Zahl rechtsextremer Konzerte in Thüringen steigt rasant. Allein im vergangenen Jahr zählte die Mobile Beratung in Thüringen (Mobit) „100 extrem rechte Musikveranstaltungen“. Im Vergleich zum Vorjahr sei das eine Verdoppelung, erklärt Mobit-Sprecher Felix Steiner der taz und spricht von „einem neuen Höchststand“. Die zuständigen Behörden registrierten für 2025 hingegen „nur“ 80 rechte Veranstaltungen mit Musikbeiträgen, das ergab eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag.
Die Differenz ergäbe sich aus unterschiedlichen Erfassungskriterien, erklärt Steiner. Wenn Musik einen relevanten Teil einer rechtsextremen Veranstaltung ausmache, werde sie bei Mobit dazu gezählt, das könne etwa auch Trauermärsche umfassen.
Ein Grund für die wachsende Zahl rechtsextremer Konzerte im Freistaat ist laut Steiner, dass die rechtsextreme Szene hier eigene Räumlichkeiten nutzen kann. Absoluter Hotspot ist das „Gasthaus Eiserner Löwe“ in Brattendorf im thüringischen Landkreis Hildburghausen: 63 der 100 von Mobit erfassten rechtsextremen Musikveranstaltungen fanden dort statt.
Betrieben wird das Gasthaus von Tommy Frenck, ehemaliger NPD-Kader und Kandidat des „Bündnis Zukunft Hildburghausen“. Dass die Preise auf der Speisekarte nach dem Komma oft mit 88 Cent angegeben werden, dürfte kein Zufall sein: Der Zahlencode steht in der rechtsextremen Szene für „Heil Hitler“.
In der zugehörigen „Afrikakorps-Bar“, zugelassen für 40 Personen, führte Frenck allein an einem Wochenende von Freitag bis Sonntag drei Musikveranstaltungen durch. Die Konzerte sind aber nicht bloß Konzerte. Die verschiedenen rechten Bands, die dort auftreten, radikalisieren mit ihren Songs ihre Zuhörer. Zwischen Bier und Schnitzel kann sich die rechtsextreme Szene treffen und vernetzen.
Frenck bietet dazu nicht nur ein gastronomisches und musikalisches Angebot, in „Tommys Warenhaus“ kann auch Szene-Kitsch erworben werden – etwa ein Hoodie mit der Aufschrift „Kein Bier für Linke“ oder die „88 besten Fleischgerichte aus dem Reichskochbuch“.
Liederabende in der Heimat-Parteizentrale
Weitere sechs Konzerte fanden in Gera und Erfurt statt. Unter anderem in einer Parteizentrale der Heimat (früher NPD). [1][Der einschlägig bekannte Christian Klar] hat sein früheres Wohnhaus umgewandelt, nachdem er 2024 in den Bundesvorstand der Heimat gewählt wurde. Dort fanden mehrere Liederabende statt. Seit 2019 verantwortet Klar auch eine jährliche öffentliche Großveranstaltung mit Livemusik. Im vergangenen Jahr, am 1. Mai 2025, kamen in Gera rund 1.000 Rechtsextreme zusammen. Es war eines der größeren Events.
Großveranstaltungen sind heute in der Szene allerdings nicht mehr so üblich. Seit der Pandemie streben rechtsextreme Musikveranstalter [2][keine großen Konzerte mehr an]. Vor 2020 trafen sich zum Beispiel [3][bei rechten Open-Air-Konzerten im thüringischen Themar] bis zu 6.000 Fans. Heute haben sich kleinere Konzerte durchgesetzt, und neben dem klassischen Rechtsrock gibt es mittlerweile mehr Musikstile.
„Metal, Pop, Party- und Schlagermusik, Singer/Songwriter oder Rap sind in der extrem rechten Szene gängig genutzte Stile“, erklärt Mobit-Sprecher Steiner. Der Verein geht auch in diesem Jahr von einer Zunahme von rechten Konzerten aus. Während 2025 11 Konzerte in den ersten drei Monaten des Jahres angekündigt waren, seien es im ersten Quartal 2026 bereits 25.
Für Mitte März sei zum Beispiel ein Konzert der Schweizer Band Amok geplant, die Teil des internationalen rechtsextremen Musik-Netzwerks „Blood & Honour“ ist. Einige Bandmitglieder mussten sich bereits vor Gericht wegen Körperverletzungsdelikten, illegalem Waffenbesitz bis hin zu einer Todesdrohung verantworten. Sie sollen zudem eng mit der klandestinen Band „Erschießungskommando“ verbunden sein, die 2016 auf einem Album brutale Vernichtungsphantasien von politischen Gegner*innen verbreitete.
13 Mar 2026
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AUTOREN
Andreas Speit
Rechtsextremismus
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