taz.de -- Grand Tour durch Berliner Kunsträume: Ergreifend, aber der Hund darf nicht mit rein
Am Wochenende gab es Kunstfilme voll Randale und Tränen. Außerdem: geschmolzenen Schnee und kalifornische Sehnsucht trotz bellenden Gasthundes.
Bild: Trockener Hund vor Kunst
Berlin muss einsehen, dass es jetzt im Wesentlichen Sibirien ist“, stand auf Instagram. Ich laufe in meinem neuen Norwegerpulli über knirschenden Schnee durch die sibirische Morgensonne zum Colosseum. 10.000 Schritte am Tag hatte Personal Trainer und Schuhmachergott Kenny Mistelbauer als Parole für die Fitnessoffensive 2026 ausgegeben.
Die Chancen, dass ich jemals einen Film auf der Berlinale sehen würde, standen denkbar schlecht. Nicht nur bin ich technisch und mental nicht in der Lage, Tickets online zu kaufen, zudem verbietet meine Religion das Schlangestehen in jeder Form. Am Vortag aber schrieb Feengestalt Uli: „Lass uns den Douglas-Gordon-Film anschauen, gibt noch Karten!“
[1][Douglas Gordon] interessiert mich, nicht erst, seit er verfügte, dass seine Edition zum Jubiläum von Texte zur Kunst – eine Spieluhr, die die „Internationale“ spielt –, verschenkt werden sollte und ich eine abgegriffen habe. Was ich nicht wusste: dass sein Studio in Berlin eine dunkle Wunderkammer-Höhle ist, wo dieses Berlinale-atypische skriptlose Kammerspiel sich entfaltet.
Gordon berserkert durch sein Atelier, fackelt Sachen ab und streitet sich besoffen-rabulistisch mit dem Filmemacher. Zum Schluss weint er viel und telefoniert mit seiner Mutter. Sehr ergreifend und ein bisschen abstoßend. Ein Meisterwerk, das extrem gute Laune macht.
Auf dem Rückweg hole ich meine überarbeiteten Jil-Sander-Boots bei Kenny in der Oderberger ab. Hat er wirklich gut wieder hinbekommen. Der Rest des Freitags ist gekennzeichnet durch Gasthund Molly einsammeln, in unser Häuschen nach Britz fahren, Kamin und Käsefondue, Aquarellmalen und Siebdruck. Überraschend – der Hund musste raus – gab es dann noch einen nächtlichen Atelierbesuch bei der Künstlerin Ellen DeElaine, die gerade ihre große Mid-Carreer-Show im Mai vorbereitet: altmeisterliche Ölbilder mit Kinderkrickelkrackel. Be surprised!
Samstag ist Tauwetter
Am Samstag ist der sibirische Winter einem üsseligen Tauwetter mit glitschigen Schneematschwegen gewichen. Es riecht nach nassem Hund und altem Hammer. Keine 10.000 Schritte heute. „Klassik, Pop etc.“ im DLF mal wieder Totalausfall. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass [2][Totalkünstler Timm Ulrichs] in die Sendung eingeladen werden muss. Der Mann ist 85! Apropos: Ich rufe Timmi an und vereinbare die Finissage seiner und Ursula Neugebauers kleiner Schau „Das Zeitliche Segnen“ in der Sammlung von Foerster Außenstelle Britz für kommenden Samstag, fünf bis zehn.
Dann beginnt die Grand Tour. Bei Galerie Burster zeigt Eglé Otto im Dialog mit Alex Feuerstein fenimistisch-surrealistische Großformate. Das an Dalís „Weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen“ erinnernde „Fortuna mit Kurkumaschenkel“ ist inspiriert durch die Mutter der Künstlerin, die Ökotrophologin ist, erläutert Kuratorin Joey in ceruleanblauem Pulli: das Chaos der Mutterschaft symbolisiert durch verschallertes Gemüse.
Nebenan in unserem Lieblings-Projektraum Roam geht es in Fotos und Geschichten um POCs in der DDR, aber wir müssen weiter zum [3][Majerus Estate], wo der letzte Abend der Serie „Lectures on Lectures“ sich Michels zehnmonatigen Stipendienaufenthalt 2000 in Los Angeles widmet. Gezeigt wird eines seiner großformatigen Billboard Paintings, „Deutsch Amerikanische Freundschaft, darauf eine Loriotfigur von dem ikonischen California-Schriftzug. Der ganze Majerus in einem Bild.
Prenzlbergmütter wechseln die Straßenseite
I totally can relate, weil ich mich gerade selbst für ein Stipendium in Kalifornien beworben habe. Gezeigt wird ein Vortrag des jungen, schlaksigen Michels in radebrechendem Englisch vor Studierenden am Pasadena Art Center 2001, kein Jahr später stürzt sein Flugzeug ab. Ergreifend, aber der Hund darf nicht mit rein und bellt die Hütte zusammen. Weiter ans andere Ende der Stadt zur [4][Galerie Kai Erdmann], hatten wir Kurt von Bley versprochen.
Kurt ist – wie Douglas Gordon – ein sehr lieber und feinfühliger Mensch, auch wenn Prenzlbergmütter die Straßenseite wechseln, weil sie sich vor seinen Piercings und Gesichttattoos fürchten. Seine Pillenarbeiten mit Autoluftfiltern sind großartige Allegorien auf unser verletzliches Dasein im fossilen Zeitalter. Punkt. Kolumnenfüllstand erreicht. Der Sonntag gehörte ganz der Rekreation.
23 Feb 2026
LINKS
[1] https://taz.de/Mausoleum-der-Filmgeschichte/!289053/
[2] /Kuenstlergespraech-mit-Timm-Ulrichs/!5700554
[3] /Ausstellungen-ueber-Michel-Majerus/!5869342
[4] /Galerieausstellung-ueber-Punk-Kunst/!6141294
AUTOREN
Holm Friebe
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