taz.de -- Tagebuch aus der Ukraine: Kyjiw, zwei Uhr nachts

Jede Nacht bricht irgendwo in der ukrainischen Hauptstadt die Strom- und Wasserversorgung zusammen. Die Menschen wehren sich – immer wieder.

Bild: Ein Wohnhaus in Kiew, davor wurden Notzelte errichtet, damit die Be­woh­ne­r:in­nen sich aufwärmen können

Was würden Sie tun, wenn plötzlich kein Wasser mehr aus dem Hahn kommt? Oder wenn die Heizung mitten im Winter plötzlich ausfällt? Oder wenn es plötzlich keinen Strom mehr gibt? Und was wäre, wenn all das zusammen auf einmal und auf unbestimmte Zeit passiert? Exakt [7][dieses Szenario] ist für viele Ukrainer:innen Realität geworden – auch für mich persönlich.

Kyjiw, zwei Uhr nachts. Russland führt einen weiteren massiven Angriff auf die Ukraine durch. Man hört eine [8][Explosion]. Eine von vielen, aber genau diese scheint ihr Ziel getroffen zu haben. Der Kühlschrank verstummt, alle Geräte im Haus gehen aus, im Bad gibt es kein Wasser mehr.

Es herrscht plötzlich Stille, in der nur noch zu hören ist, wie heißes Wasser aus dem Heizkörper der Zentralheizung fließt – das ist übrigens gut so: So werden die Heizungssysteme bei Frost vor einer Katastrophe bewahrt. Andernfalls würden der Heizkörper und die Rohre zu Bruch gehen – zusammen mit der Hoffnung, dass es wieder warm wird.

Kyjiw ist nicht irgendeine große Stadt, sondern es ist eine echte Metropole – mit Wolkenkratzern, U-Bahn, achtspurigen Straßen und teuren Restaurants. Doch inmitten all dieser Pracht wird man um Dutzende von Jahren in die Vergangenheit zurückgeschleudert. In den ersten Minuten nach dem Strom- und Wasserausfall versuche ich, mich an die neue Realität zu gewöhnen. Natürlich kommt der Winter nie plötzlich, und auch das vierte Jahr der russischen Invasion wurde von niemandem abgesagt – aber was muss ich persönlich jetzt tun? Hier ist mein Wasservorrat, hier ist mein Akku für mein Smartphone, hier ist meine Taschenlampe und hier ist meine warme Decke – wie verwundbar bin ich gerade?

Wer jung ist, kann Trinkwasser holen

Mein Kühlschrank hält beispielsweise zwölf Stunden lang, aber Lebensmittel können auch auf dem Balkon gelagert werden. Die Mobilfunkverbindung wird vermutlich auch weiterhin funktionieren, wenn auch nur mit Schwierigkeiten. Wer jung und gesund genug ist, hat noch die Zeit, Trinkwasser zu holen. Wenn man seine Jugend und Gesundheit hinter sich gelassen hat, muss man dasselbe tun, nur dass es deutlich schlechter geht.

Dann heißt es: abwarten. Höchstwahrscheinlich wird zuerst die Wasserversorgung wiederhergestellt. Deutlich später folgt dann die Stromversorgung. Und irgendwann auch die Heizung. Allerdings gibt es keine Garantie dafür, dass der nächste Beschuss nicht diesen Kreislauf erneut in Gang setzt.

Zehntausende Menschen sind hier in der Ukraine mit der Wiederherstellung der Kommunikationswege beschäftigt. Selbstlos, ohne angemessene Bezahlung und mit Überstunden. Allerdings bewunderte man in der Ukraine zu Beginn des Kriegs ebenfalls die Heldentaten der Eisenbahner. Hat dies ihr Leben und ihre Arbeitsbedingungen verbessert? Ich glaube nicht.

Im Internet findet man Videos, wie in einem der [9][Wohnviertel] von Kyjiw die Stromversorgung wiederhergestellt wird – und über dem ganzen Viertel ertönt der Jubelschrei der Bewohner:innen. Das ist es also, was wirklich Menschen verbindet. In diesem Jubelschrei ist auch meine Stimme zu hören.

[10][Vasili Makarenko] ist freier Autor aus Kyjiw und war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der [11][taz Panter Stiftung].

Aus dem Russischen von [12][Tigran Petrosyan].

Durch Spenden an die [13][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.

6 Feb 2026

[7] /Tagebuch-aus-der-Ukraine/!6141577

[8] /Tagebuch-aus-der-Ukraine/!6100886

[9] /Tagebuch-aus-der-Ukraine/!6090811

[10] https://taz.de/!s=&Autor=Vasili+Makarenko/

[11] https://taz.de/taz-panter-stiftung/die-taz-panter-stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/

[12] https://taz.de/Tigran-Petrosyan/!a22524/

[13] https://taz.de/Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/

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Vasili Makarenko

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