taz.de -- Die Wahrheit: Legende vom Stillen Freund
Wer hat an der Uhr gedreht? Wer hat mir den Reisebusunternehmen-Urlaub mit all den anderen Pensionisten versüßt? War es ein stiller Freund?
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Wenn ein Freund, ein guter Freund, das Beste ist, was es gibt auf der Welt, dann gilt das erst recht für den „Stillen Freund“. Von dieser reizenden, aus der Gruppenreisentradition stammenden Sitte hörte ich kürzlich zum ersten Mal, passend zum soeben angelaufenen, gleichlautenden Kinofilm „Silent friend“, bei dessen Protagonisten es sich um einen fast 1.000 Jahre alten Ginkgobaum handelt, der still verschiedene Handlungsstränge beobachtet.
Das Spiel „Stiller Freund“ dagegen wird ausschließlich von Menschen gespielt, vorzugsweise auf Urlaubsfahrten. Die Regeln wurden mir so erklärt, dass am Anfang eines gemeinsamen Ferienaufenthalts jedem und jeder Reisenden der Name eines anderen zugelost wird, zu dessen heimlichem „Stillen Freund“ er oder sie somit wird. Der Stille Freund, dessen Identität niemandem anderen in der Gruppe bekannt ist, hat fortan die Aufgabe, seinem Begünstigten kleine, überraschende Aufmerksamkeiten zukommen zu lassen:
Man kriegt etwa abends in der Bar plötzlich einen selbstverständlich bezahlten Lieblingscocktail vor die Nase gestellt, findet auf dem Frühstücksbrettchen schon ein mit Liebe und besonders viel Zwiebel geschmiertes Mettbrötchen vor oder entdeckt vor der Pistengaudi einen frisch gepflückten Strauß Edelweiß in den Skisocken. Wenn man möchte, kann man – je nach finanzieller und Hanglage – auch ein Brillantencollier dort hineinstopfen, dem Stillen Freund ist die genaue Freundschaftsdefinition selbst überlassen. Am Ende der gemeinsamen Auszeit soll jedenfalls in fröhlicher Runde erraten beziehungsweise enttarnt werden, wer von den Mitreisenden als „Stiller Freund“ fungierte.
Seit ich von dem Spiel weiß, entdecke ich überall „Stiller Freund“-Nachweise – und das wärmt mir das Herz. Wer hat mir denn wohl das kleine Schokobonbon auf das Kopfkissen des Schmuddelhotelzimmers gelegt? Wer hat dafür gesorgt, dass noch genau eine Flasche des guten billigen Crémants im Supermarktregal steht? Wer hat den Busfahrer überredet zu warten, bis ich mit hängender Zunge durch den Schneematsch angeschlittert komme?
Die Kehrseite ist allerdings, dass ich seitdem auch jede Menge „Stille Feinde“ spüre. Wer hat das letzte Klopapier und den letzten Tampon benutzt? Wer hat meinen teuren rechten Lederhandschuh versteckt? Wer hat sich beim DJ die Saragossa Band gewünscht?
Vielleicht liegt das Problem ohnehin eher im Pegel: Auf der „Stillen Treppe“ habe ich mich schon immer ungerecht behandelt gefühlt, und im „Raum der Stille“ wird einem das Quatschen verboten. Insofern müsste man die hübsche Sitte vielleicht mit einer nur geringfügigen Assimilation weiterführen: Eine „Laute Freundin“ kann schließlich ebenfalls Gutes tun, und das muss noch nicht mal unter dem Siegel der Verschwiegenheit passieren. Und wenn die Lauten Freunde eine Party machen, gibt’s garantiert Tanzen und Knutschen.
6 Feb 2026
AUTOREN
Jenni Zylka
Kolumne Die Wahrheit
Freunde
Stille
Film
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