taz.de -- Die Wahrheit: Irische Symptome

Auf der grünen Insel benehmen sich manche Einwanderer irischer als die Einheimischen, während Iren mit englischem Akzent anecken.

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Kummerkästen in Zeitungen sind eine feine Sache. Man erfährt von Problemen, von denen man gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Neulich zum Beispiel wandte sich eine besorgte Mutter an den englischen Daily Telegraph, weil sie befürchtete, dass ihr Teenager-Sohn „irisch“ werde.

Die Mutter ist halbe Irin, sodass der Teenager zu einer Risikogruppe gehört, bei der verdächtige Symptome auftreten können. Er verwende nun die irische Version seines Namens und äußere sich kritisch über „die Briten“, was seinen englischen Vater zur Weißglut treibe, berichtete die Mutter. Der Sohn hoffe, in Irland studieren zu können. Deshalb lese er Bücher über irische Geschichte, Literatur und Musik und lerne sogar Irisch, klagte sie.

Frank McNally von der Irish Times erklärte, dass Einwanderer die Einheimischen in vielen Aspekten des „Irischseins“ übertreffen. „Der irische Tanz wird von US-Amerikanern dominiert, deutsche und niederländische Besucher haben oft ein tieferes Gefühl für das Land als wir, die wir hier geboren sind“, schrieb er. „Japanische Touristen sind dafür bekannt, dass sie unsere notorisch schwierige Muttersprache im Handumdrehen lernen, während sie nach dem Unterricht im Pub Fiddle und Dudelsack spielen.“

Hingegen können Iren, die einen englischen Akzent haben, in Irland Probleme bekommen. Die Schriftstellerin Morag Prunty, die unter dem Pseudonym Kate Kerrigan schreibt und im Nordwesten Londons aufgewachsen ist, hat irische Eltern und fühlte sich schon immer durch und durch als Irin. Als sie aber 1991 nach Irland zog, machten die Einheimischen sich wegen ihres Akzents über sie lustig. „Es ist verletzend, ein Land so sehr zu lieben, und dann von den Menschen, von denen man gerne gemocht werden möchte, erklärt zu bekommen, dass man nicht zu ihnen gehört.“

Das geschieht ihr recht – warum ist sie auch in London geboren. Umgekehrt werden ja auch Menschen mit irischem Akzent in England verspottet. Obwohl in beiden Ländern überwiegend Englisch gesprochen wird, gibt es jede Menge Verständigungsschwierigkeiten. In beiden Ländern gibt es unzählige unterschiedliche Dialekte, aber für die Ohren des anderen klingen sie alle gleich – englisch oder irisch. Das kann ich bestätigen. Ich wurde in England 1993 aus einem Wirtshaus geworfen, weil die Irisch-Republikanische Armee (IRA) kurz zuvor eine Lkw-Bombe im Londoner Finanzzentrum gezündet hatte.

Mit irischem Akzent kann man aber auch in Irland Probleme bekommen. In der Gaeltacht im Westen Irlands, wo Irisch Umgangssprache ist, bestellte ich vor langer Zeit im Pub ein Bier und wurde von der lokalen Jugend als „feiner Englisch sprechender Gentleman“ gehänselt. Als ich mich rechtfertigte, dass ich aus Berlin stamme und gerade einen Irisch-Kurs an der Queen’s University Belfast belegt habe, genoss ich für den Rest des Abends Freibier.

2 Feb 2026

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Ralf Sotscheck

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