taz.de -- Künstlerbuch von Adib Fricke: Denken in Grundfarben

Die Produktion von Sinn in der Kunst beruht oft auf Worten. Der Künstler Adib Fricke findet in seinem Buch dazu kritische Sprach- und Schriftbilder.

Bild: Adib Fricke, „Your Brain is Your Brain“, 110 Plakatwände, Berlin 2013

Ist das wirklich schon mehr als 30 Jahre her? 1992, in der Berliner [1][Galerie von Anselm Dreher,] begegnete mir eine computergenerierte Kunst, die ich witziger in Erinnerung habe, als vieles, [2][was KI später in die Kunst] trug.

Zwei schlichte Monitore standen sich auf Sockeln gegenüber und führten einen kuriosen Dialog auf: „I'm still of the opinion that Expressionist sculptures have a message“. „It's lucky that Sol Lewitt loves to drink milk“.

Einerseits waren die meisten Sätze ziemlich sinnfrei, simulierten und karikierten aber andererseits die Haltung des einschüchternden Kunstkenners, der, um kein Namedropping verlegen, Prominentes mit intimen Details versehen kann. [3][Pierre Bourdieus Analyse des Destinktionsgewinns] spukte womöglich im Hintergrund.

„Das Lächeln des Leonardo da Vinci“ war die Arbeit betitelt, für die der Künstler Adib Fricke einen Zufallsgenerator mit Satzelementen gefüttert hatte, die in immer neuen Kombinationen auftraten. Als Galeriebesucher fühlte man sich da ein wenig ertappt und beobachtet. Das schlichte Setting erinnerte an einem Arbeitsplatz, der leise dazu aufforderte, auf der Hut zu sein vor den Klischees im eigenen Kunstverständnis.

Das Lächeln des Leonardo da Vinci

Wiederbegegnen kann man dem „Lächeln des Leonardo da Vinci“ in dem Buch „All These Words“, mit dem Adib Fricke und die Autorin Alessandra Pace auf Frickes Arbeit mit Sprache und Schrift in 35 Jahren zurückblicken. Das nüchterne Design und die Platzierung, nicht zuletzt im öffentlichen Raum, greifen dabei oft Marketingmuster auf: Somit verhandelt Adib Fricke nicht selten die Warenförmigkeit der Kunst, um sie aber zugleich zu unterlaufen.

Er erfand Akronyme, die an Firmenlogos erinnern, aber als sinnfreie Buchstabenkombinationen nur sich selbst meinen. Er setzte Verträge für den Handel mit Wörtern und ihre Lizenzierung auf, die auch urheberrechtliche Fragen verhandelten.

Unter anderem entwarf Fricke Cover für die fiktive Zeitschrift „Das neue Wort“, ziemlich Duden-like im Look, die Artikel ankündigte wie „Einfuhrbeschränkung für Suffixe aus Fernost?“. Da reicht eine Überschrift, um heute gleich an Trumps fatale Zollpolitik zu denken, aber auch an über Sprache geregelte Identitätspolitik.

Verknappung in Zeiten, deren Bildkonsum noch immer ansteigt, war von Anfang an eine ästhetische Strategie von Fricke. Grundfarben reichen ihm meist. Blau, rot oder grün ist der Grund der Plakate, die 2013 im Berliner Stadtraum auftauchten. Sie sprachen den unvorbereiteten Passanten an, der absichtslos den Blick über Werbeflächen schweifen ließ, mit einer Einladung zur Denkpause und Selbstbeobachtung: „dein Darm denkt mit“ oder „deine Synapsen warten auf Erregung“ war zu lesen. Adib Fricke hatte diese Sätze mit Neurowissenschaftlern des Max-Planck-Instituts in Leipzig entwickelt und sie beschrieben durchaus wissenschaftliche Erkenntnisse über die Prozesse des Denkens.

Bedeutungswolken, die in Sinnlosigkeit zerstieben

Andere Arbeiten führten Floskeln und Phrasen vor, die sich durch Häufigkeit und Popularität in Künstlerinterviews, recherchiert im Internet, auszeichneten: Bedeutungswolken, die in Sinnlosigkeit zerstieben. Die Ironie tritt dabei nicht bissig auf, vielmehr mit einer großen Lust am Spiel, am Zusammenbasteln der Kombinationen, an ihrer Gestaltung in verschiedenen Displays. Es ist eine Kunst, die sich bei aller kritischen Distanz doch immer wieder zum Kunstmachen bekennt.

Es spricht für die Arbeiten von Adib Fricke, dass die Fragen, die sie vor dreißig oder zwanzig Jahren behandelten, wie die Urheberschaft im digitalen Zeitalter, oder die Reduktion von Diskursen auf Floskeln, heute an Macht und Unheimlichkeit gewonnen haben. Seine Fragen haben nichts an Aktualität verloren.

27 May 2026

[1] https://taz.de/Konzentration-auf-die-Kunst/!596261&s=Galerie%2BAnselm%2BDreher&SuchRahmen=Print/

[2] /Die-Kunst-der-Woche/!6142206

[3] /Wenn-die-Klasse-entscheidet/!5854909

AUTOREN

Katrin Bettina Müller

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