taz.de -- Ausstellung „Katzen!“ in Hamburg: Die Stars des Internets
Katzen(-Videos) sind überall. Was passiert, wenn ein Hamburger Museum ihnen eine Sonderausstellung widmet?
Bild: Maneki-neko, Puppenmanufaktur Baigetsu Tomimoto-Ningyoen, Tokoname, Präfektur Aichi, Japan, 2025, Keramik (Ton)
Den Weg bereitet hat der Wolf. Dass man vor einigen Jahren schon mal [1][eine Ausstellung einem Tier gewidmet] habe, genauer: dem Verhältnis des Menschen zu einem Tier, daran erinnerte jetzt Barbara Plankensteiner. Die Direktorin des Hamburger Museums Kulturen und Künste der Welt (Markk) räumte aber auch gleich selbst ein, dass es sich da um eine Art nachträglicher Rationalisierung handelt. Und die [2][Ausstellung verdankt] ihr Thema mindestens so sehr einer ganz unsystematischen Beobachtung: Plankensteiner hatte einfach die vielen Katzen überall bemerkt. Durch die Medien, insbesondere durch die sozialen Medien, sei das Thema „explodiert“, sagte die Ethnologin weiter.
Tatsächlich nimmt „Cat Content“, die vor allem bildliche Darstellung unserer felinen Mitbewohnerschaft also, einen Raum ein, ist mit Bedeutung aufgeladen, wie das wenigen anderen Gegenständen passiert. Und anderen Tieren schon gar nicht; da müssen [3][Capybara] und [4][Shiba Inu] (und ihre Fans) kurz mal ganz tapfer sein.
Ambivalente Netzprominenz
Diese Prominenz ist nicht eindeutig positiv besetzt: „Cat Content“ muss immer wieder auch als Platzhalter dienen für Überflüssiges, Ablenkendes, Lebenszeitfressendes; für beinahe alles, [5][das vermeintlich falsch läuft] am Internet. Sind nicht all die Katzenvideos eigentlich schuld an der Entpolitisierung der Jugend – und ihrer unaufhaltsamen Radikalisierung gleich noch mit? Nehmen sie nicht Kapazitäten in Anspruch, medial, aber auch in den Köpfen der Nutzer:innen, mit denen viel Sinnvolleres anzufangen wäre, Hunger abschaffen, Weltfrieden herstellen oder so?
Eine derart eindeutige, rein negative Zuschreibung wäre ein Bruch mit dem Rang, den der nur beinahe domestizierte Räuber mit den Samtpfoten schon über die 10.000 Jahre menschlicher Gesellschaft genoss. In fünf Begriffen – im Ausstellungsraum werden daraus „Themeninseln“ – sucht „Katzen!“ sich dem flauschigen Objekt des Interesses zu nähern, fünf Vokabeln, die erst mal nicht überraschen dürften: „niedlich“, „verehrt“, „nützlich“, „stark“ und – streng genommen werden es also sechs Zuschreibungen – „(un)abhängig“.
Die werden illustriert und belegt, auch mal ironisiert in Bild und Objekt, das sich anfassen ließe, wenn man das denn dürfte. Auch flüchtige, weil onlinebasierte Varianten kommen zu ihrem Recht, so flimmern Katzenfotos auf einer Leinwand, im Vorfeld eingereicht vom Publikum. Japanische Ausprägungen wird viel Platz eingeräumt, vor allem, aber nicht nur, wenn es ums Niedliche geht. Vielleicht ja auch eine halbe Antwort auf die Frage, warum dies Thema in diesem lange der „Völkerkunde“ gewidmeten Museum seinen Auftritt hat.
Im Vorwort zur [6][begleitenden Publikation], ein Buch mehr denn ein Katalog, geht Plankensteiner noch mal auf die Sache mit dem Wolf ein: Habe dessen reale Rückkehr nicht zuletzt Ängste hervorgerufen, „begleiten widersprüchliche Emotionen“ auch das Katzentier. Die Ausstellung „folgt ambivalenten Geschichten“, und „besonderes Augenmerk“ liege dabei auf der „häufigen Verknüpfung der Katze mit Weiblichkeit und Fruchtbarkeit“.
Hexen und andere Querulantinnen
Wer da an Hexen denkt, liegt schon ganz richtig, und nicht nur im Kopf [7][des amtierenden US-Vizepräsidenten] ist es da nur noch ein kurzer Weg zum so viel heutigeren Anwurf, der [8][„childless cat lady“]. Der Hamburger Ausstellung lässt sich entnehmen, dass auch das zurückgreift auf 100 Jahre früher geprägtes Bild-, Text- und Chauvinismusrepertoire: Dass die Gegner (seltener auch -*innen) des Wahlrechts für Frauen nicht schon das Internet und Social Media zur Verfügung hatten, muss uns als Segen erscheinen.
Damit brechen dann am ehesten die Verweise auf die Stärke und Un-Abhängigkeit der Katze, eher selten auch Frauen zugestandene Eigenschaften; zugeschrieben beziehungsweise nicht, versteht sich, zumeist von Männern. Hier kommt der Ausstellung zugute, dass Katze ja auch Raubkatze heißen kann: Auf deren Stärke und Gefährlichkeit erhebt nicht nur Anspruch, wer seine Soldaten [9][in Tigeruniformen] hüllt, wie es eine aus der chinesischen Qingdynastie (1644–1912) vorführt. Zumal in lateinamerikanischen Protestdiskursen treten Leopard und Jaguar als Repräsentanten [10][indigenen, weiblichen Widerstands] auf, und das auch im frühen 21. Jahrhundert noch.
Handelstricks und „Hello Kitty“
Ist „Katzen!“ nun eine bloße Kuriositätenschau, ein bisschen „Hello Kitty“ und ein paar tierische, einst fernen Handelspartnern abgeluchste Fundusobjekte, ein Schwung Glück verheißender Winkekatzen und, nicht zu vergessen, das beeindruckende pinkfarbene Katzensofa (aber bitte nicht mit Schuhen, man ist immer noch in einem Museum!)? Unterhaltsam – aber nichts, was dem Vergleich standhielte mit den teils so schwere Themen aufgreifenden anderen Schauen des Hauses? Kommt wohl auf die mitgebrachte Erwartung an: Wer hier belehrt werden möchte, kann das durchaus eingelöst bekommen, bloß spektakuläre, kommende Konversation bestimmende Thesen liefert „Katzen!“ nicht.
Dass die Beschäftigung mit flauschigem Hausgetier von Relevanz ist, das hat beinahe gleichzeitig mit der Ausstellungseröffnung erst wieder, nur zum Beispiel, der Podcast der (tabakkonzernfinanzierten) Stiftung für Zukunftsfragen unterstrichen: Sein Thema am 11. Dezember war die Frage: „[11][Wie Haustiere unsere Gesellschaft prägen]“.
Spätestens wenn da auch Flauscheffekte auf die Gesundheit auftreten – erst mal jene des*der einzelnen Streichler*in, ist aber auch selbstredend Teil von größerem Ganzen –, zeigt sich: Ja, auch in neoliberalem Ideologiegefüge hat die Samtpfote ihren Platz. So bald werden wir sie nicht los. Die sympathischere Relevanzspur finden wir im Begleitkatalog: Da wird aus der Frage, wie wir's mit der nicht eindeutig nützlichen, nicht restlos kontrollierbaren, keine Befehle befolgenden Katze halten, eine Art ethischer Lackmustest. Sich mit ihr zu umgeben, wäre demnach eine Übung im Akzeptieren des nicht rein Zweckmäßigen.
6 Jan 2026
LINKS
[1] /Ausstellung-Von-Woelfen-und-Menschen/!5587510
[2] https://markk-hamburg.de/ausstellungen/katzen/
[3] https://www.nici.de/tierarten/capybara/
[4] /Netzphaenomene-und-Kryptowaehrungen/!6056644
[5] https://taz.de/Die-Katze-als-Koenigin-des-Internets/!5229125/
[6] https://markk.shop.koronaevent.de/de/offers/p534fe0f4-6004-4886-a304-9be518bd6e73
[7] /JD-Vance/!t6040546
[8] /Wahlempfehlung-von-Taylor-Swift/!6036254
[9] https://gwongzaukungfu.com/en/the-tigers-of-war-of-the-qing-dynasty/
[10] https://markk-hamburg.de/files/media/2025/02/Pressefoto_MARKK_KATZEN_Between_the_Leopard_and_the_Jaguar.jpg
[11] https://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/mehr-als-nur-begleiter-wie-haustiere-unsere-gesellschaft-praegen/
AUTOREN
Alexander Diehl
Katzen
Ausstellung
Hamburg
Haustiere
Internet
Hello Kitty
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