taz.de -- Tagebuch aus der Ukraine: Wie du Silvester feierst, so gehst du ins neue Jahr

Unsere Autorin wollte 2026 zusammen mit ihren Kindern in Odessa begrüßen. Doch die blieben in Wien bei der Oma. Und sie selbst musste im Bunker feiern.

Bild: Luftschutzbunker in Odessa, Ukraine, Oktober 2022

Seit meiner frühesten Kindheit hat mir meine Großmutter beigebracht, wie wichtig es ist, mit wem man [7][Silvester] feiert: „Mit diesen Menschen verbringt man das ganze nächste Jahr.“ Sie sagte, es solle leckeres Essen auf dem Tisch, Dekorationen im Haus und gute Laune geben. Denn genau mit diesem Gepäck gehe man in die neue Zeit.

Ich habe lange versucht, diese Tradition aufrechtzuerhalten. Aber mit jedem Jahr ist es schwieriger geworden.

Bei uns in [8][Odessa] fliegen in diesen Tagen wieder die Raketen. Also feiern wir Silvester nicht am festlich gedeckten Tisch, sondern in einem Schutzraum – zusammen mit unseren Nachbarn, weil es für alle lebensgefährlich ist, in ihren Wohnungen zu bleiben.

Die internationalen Medien berichten derzeit viel über Pläne, Vereinbarungen und [9][Verhandlungen] rund um die Ukraine. Doch hier, in unserem Versteck, in der Dunkelheit, in die uns Russland gestürzt hat, klingen all diese Worte wie Hohn. Denn mit jeder Verhandlungsrunde gehen noch heftigere Angriffe einher. Wir verstehen dies als russischen Versuch, der Ukraine Bedingungen aufzuzwingen, die das Land und seine Menschen nicht akzeptieren wollen.

Ich würde den Lesern so gerne etwas Gutes erzählen. Ich würde gerne schreiben, dass wir trotz allem weiterleben. Dass ich meine Lieblingssalate zubereitet, Champagner eingeschenkt und mir beim Glockenschlag um 24 Uhr etwas gewünscht habe. Ich glaube, dieser Wunsch ist der ganzen zivilisierten Welt bekannt. Wir wünschen uns alle dasselbe.

Der Traum vom Neuen Jahr mit der Familie

Meine Kinder haben Silvester in Sicherheit bei ihrer Großmutter in Wien verbracht. Sie haben sich dort gut eingelebt, besuchen die örtliche Schule, sprechen ausgezeichnet Deutsch und besuchen zudem die Ukrainische Samstagsschule. Ich hatte sehr gehofft, sie dieses Jahr nach Hause holen zu können, damit wir endlich gemeinsam feiern. Silvester begehen, so wie ihre Großmutter es uns beigebracht hat – zusammen, nicht getrennt.

Ich war also nach Wien gefahren, um sie abzuholen. Aber ich habe sie nicht zurück mitgenommen. Nur Weihnachten konnten wir zusammen verbringen. Zurückgekehrt bin ich alleine. Die [10][Brücke], über die fahren muss, wer nach Odessa will, wurde bombardiert, und die Rückfahrt ist nun noch gefährlicher als zuvor. Ich habe nicht das Recht, das Leben meiner Kinder auch nur dem geringsten Risiko auszusetzen.

Silvester und Neujahr findet nun in meinem Haus statt, bei Kerzenschein. Ich gebe zu, dass ich mich so manchmal sogar wohler fühle. Nur das Kochen [11][ohne Strom] ist schwierig. Die Nachbarn haben bequeme Sessel in den Schutzraum getragen. Es roch nach Mandarinen und Alkohol.

Ich sah das Lächeln meiner Nachbarn und verstand: Das wahre Licht kommt von den Menschen, und es kann ihnen nicht genommen werden. Obwohl in Odessa seit fast einem Monat der Strom vollständig ausgefallen ist und die Zerstörung der Infrastruktur weitergeht. Russland tilgt ukrainische Städte vom Erdboden.

Diese Ungerechtigkeit werde ich niemals akzeptieren, verstehen oder vergeben können. Aber immer wieder gehe ich zum Spiegel und überprüfe, ob der Hass mein Licht verschlungen hat. Solange es noch da ist, lebe ich. Und ich weiß, dass man mich sieht und hört.

[12][Tatjana Milimko]ist Chefredakteurin des ukrainischen Onlinenachrichtenportals [13][USI.online] und Alumna der taz Panter Stiftung ([14][Workshops für Journalist:innen aus Osteuropa])

Aus dem Russischen von [15][Tigran Petrosyan].

Durch Spenden an die [16][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.

2 Jan 2026

[7] /Silvester/!t5024592

[8] /Odessa/!t5009857

[9] /-Nachrichten-im-Ukraine-Krieg-/!6141487

[10] /-Nachrichten-im-Ukraine-Krieg-/!5948366

[11] /Infrastruktur-in-der-Ukraine/!6140494

[12] https://taz.de/Tatjana-Milimko/!a127521/

[13] https://usionline.com/

[14] https://taz.de/Osteuropa-Workshops/!vn6047722/

[15] https://taz.de/Tigran-Petrosyan/!a22524/

[16] https://taz.de/Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/

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Tatjana Milimko

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