taz.de -- Generaldebatte im Bundestag: Der Ankündigungskanzler

Friedrich Merz verspricht zu oft, was er nicht halten kann. Im Bundestag lässt er Fragen offen, auch, wie er sich die Sozialreform vorstellt.

Bild: Auf dem Weg zur Generaldebatte: Lars Klingbeil und Friedrich Merz am Mittwoch im Bundestag

Der Kanzler hat die ungute Neigung, Erwartungen zu wecken, die er nicht erfüllt. Da war zuerst die Ansage, es werde schon bald allen besser gehen, weil er ja im Kanzleramt sitzt. Danach verkündete Friedrich Merz den [1][Herbst der Reformen], bei dem niemand so recht weiß, was gemeint ist. Dann beerdigte er den Sozialstaat, um sich seitdem wortreich zu ihm zu bekennen. Die einzige Konstante bei Merz scheint zu sein, dass er Produktenttäuschungen in immer höherer Frequenz liefert. Wäre Merz Kaufmann, der Bankrott wäre nah.

Schwarz-Rot hat die Unternehmensteuern gesenkt, die Grenzen fast dichtgemacht, Investitionen für die Infrastruktur beschlossen, Unsummen für Rüstung mobilisiert. Wer bei der [2][Generaldebatte im Bundestag] erfahren wollte, was noch ansteht, wurde enttäuscht. Offen ist, wie Schwarz-Rot das 30-Milliarden-Loch für 2027 füllen will. Offen ist, wie die Reformen des Sozialstaats aussehen sollen. Fragt man den Kanzler, ist die Antwort entweder wolkig oder tagesformabhängig.

Der Wankelmut des Kanzlers erhellt schlaglichtartig, dass die Union programmatisch blank ist. Bis jetzt funktioniert nur die [3][radikale Begrenzung der Migration]. Umso größer ist die Aufgabe der SPD, die mausgrau mitregiert. Ihr Job ist es, wie schon zu Merkels Zeiten, im Hintergrund die Linien zu ziehen. Die gute Nachricht ist, dass SPD-Chef Lars Klingbeil offenbar strategisch denkt. [4][Kürzungen beim Sozialen] werde es nur geben, wenn Reiche mehr Steuern zahlen – so Klingbeil in der SPD-Fraktion.

Auch wenn man Kürzungen beim Sozialen generell ablehnt – realpolitisch ist das richtig. Schwarz-Rot kann es sich nicht erlauben, sich bei der Reform des Sozialstaates komplett zu blockieren. Schwarz-Rot kann sich auch nicht erlauben, den Ärmsten Geld wegzunehmen, derweil das obere eine Prozent viel Geld verdient, ohne einen Finger krumm zu machen. Die Frage lautet, ob Merz das versteht. Und ob er der Öffentlichkeit höhere Steuern für Reiche verkaufen kann. Ohne Produktenttäuschung.

24 Sep 2025

[1] /Herbst-der-Reformen/!6107786

[2] /Generaldebatte-im-Bundestag-/!6115699

[3] /Neuer-Innenminister-will-Pushbacks/!6086726

[4] /Vermoegensdebatte/!6107803

AUTOREN

Stefan Reinecke

TAGS

Bundestag

Soziales

Migration

Friedrich Merz

Haushalt

ARTIKEL ZUM THEMA

Zu rosige Perspektiven: „Gebrochene Versprechen“ und das endgültige Ende der BRD

Etwas leiser treten wollen offenbar die politischen Köpfe der Nation. Die Wirtschaftsministerin jedenfalls sollte keine falschen Hoffnungen wecken.

Klausur der Bundesregierung: Herbstsonate von Schwarz-Rot

Die schwarz-rote Regierung zieht sich zur Klausur zurück – und hofft, dort mit einer einheitlichen Position herauszukommen.

Grüne mit Säugling im Bundestag: Es ist 2025, Baby!

Hanna Steinmüller hält als erste Abgeordnete eine Rede im Bundestag mit Baby vor dem Bauch. Bemerkenswert, dass das noch bemerkenswert ist.

Generaldebatte im Bundestag: Muss Merz mehr Bahn fahren?

Friedrich Merz zitiert im Parlament alte Textbausteine von sich selbst. Alice Weidel liebt die Apokalypse. Und die SPD hofft, dass die Investitionen im Land ankommen.

Generaldebatte im Bundestag: Merz kündigt Winter, Frühling, Sommer der Reformen an

Der Bundeskanzler wirbt in der Generaldebatte erneut für „mutige“ Reformen. Für welche, bleibt unklar. Klar ist nur, wem er nichts zumuten will.

Friedrich Merz und Sozialkürzungen: Unklar, ob so viel Geld gespart werden kann

5 Milliarden Euro Sparpotenzial beim Bürgergeld? Das Sozialministerium stützt die Prognose des Kanzlers nicht, sondern nennt sie offenbar „unseriös“.

Merz' Reformherbst: Sozialstaat zu teuer? Von wegen!

Friedrich Merz sagt, der Sozialstaat sei nicht mehr finanzierbar. Die SPD kritisiert das. Und auch der Volkswirt Sebastian Dullien widerspricht.

Proxied content from gemini://taz.de/%216111687 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216111687
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.