taz.de -- Paragraf 218: Reine Betroffenheitsprosa

Die Ampel-Regierung folgt nicht dem Rat einer Kommission, Abtreibungen zu legalisieren. Damit verweigert sie sich dem Willen der Wähler:innen.

Bild: Komplexe und emotionale Materie: Die Mi­nis­te­r:in­nen Paus, Lauterbach und Buschmann am 15.4

Wie erwartet duckt sich die Ampelregierung beim Schwangerschaftsabbruch weg. Statt die Empfehlung der von ihr eingesetzten wissenschaftlichen Kommission umzusetzen und Abtreibungen zu legalisieren, betonen Politiker:innen von FDP, SPD und Grünen das Spaltungspotenzial des Themas. So bat bei der Vorstellung des Kommissionsberichts am Montag selbst die grüne Frauenministerin Lisa Paus um Verständnis für politische Untätigkeit. Die Materie sei halt „komplex“ und „emotional“.

Mit einer solchen Betroffenheitsprosa schaffen die angeblich progressiven Parteien die Basis für gesellschaftliche Spaltung. Würden sie ihrem eigenen [1][Aufruf zur Sachlichkeit f]olgen, redeten sie ausschließlich über Fakten. Danach verhindert die Kriminalisierung eine gute medizinische Versorgung, wie die vergangene Woche [2][vorgestellte Elsa-Studie gezeigt hat].

Und die Kommission kam zu dem Ergebnis, dass die deutsche Gesetzgebung (Abtreibungen sind verboten, werden unter bestimmten Voraussetzungen aber nicht bestraft) auch juristisch betrachtet nicht haltbar ist: Das Lebensrecht des Fötus in der Frühphase der Schwangerschaft sei nicht gleichwertig gegenüber dem der Schwangeren.

Das Märchen eines Kompromisses

Das könnten die Ampelparteien den Deutschen erklären. Stattdessen erzählen sie das [3][Märchen weiter, das Konservative der Gesellschaft seit Jahrzehnten auftischen]. Danach ist der Paragraf 218 „ein guter Kompromiss“, der einen „Kulturkampf“ verhindere. Das ist Quatsch. Ein Kompromiss würde voraussetzen, dass sich zwei gleich starke Seiten gegenüber stehen: Die einen wollen Abbrüche erlauben, die anderen verbieten.

Letzerem stimmten 2023 in einer Umfrage nur 3 Prozent der Befragten zu. Selbst in der Union gibt es nur wenige Hardliner, denen die Selbstbestimmung von Frauen so egal ist, dass sie auf ihre Stimmen verzichten. Nach einer aktuellen, [4][der taz vorliegenden Umfrage] lehnen 77,5 Prozent der Unionswähler:innen die Rechtswidrigkeit des Abbruchs ab. Es gibt also keinen vernünftigen Grund, das Thema auszusitzen.

15 Apr 2024

[1] /Daphne-Hahn-zum-Stigma-der-Abtreibung/!6000665

[2] /Daphne-Hahn-zum-Stigma-der-Abtreibung/!6000665

[3] /CSU-Politikerin-Baer-zu-Abtreibungen/!6000649

[4] /Umfrage-zu-Abtreibungen-in-Deutschland/!6004352

AUTOREN

Eiken Bruhn

TAGS

Ampel-Koalition

Schwerpunkt Paragraf 219a

IG

Lisa Paus

Schwerpunkt Abtreibung

GNS

CDU/CSU

ARTIKEL ZUM THEMA

Abschaffung des Paragrafen 218: Abgeordnete wollen Abtreibung legalisieren

SPD, Grüne und Linke legen einen Gesetzentwurf zur Legalisierung von Abbrüchen vor. Nun müssen noch CDU und FDP mitmachen – viel Zeit ist nicht mehr.

Umfrage zu Abtreibungen in Deutschland: Große Mehrheit für Legalisierung

80 Prozent der Menschen in Deutschland finden die Rechtswidrigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen falsch. Das zeigt eine repräsentative Umfrage.

Abschaffung des Paragraf 218: Für das Recht am eigenen Körper

Schwangerschaftsabbrüche sind nicht legal, aber prinzipiell möglich – das ist ein fauler Kompromiss. Die Zeit ist reif, sich vom Paragrafen 218 zu verabschieden.

Debatte um Paragraf 218: Bis zur Geburt oder gar nicht

Wer sachlich auf die Debatte guckt, kommt zum Schluss: Abtreibungen auf Wunsch der Schwangeren müssen ganz verboten – oder komplett erlaubt werden.

Proxied content from gemini://taz.de/%216001679 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%216001679
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.