taz.de -- Proteste wegen Kürzungen beim Agrardiesel: Zoff zwischen den Bauernverbänden

Vor der Agrarministerkonferenz signalisiert der Deutsche Bauernverband Kompromissbereitschaft. Doch nicht alle Landwirte wollen da mitmachen.

Bild: Kein Galgen, nur eine demokratische Drohung: Bauernprotest Ende Februar

Berlinafp/dpa | Der Deutsche Bauernverband (DBV) signalisiert [1][im Streit um die geplanten Subventionskürzungen beim Agrardiesel] Kompromissbereitschaft. Man werde nicht in vollem Umfang auf den Steuervergünstigungen bestehen, „wenn es im Gegenzug zu Mehrbelastungen beim Kraftstoff an anderer Stelle zu realen Entlastungen kommt“, sagte DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken der Welt am Sonntag. Ähnliche Vorschläge hatte es zuvor auch aus den Reihen der Ampel-Koalition gegeben.

Im Internetdienst X, früher Twitter, [2][teilte der Bauernverband mit, er habe seine Position auch in einem Schreiben an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) deutlich gemacht]. Als Ausgleich für Mehrbelastungen müsse es „zu mindestens gleichwertigen Entlastungen“ kommen.

Allerdings stößt diese offizielle Linie bei [3][einigen radikaler gesinnten Landwirten der Organisationen Freie Bauern, Bauernbund und Land schafft Verbindung] auf Widerstand. „Wir sind doch nicht monatelang gegen diese völlig überzogene und ungerechte Steuererhöhung auf die Straße gegangen, um jetzt kleinlaut zurückzurudern“, sagte Martin Dippe vom Bauernbund Sachsen-Anhalt am Samstag. Dippe wird [4][mit Autobahnblockaden in den vergangenen Wochen] in Verbindung gebracht.

DBV-Generalsekretär Krüsken mahnte dagegen: „Wir wollen unseren Mitgliedern nicht vorspielen, dass, wer am lautesten schreit, am besten Gehör findet.“ Einige Landwirte hatten die Proteste in der vergangenen Woche wieder eskaliert, dabei waren auch Unbeteiligte verletzt worden.

Union mischt sich ein

„Jeder mögliche Kompromiss, mit dem die Lage jetzt befriedet werden soll, muss mit den Landwirten besprochen werden“, sagte Unions-Fraktionsvize Steffen Bilger ebenfalls der WamS. Er plädierte für eine rasche Einigung, um eine weitere Radikalisierung zu verhindern. Dabei sei es für die Regierung aber „ratsam, den Landwirten jetzt entgegenzukommen“.

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) mahnte dort zu einem Ausgleich. „Die Bundesregierung sollte einen Kompromiss mit den Bauern suchen, der den Landwirten die Last wieder abnimmt, die sie ihnen aufzwingt“, wird er zitiert. Auf Landesebene habe Brandenburg dies bereits getan. „Unsere Landwirte werden ab 2025 zusätzlich mehr als 30 Millionen Euro erhalten“, so Woidke. Dies könne sich die Bundesregierung zum Vorbild nehmen.

Ab Mittwoch treffen sich die Agrarminister von Bund und Ländern in Erfurt. Die Bundesregierung hat beschlossen, die Steuervorteile für Landwirte beim sogenannten Agrardiesel schrittweise abzubauen. Der Bundestag hat das betreffende Gesetz bereits verabschiedet, es fehlt aber noch die Schlussberatung im Bundesrat. Unter anderem Bundeslandwirtschaftsminister [5][Cem Özdemir (Grüne) hat vorgeschlagen, landwirtschaftliche Betriebe dafür an anderer Stelle zu entlasten], etwa beim aus Tierschutzgründen anstehenden Stallumbau.

Wegen diverser Rechtsverstöße laufen in mehreren Bundesländern strafrechtliche Ermittlungen gegen Beteiligte an Protestaktionen von Landwirten. Der DBV betont allerdings, daran nicht beteiligt gewesen zu sein. In [6][Brandenburg waren in der vergangenen Woche mehrere Menschen verletzt worden], nachdem sie mit dem Auto in Misthaufen und weitere von Protestierenden errichtete Hindernisse auf einer Schnellstraße gefahren waren. Auch ein Todesfall bei einem Verkehrsunfall in Hessen wird mit einer Protestaktion in Verbindung gebracht.

10 Mar 2024

[1] /Blockiertes-Wachstumsgesetz-der-Ampel/!5989360

[2] https://twitter.com/Bauern_Verband

[3] /Anhaltende-Proteste-der-Landwirte/!5994514

[4] /Bundesweiter-Bauernprotest/!5983907

[5] /Agrarpolitik-der-Bundesregierung/!5980053

[6] /Misthaufen-auf-der-Strasse/!5993538

TAGS

Bauernprotest

Bauernverband

Ampel-Koalition

ARTIKEL ZUM THEMA

Bauern bilden Banden: Die Milchrebellion

Besser als Dieselsubventionen: Wenn Bauern sich in Erzeugergemeinschaften organisieren, können sie bessere Preise für ihre Produkte aushandeln.

Ukrainische Agrarprodukte: EU deckelt zollfreie Importe

Viele ukrainische Agrarprodukte müssen ab Juni wieder verzollt werden – ab einer bestimmten Menge. Der Zolldeckel gilt aber nicht uneingeschränkt.

Anhaltende Proteste der Landwirte: Warum sagt niemand „Bauern-RAF“?

Politik und Medien nennen Klimaproteste gern „Terror“. Die Bauernproteste werden dagegen milder beurteilt. Dabei sind sie der Extremismus der Mitte.

GdP-Chef über Bauernproteste: „Ein Angriff auf die Demokratie“

Traktoren auf Protesten sind gefährlich. Nach der Eskalation in Brüssel fordert Jochen Kopelke, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, ein Verbot.

Mehr intakte Natur in Europa: Meere, Moore und Massenproteste

Endlich bekommt die EU ein Gesetz zur Wiederherstellung der Natur. Umweltschützer sprechen von einem Meilenstein, Landwirte sind erbost.

Proxied content from gemini://taz.de/%215994648 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%215994648
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.