taz.de -- Postsowjetischer Dekolonisierungskampf: Der Geschmack der Freiheit

Der Wein Freedom Blend wird mit Rebsorten aus Moldau, Georgien und der Ukraine produziert. Er symbolisiert den gemeinsamen Freiheitskampf der Staaten.

Bild: Ein Wein als Ausdruck des freien Geistes

Neulich habe ich mich in Chișinău mit einem Freund aus Bukarest getroffen. Wir nutzten die Gelegenheit, gemeinsam den moldauischen Rotwein „Freedom Blend“ zu verkosten – als Zeichen der Solidarität mit den jungen Menschen, die im April 2009 auf den Straßen Chișinăus für die Freiheit gestorben sind, mit den tapferen jungen Georgiern, die ihre Freiheit verteidigt haben, und natürlich mit dem ukrainischen Volk, das täglich heldenhaft für seine Freiheit kämpft.

Während wir unsere Gläser mit dem rubinroten Wein füllen, erkläre ich meinem Freund die Symbolik dieses Weines, auf dessen Flaschenetikett ein blaugelbes Herz und weiße Vögel zu sehen sind.

Der letztjährige Freedom Blend hatte dieses Etikett auf seinen Flaschen. Er wurde als Symbol der Kampagne für Solidarität und Unterstützung der Ukraine von Chateau Purcari, dem ältesten und angesehensten Weingut der Republik Moldau auf den Markt gebracht.

Es liegt nur etwa 20 km von der moldauisch-ukrainischen Grenze entfernt und nahm 2022 Hunderte von ukrainischen Flüchtlingen auf, von denen einige bis heute dort arbeiten.

Ursprünglich sollte mit diesem Wein die Freiheit dreier Staaten und ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion gefeiert werden. Doch heute ist er zum Symbol der Solidarität mit diesen drei Ländern und ihrem Kampf zur Verteidigung eben dieser Freiheit geworden.

Freedom Blend vereint drei Rebsorten, jeweils eine aus Georgien, der Ukraine und Moldau – Staaten also, die von Russland militärisch bedroht wurden oder werden. Anders gesagt: der Wein enthält das Herz Georgiens, den Freiheitsgeist der Ukrainer und den moldauischen Widerstand.

Der halbtrockene Wein hat einen ganz eigenen Charakter mit Noten dunkler Kirschen und Beeren, Leder, Rauch und Erde nach dem Regen. Der Geschmack des Weines soll mit eben jener echten Freiheit assoziiert werden, zu der diese drei Länder sich auf den Weg gemacht haben.

Obwohl die Republik Moldau, wie auch Georgien und die Ukraine, 1991 ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärt hatte, wurde das Land weiterhin von einem kommunistischen Regime regiert, das loyal zu Moskau stand. Der 7. April 2009 wurde zu einem politischen Wendepunkt für die Republik Moldau. Zehntausende junge Moldauer gingen auf die Straße und forderten Freiheit, nachdem die Kommunisten zum dritten Mal hintereinander die parlamentarische Mehrheit gewonnen hatten. Die Freiheitsdemo wurde blutig niedergeschlagen. Die Geschichte ging weiter.

[3][Der Sieg der echt pro-europäischen Kräfte] bei den letzten Wahlen 2020 und 2021 zeigt auf jeden Fall den Willen der Menschen in Moldau, die antikommunistische Bewegung fortzuführen.

Ähnliche Freiheitsbekundungen konnten wir vor einem Monat bei den jungen Menschen in Georgien sehen, [4][die tapfer die Freiheit ihres Landes verteidigten].

Mit dem Freedom Blend des Jahrgangs 2022 sollen Mittel zur Unterstützung des Projekts gesammelt werden, denn der gesamte Erlös aus dem Verkauf dieses Weines mit dem Ukraine-Etikett kommt dem Nachbarland zugute. Den Wein kann man in Moldau für zehn Euro kaufen. Das ist mittlere Preislage im Vergleich zu anderen Qualitäts-Weinen, die in diesem Land hergestellt werden.

Er wird überall verkauft, in Bars, Restaurants, Geschäften, am Flughafen und er wird oft für offizielle Anlässe, aber auch für Familienfeiern gewählt.

Die Menschen kaufen Freedom Blend wegen seiner symbolischen Bedeutung.

Aus dem Russischen [5][Gaby Coldewey]

Finanziert wird das Projekt von der [6][taz Panter Stiftung].

Einen Sammelband mit den Tagebüchern hat der Verlag [7][edition.fotoTAPETA] im September 2022 herausgebracht

22 May 2023

[3] /Parlamentswahl-in-Moldau/!5784895

[4] /Georgien-stimmt-gegen-NGO-Gesetzentwurf/!5921111

[5] https://taz.de/Gaby-Coldewey/!a23976/

[6] /Osteuropa-Projekte/!vn5913530

[7] https://www.edition-fototapeta-shop.de/

AUTOREN

Daniela Calmis

Daniela Calmîș

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