taz.de -- Online-Projekt querdenker-shop.com: „Wechseln Sie den Kurs!“

Ein Onlineshop ködert Verschwörungsideologen mit einschlägigen Artikeln. Aber zu kaufen gibt es nichts: Statt dessen gibt es ein Ausstiegsangebot.

Bild: Das ist die Zielgruppe des Shops: Rechte VerschwörungstheoretikerInnen, hier Ende August in Berlin

Hamburgtaz | Das Geschäft mit dem Merchandising läuft im Querdenker- und Coronaleugner-Milieu. „Gib Gates keine Chance“-T-Shirts können im Internet bestellt werden. Auch mit „Zwangsimpfung? Nein Danke!“ ist eines online zu erwerben sowie mit diversen anderen Parolen. Slogan eingeben: Amazon hilft. Seit einer Woche ist ein neuer Anbieter auf dem Markt: der [1][Querdenker-Shop.com]. Wer sich über die Proteste gegen die Pandemie-Maßnahmen informiert, stößt schnell auf das Portal.

Im Angebot ist hier etwa der „Seeker“, ein Detektor für Mikrochips unter der Haut, oder „Alert“: eine Leuchte, die auf 5G-Strahlungen reagieren soll. Ganz ohne Hightech kommt „Cover“ aus, eine Arm-Atrappe aus Silikon, die in „jeder Hautfarbe“ vor Zwangsimpfungen schützen soll. Wer auf dem Hamburger Portal auf „mehr erfahren“ klickt, bekommt allerdings nicht die Preise angezeigt, sondern ein eher grundsätzliches Angebot zum Umdenken und die Aufforderung, die eigene Weltsicht zu hinterfragen.

Den vermeintlichen Shop hat „Kurswechsel Hamburg – Ausstiegshilfe Rechts“ online gestellt. Das Team ist beim Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands e. V. (CJD) angesiedelt. Mit dem Produktdesign-Studenten Hans Thiele von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden hat die Ausstiegshilfe vier fiktive Produkte entwickelt, die Querdenker*innen ansprechen könnten.

Die Idee: Nach dem Klick auf „mehr erfahren“ findet sich ein Angebot zum Innehalten und zum Gespräch. „Seit Anfang 2020 stellt die Coronapandemie täglich Menschen weltweit vor Veränderungen und neue Herausforderungen“, heißt es dort. Nicht „nur in solchen, als Krisen erlebten Zeiten“ sei es für eine freie und lebendige Gesellschaft wichtig, „Sachverhalte zu hinterfragen, zu diskutieren und sich auch über kontroverse Themen auszutauschen“.

Doch dem Glauben, dass „hinter allem finstere Mächte stehen und die ganze Welt gelenkt“ werde, folgten „meist antisemitische, rassistische und menschenverachtende Ideologien“. Kurswechsel warnt davor und schlägt vor: „Lassen Sie es nicht soweit kommen, wechseln Sie den Kurs und sprechen Sie mit uns!“ Es folgen die Kontaktdaten.

Der Shop ist seit dem 16. Februar online. Die Adresse der Webseite wurde in den verschiedensten Online-Gruppen und auf Seiten von Verschwörungsgläubigen veröffentlicht, sagt ein Mitarbeiter von „Kurswechsel“.

In Hamburg verschickten sie zeitgleich 12.000 Postkarten, um auf dem „Querdenker-Shop“ aufmerksam zu machen. Das Ziel der Seite sei nicht nur, „jenen ein Gesprächsangebot zu machen, die beginnen, an den verschiedenen Verschwörungserzählungen zu zweifeln“, sagt er. Sie möchten auch diejenigen Menschen auf ihr Angebot aufmerksam machen, „die sich Sorgen um ihre Angehörigen machen, weil diese in den Bann solcher Verschwörungsideologien geraten sind“.

Die Ausstiegshilfe versuchte zuvor, Jugendliche aus dem neu-rechten Spektrum mit Angeboten anzusprechen. Das Projekt wird unter anderen im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ und über das Landesprogramm zur Förderung demokratischer Kultur, Vorbeugung und Bekämpfung von Rechtsextremismus „Hamburg – Stadt mit Courage“ gefördert. Die ersten Zugriffszahlen zeigten bereits, dass die Aktion gelungen ist – mit steigender Tendenz, so ein Mitarbeiter.

26 Feb 2021

[1] https://querdenker-shop.com/

AUTOREN

Andreas Speit

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