taz.de -- Kritik an SPD wegen Nein zu Autoprämie: Walter-Borjans keilt zurück

Die IG Metall und Betriebsräte aus der Autoindustrie koffern gegen die SPD, weil diese zu sehr aufs Klima achtet. Doch der Chef der Sozialdemokraten wehrt sich dagegen.

Bild: Lässt sich auch nicht alles gefallen: Co-Parteivorsitzender Norbert Walter-Borjans

Stuttgartdpa | Nach dem [1][Nein zu einer allgemeinen Autokaufprämie] geht Daimler-Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht mit der SPD-Spitze hart ins Gericht. Er selbst und auch seine Kollegen aus der Auto- und Zulieferindustrie seien stinksauer. „Die SPD-Spitze hat es nicht verstanden.“

„Es rollt eine Rationalisierungswelle auf die deutsche Autoindustrie zu, die massiv an die Arbeitsplätze herangeht“, sagte Brecht. Die Branche habe in Wachstum investiert, nun drohten Überkapazitäten, die man nicht drei oder vier Jahre lang überbrücken könne. Warum ausgerechnet die SPD-Spitze das nicht verstanden und sich vehement gegen eine Kaufprämie für schadstoffarme Benzin- und Dieselfahrzeuge [2][im Konjunkturpaket] gesperrt habe, verstehe er nicht. Die Parteispitze habe auch nicht den Dialog mit den Betriebsräten gesucht.

[3][SPD-Chef Norbert Walter-Borjans] wehrt sich gegen die Vorwürfe von IG Metall und Betriebsräten. Die Autokonzerne forderten, „dass der Steuerzahler als Ausfallbürge bei Boni für Bosse und Dividenden für Aktionäre herhalten soll“, [4][sagte Walter-Borjans der „Augsburger Allgemeinen“]. Es könne nicht sein, „dass eine Branche dem Staat diktiert, auf welche Weise die Förderung zu erfolgen hat“. Die Konzerne wollten die Sorgen der Mitarbeiter für ihre Zwecke nutzen.

Auf die Frage, ob die SPD ihr Herz für die Beschäftigten verloren habe, sagte Walter-Borjans: „Ganz im Gegenteil. Wir wollen, dass die Autoindustrie noch stärker auf die Arbeitsplatzsicherung der Zukunft setzt. Da haben die Konzerne viel vernachlässigt, etwa was die Entwicklung von klimafreundlichen Elektroautos betrifft.“

Autoindustrie ohne Vertrauen

Die großen deutschen Hersteller und auch die drei „Autoländer“ Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen hatten sich dafür ausgesprochen, auch den Kauf von Autos mit reinem Verbrennungsmotor zu bezuschussen, um die Konjunktur anzukurbeln. Vor allem die SPD war strikt dagegen, aber auch aus der Union gab es kritische Stimmen.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hatte die SPD daraufhin kritisiert. „Hier herrscht Enttäuschung, dass nicht industriepolitische Verantwortung, sondern die Demoskopie das Handeln der SPD-Spitze bestimmt hat“, sagte er. Das führe zu einem massiven Vertrauensverlust der Beschäftigten der Autoindustrie und angrenzender Branchen gegenüber der Sozialdemokratie.

MAN-Konzernbetriebsratschef Saki Stimoniaris legte am Freitag nach: „Die Parteispitze der SPD sollte sich hinterfragen. Vertritt sie tatsächlich noch die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer?“, sagte der Betriebsratschef des zum VW-Konzern gehörenden Lastwagenherstellers. Mit so einer Haltung gefährde man Millionen von Arbeitsplätzen. „Wir haben Angst um unsere Arbeitsplätze und unsere Zukunft“, sagte Stimoniaris.

95 Prozent der Beschäftigten in der deutschen Autoindustrie arbeiteten an Fahrzeugen mit konventionellen Antrieben, sagte Daimler-Betriebsrat Brecht. Es gebe nur begrenzte Kapazitäten für Elektroautos, auch der Absatz sei bisher nicht sonderlich hoch. „Das hat man alles ignoriert“, sagte Brecht. „Wenn man meint, man kann weiterhin die Kurzarbeit finanzieren, dann ist das auch eine Variante“, kritisierte er. „Aber wir wollen die Kurzarbeit nicht.“

Die eingebrochene Nachfrage nach Benzinern und Dieselautos soll nun mit der niedrigeren Mehrwertsteuer angekurbelt werden. Beschlossen wurden im Konjunkturpaket zudem höhere Prämien für Elektroautos.

6 Jun 2020

[1] /Konjunkturpaket-ohne-Auto-Kaufpraemie/!5686554

[2] /130-Milliarden-Euro-als-Coronahilfe/!5690564

[3] /SPD-Chef-ueber-Coronabonds/!5677317

[4] https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Walter-Borjans-zur-Autoindustrie-Es-kann-nicht-sein-dass-eine-Branche-diktiert-id57507446.html

TAGS

Konjunkturprogramm

Konjunkturpaket

Autoindustrie

Abwrackprämie

SPD

Norbert Walter-Borjans

ARTIKEL ZUM THEMA

Vorstoß der IG Metall zur Arbeitszeit: Funktioniert nicht überall

Für die Metallindustrie ist eine Viertagewoche ein sinnvoller Schritt. In anderen Branchen sind dafür aber die Löhne und Gewinnspannen zu niedrig.

Zoff zwischen SPD und IG Metall: Autoprämien braucht es nicht

Betriebsräte fordern Staatsknete für Firmen, die auch ohne Coronakrise vor einem schmerzhaften Umbruch stehen. Das ist verständlich, aber unsinnig.

Konjunkturprogramm in Grün: Mehr Öko-Wumms fürs Hilfspaket

Das Ökoinstitut analysiert die Coronahilfen. Gute Ideen seien dabei, doch der Umweltschutz fehle – weltweit immerhin ganze 3,5 Billionen Dollar.

Staatliche Hilfspakete wegen Corona: Die Anti-Schock-Strategie

Ein Blick auf das Konjunkturpaket verrät: Die Große Koalition ist besser als ihr Ruf. Das liegt an der SPD.

Mängel des Konjunkturprogramms: Arme gehen leer aus

Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung berücksichtigt Menschen mit Kindern. Doch Pflegekräfte und kinderlose Leistungsempfänger gehen leer aus.

130 Milliarden Euro als Coronahilfe: Was taugt das Konjunkturprogramm?

Die Mehrwertsteuer soll sinken, Familien sollen stärker gefördert werden. Das Milliarden-Paket im Überblick.

Proxied content from gemini://taz.de/%215690800 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/%215690800
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.