taz.de -- Hinterbänkler Gregor Gysi: Linker Liebling hält nicht still
Er war lange das Gesicht der Linkspartei. Seit Oktober 2015 ist Gysi nicht mehr Fraktionsvorsitzender. Er sucht neue Aufgaben, die alten ähneln.
Bild: Gregor Gysi bei seiner letzten Rede als Fraktionsvorsitzender der Linke, 9. September 2015
BERLIN/BAD GODESBERGtaz | „Darf ich Ihnen meinen Lieblings-Gysi-Witz erzählen?“, fragt ein Mann. „Ja“, sagt Gregor Gysi. Er steht an einem Samstag im Juni vor dem ehemaligen Pionierpalast in Berlin-Köpenick, wo er gerade eine Rede vor herausgeputzten 13- und 14-Jährigen und deren Eltern gehalten hat, die an diesem Tag Jugendweihe feiern. „Kommt einer rin in den Bundestag. Mit Maschinenpistole und brüllt: ‚Wer von euch ist Gysi?‘ Alle Abgeordneten zeigen auf Gysi: ‚Der da.‘ ‚Duck dich!‘, schreit der Bewaffnete. Rattattattatt.“ Der Mann strahlt, Gysi lacht höflich.
Der Witz kursierte bereits Anfang der 1990er, als Gysi die Partei des Demokratischen Sozialismus, PDS, erstmals in den Bundestag führte. Ein Ausnahmepolitiker, scharfsinnig und wortgewandt, dem auch Leute zuhörten, für die die PDS eine Partei der roten Socken war. Ein Vierteljahrhundert hat Gysi dieser Partei in unterschiedlichen Rollen gedient. Vor neun Monaten hielt er seine letzte Rede als Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag.
Seit Oktober 2015 führen Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht die Fraktion, es läuft besser als erwartet. Und Gysi?
Anfang Juni, Café Schoeneweile, Gysis Wahlkreis im Osten Berlins. Er komme gerade von der Reederei Riedel, beginnt er zu erzählen, die einen neuen Anleger am Spreeufer will. Zuvor war er in einer Notunterkunft für Flüchtlinge. Morgens habe er für einen Mandanten im Landgericht zu tun gehabt. Der Termin im Café ist sein vierter, abends ist er zu einem Festakt zum 500. Jubiläum des Reinheitsgebots des Biers eingeladen. „Ich soll mich dafür einsetzen, dass TTIP nicht das deutsche Reinheitsgebot verletzt, spannend nicht?“
„Für einen Angler hat er extrem viel geredet“
Gysi ist Festredner, Talkshowgast, Anwalt, Moderator und Abgeordneter. Und er schreibt an seiner Biografie, genauer: Er diktiert sie. Stille füllt er mit Worten, die Tage nach der großen Politik mit Terminen. Sein Kalender ist voll bis zum Jahresende: „Allen, die mich für 2016 anfragen, schreibe ich, ich schaff’s nicht mehr. Schluss.“
Als Gysi 2015 den Fraktionsvorsitz abgab, kündigte er an, er werde jetzt erst mal ganz viele andere Sachen machen. Das hatte er auch dem Linkspartei-Abgeordneten Jan Korte bei einem gemeinsamen Angelausflug versichert. „Wir saßen auf unseren Stühlchen, schön an der Ostsee“, berichtet Korte. Gysi, der Angelneuling, habe seine Wattwürmer aufgespießt und sich geschickt angestellt. „Für einen Angler hat er zwar extrem viel geredet, aber für Gregor Gysi extrem wenig.“ Gysi fing ein paar Fische, und Korte schlug vor, man solle doch zusammen öfter Angeln gehen. Aber es blieb bei diesem einen Ausflug. Denn Gysi hat keine Zeit.
Warum tut er sich das dann an, mit 68 Jahren, wenn andere sich in den Kleingarten zurückziehen? Gysi zitiert seinen Fahrer, der glaube, die vielen Abendtermine nehme er an, weil er zurzeit allein lebe. Gysi sagt, er sei ein grottenschlechter Neinsager. Und das Rampenlicht? „Das genieße ich auch ein bisschen.“
Einsamkeit, Pflichtgefühl, Eitelkeit – alles Gründe. Aber nicht die einzigen. Denn all die Vermerke in seinem Terminkalender füllen ihn nicht aus. „Den Leuten hier“, er meint die Treptow-Köpenicker, die ihn zuletzt 2009 direkt in den Bundestag wählten, „muss ich erklären, welche Rolle ich im Bundestag spiele.“ Welche? „Irgend ’ne Art von Rolle.“
Gysi gehört Europa
Bei seinen Nachfolgern hatte er sich erkundigt, was sie in der Fraktion mit ihm planten. Bartsch und Wagenknecht hatten es nicht eilig, sich zurückzumelden, also schickte er einen Brief an alle fünfzehn Mitglieder des Fraktionsvorstands. Er hätte ihn auch an die Türen des Bundestags nageln können. Journalisten erkundigten sich bei Bartsch und Wagenknecht. Nach einem Treffen der drei einigten sie sich: Gysi wird für Europa zuständig. Die Parteispitze will ihm im Dezember für den Vorsitz der Europäischen Linken nominieren. Außerdem hält er sechsmal im Jahr eine Rede im Deutschen Bundestag.
So wie in der Debatte am 22. Juni zum 75. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion. Es ist bereits die zweite Rede, die Gysi in diesem Jahr im Plenum hält. Er setzt sich auf seinen neuen Stammplatz – hinten links, wird dann aber vom Genossen Korte in die zweite Reihe gleich hinter Sahra Wagenknecht geholt. Die Fraktionschefin ist heute nur Zuhörerin. Nach der Debatte schlendert Gysi zum Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Anton Hofreiter, und lotst ihn auf eine der Rückbänke. Da sitzen sie, der Saal ist leer, auch Sahra Wagenknecht ist längst draußen. Wie früher.
Der Fraktionschef a. D. braucht eine Plattform in der Politik. Nicht nur, weil die Leute das seiner Meinung nach von ihm erwarten. Sondern weil seine anderen Rollen nur dann gut funktionieren, wenn Gysi Politiker und Aushängeschild der Linken ist. Er kann nicht raus aus seiner Paraderolle. Das ist sein Dilemma. Und das seiner Partei.
„Mein Gott, der ist ja winzig“
Bad Godesberg am Rhein. Der Internationale Club La Redoute logiert in einer spätbarocken Villa. Heute kommen ehemalige Botschafter oder deren Witwen sowie mittelständische Industriemanager. Die Männer tragen Manschettenknöpfe, die Frauen Perlenketten, das liberal-konservative Bürgertum ist unter sich.
Das Thema der Abendveranstaltung für geladene Gäste lautet: „Die Lage im deutschen Parteiensystem und die Rolle der Linken“. Es redet: Dr. Gregor Gysi. Ja, er sei der erste Politiker der Linken, den man jemals eingeladen habe, bestätigt Hubertus von Morr, Botschafter a. D. und Generalsekretär des Clubs.
Eine halbe Stunde vor Beginn ist es rappelvoll. Sie habe sich mehrere Monate im Voraus angemeldet, sagt eine ältere Dame, Clubmitglied, die es in die erste Reihe geschafft hat. „Ich will den mal sehen.“ Und dann kommt Gregor Gysi. Sie dreht den Kopf: „Mein Gott, der ist ja winzig.“
Die Präsidentin Alexandra Gräfin Lambsdorff, eine Frau mit scharfen blauen Augen, stellt Gysi vor und versucht ihn, vielleicht weil er etwas verschreckt guckt, aufzumuntern. Die Zahl der Anmeldungen sei wie schon beim Gast des Vormonats, Ungarns Regierungschef Victor Orbán, exzeptionell hoch.
Als Gysi ans Rednerpult tritt, versucht er es zunächst mit einem Witz: „Und ich dachte, ich bin bei der Linken-Basisgruppe.“ Laues Lachen. Dann redet er über den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, über Syrien, das Völkerrecht, die Eurokrise, über Griechenland und den Rechtsruck in Europa. Er spricht frei, springt etwas erratisch zwischen den Themen und nach vierzig Minuten sagt er etwas zu den deutschen Parteien, die ja alle ein bisschen langweilig seien.
Ein Bonner Politikprofessor fragt süffisant, ob es Herrn Gysi nicht irritiere, dass trotz all seiner Überzeugungskraft kein einziges Mal geklatscht wurde. Auf Gysi wirken die Widerworte wie ein Lebenselixier: Die Wangen röten sich, die Augen funkeln, endlich kann er seine Schlagfertigkeit ausspielen.
Menschen brauchen von klein auf die Spiegelung im Gegenüber. Gysi braucht Reaktionen, die ihn herausfordern. Als stummen Zuschauer sieht er sich nicht und geht deshalb auch selten in Fraktionssitzungen.
Linke Bundesregierung
Nach Bonn ist er nicht gefahren, um Wählerstimmen für künftige Bundestagswahlen zu fischen. Die Fünfprozenthürde war hier für die Linke bislang immer zu hoch. Er will eher für die richtige Stimmung sorgen. „Wenn die Linke in die Bundesregierung käme, würden diese Leute nicht mehr vor Schreck auswandern.“
Linke in der Regierung? Gysi glaubt, dass 2017 ein guter Zeitpunkt wäre. Und er glaubt, dass es gut wäre, dabei zu sein.
„Ich will meinen Beitrag dazu leisten, dass die EU gerettet wird, dass der Aufstieg der AfD gestoppt wird. Und dazu gehört, dass man die Union auf Bundesebene in die Opposition schickt“, sagt er. Seine Aufgabe sehe er darin, in Richtung Rot-Rot-Grün Druck zu machen.
Deswegen überlegt er, ob er 2017 wieder für den Bundestag kandidiert. „Wenn diese Konstellation tatsächlich möglich wird, könnte die Frage kommen: Warum bist du nicht dabei und hilfst nicht? Sonst wird das doch nichts“, sagt er im Café Schoeneweile.
Einige fänden das super. Caren Lay zum Beispiel, die in den Bundestag kam, als Gysi alleiniger Fraktionsvorsitzender wurde. „Er ist einer der beliebtesten Politiker, die wir haben, und ich wünsche mir, dass er wieder kandidiert und dann auch auf Parteitagen spricht“, sagt sie. Die Stellvertretende Parteivorsitzende der Linken sitzt in einem Café an der Berliner Karl-Marx-Allee vor einem Bildschirm, auf dem gleich die Fußball-EM übertragen wird. Zuvor kommt aber noch die „Tagesschau“ – mit Gregor Gysi, der in Karlsruhe zum Thema Europäische Anleihepolitik interviewt wird.
Andere äußern sich weniger euphorisch. Sahra Wagenknecht hatte verhindert, dass er auf dem Parteitag im Mai auf die Rednerliste gesetzt wurde. Gysi hatte ja auch jahrelang verhindert, dass sie seine Kovorsitzende in der Fraktion wurde. Erst als er abtrat, bekam sie, die kluge, nach außen distanziert wirkende Frau, ihre Chance. Populäre Wagenknecht-Witze sind bisher nicht im Umlauf. Auf Gysi angesprochen, antwortet Wagenknecht bei einem Pressefrühstück im Bundestag: Natürlich freue man sich über jedes aktive Mitglied. „Aber natürlich respektieren wir auch seine Entscheidung, sich aus der ersten Reihe zurückzuziehen.“ Das klingt wie: Bleib, wo du bist.
Ob Gysi wieder für den Bundestag kandidiert, will er während des Urlaubs in Griechenland entscheiden, wo er seinen Sohn, die Schwiegertochter und den Enkel besucht, fernab der Genossen. Er bespricht das mit der Familie und mit der Exfrau.
„Wenn ich an Stelle meiner Nachfolger wäre, würde ich mir auch wünschen, dass Gregor Gysi aufhört“, sagt er selbst. Es klingt wie ein Ansporn. Denn er kann sehr stur sein. „Dann wirst du mich ja nicht los.“
21 Jul 2016
AUTOREN
Anna Lehmann
Lesestück Recherche und Reportage
Die Linke
Gregor Gysi
Sahra Wagenknecht
Jan Korte
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