taz.de -- Die Wahrheit: Seitenwechsel
Erkenntnisse eines WM-Pathologen (20): Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Nicht mal im Fernsehen.
Die Welt ist im Fußballfieber. Bernd Gieseking untersucht die Pathologie des Geschehens. Der Linksfuß kennt alle Krankheitsbilder, die mit Ball zu tun haben.
Mir ist egal, wer heute überträgt. Am ersten WM-Samstag, ARD, 0.45 Uhr. Halbzeit England - Italien. Seitenwechsel. Plötzlich, hinterrücks wie ein Banküberfall mit Geiseln: das Wort zum Sonntag (WzS). Millionen in Geiselhaft.
Sie wollten Balotelli, sie bekamen Verena Maria Kitz. Die war auf Droge. Weit aufgerissene Augen. Kitz sagte, sie bekomme beim Seitenwechsel immer einen Schreck: "Huch, die spielen ja aufs falsche Tor!" Und so sei auch das Leben. Sie schlug Seitenwechsel vor für die ganze Gesellschaft. Kranke sollten Ärzte operieren, Pharmahersteller die Medikamente selbst einnehmen, Bankdirektoren Kredite beantragen bei denen mit überzogenem Konto.
Weil es aber kein richtiges Leben im falschen gibt, wurde die zweite Halbzeit angepfiffen. Und ich wartete. Auf weitere Samstage, auf Halbzeit, WzS und Kitz. Es kam Wolfgang Beck: Das Beste am TV sei die Wiederholung. Stimmt. Seitdem schau ich Kitz in der Mediathek. In wirklich jeder Halbzeit!
5 Jul 2014
AUTOREN
Bernd Gieseking
Fußball-WM 2014
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