taz.de -- Kommentar Tschechiens Parlamentswahl: Sieg des Phänomens Babiš

Andrej Babiš ist Oligarch, arbeitete für die tschechoslowakische Stasi und steht unter Betrugsverdacht. Gute PR machte ihn wählbar.
Bild: Konfetti für den Wahlsieger

[1][Andrej Babiš] ist ein Phänomen. Er stammt aus der einstigen kommunistischen Nomenklatura und wurde ein undurchsichtiger Wendegewinner. Als hochgestellter Manager noch in der Tschechoslowakei hat der bauernschlaue Babiš schon lange verstanden, dass man als Unternehmer nur so weit kommt, wie man sich mit der Politik versteht. Mit seiner stürmischen Politkarriere hat er sich seine eigenen Pfründen gesichert. Laut dem US-amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes hat sich Babiš’ Privatvermögen in den letzten vier Jahren verdoppelt.

Das wirklich Phänomenale an Andrej Babiš ist aber, dass er überhaupt gewählt wurde. Vor seinem Mitläufertum als IM Bureš bei der tschechoslowakischen Stasi kann man bestenfalls die Augen verschließen. Aber auch davor, dass Babiš seine politischen Gegner vulgär beschimpft und mithilfe der eigenen Medien zu diskreditieren plant? Davor, dass Babiš glaubt, über dem Gesetz zu stehen und sich öffentliche Gelder [2][erschwindelt]?

In seiner Amtszeit als Finanzminister wurden sechs Firmen, die seiner Holding ein Dorn im Auge waren, von der Steuerfahndung liquidiert. Warum gibt jeder dritte Bewohner eines Landes so einem freiwillig noch mehr Macht in die Hand?

Andrej Babiš ist ein perfektes Marketingprodukt, das perfekt zur Nachfrage passt. Mit dem Slogan „Ja, es wird besser“, erstürmte er die politische Bühne. Pünktlich zu einer Zeit, als Tschechien die Folgen der globalen Wirtschaftskrise abzuschütteln begann. Für den Rest sorgte die Marketingmaschinerie: Sie machte Babiš zum Messias des Aufschwungs. Zu einem neuzeitlichen Robin Hood, der den Armen gibt und die korrupten Reichen ihrer gerechten Strafe zuführt. Dass Babiš Wasser predigt und Wein trinkt, übersieht der Wähler dabei geflissentlich.

Die Enthüllungen seien nichts weiter als Schmutzkampagnen, beteuert Babiš immer wieder. Damit kommt er an, die Opferrolle passt zum messianischen Image. Armes Tschechien.

22 Oct 2017

LINKS

[1] /!5456560
[2] /!5456194/

AUTOREN

Alexandra Mostyn

TAGS

Tschechien
Andrej Babis
Schwerpunkt Korruption
Andrej Babis
Tschechien
Tschechien
Tschechien
Tschechien
Tschechien

ARTIKEL ZUM THEMA

Korruption in Tschechien: Geburtstagsgruß für Andrej Babiš

Gegen den Ministerpräsidenten wird wird nun doch keine Anklage erhoben. Er soll für seine Residenz „Storchennest“ EU-Millionen erschlichen haben.

Kommentar Tschechiens Premier Babiš: Machtpoker mit vollem Risiko

Ministerpräsident Andrej Babiš hat das Vertrauensvotum verloren. Doch seine Gegner sollten sich nicht zu früh freuen.

Journalist über die tschechische Regierung: „Babiš hat sich den Staat gekauft“

Pavel Safr sieht in der neuen Regierung unter dem Oligarchen Andrej Babiš eine Gefahr für die Demokratie. Dessen Liberalität ist eine Maske für den Westen, sagt er.

Regierungsbildung in Tschechien: Prager Postenschacherei

Der designierte Ministerpräsident Babiš organisiert Unterstützung für eine Minderheitsregierung im Tausch gegen Einfluss.

Parlamentswahl in Tschechien: Erfolg für Betrugsverdächtigen

Der Oligarch Andrej Babiš gewinnt mit seiner Partei die Wahl. Trotz eines Betrugsverdachts gegen ihn, wird er wohl Ministerpräsident werden.

Parlamentswahl in Tschechien: Alles dreht sich nur um Andrej Babiš

Er hat gute Chancen, die Wahl in Tschechien zu gewinnen: ein mächtiger Oligarch mit Geheimdienstvergangenheit und einer Anzeige wegen Betruges.

Oligarch in Tschechien ohne Immunität: Mit EU-Geldern reich geworden

Das Parlament hebt die Immunität des Milliardärs Andrej Babiš auf. Trotzdem wird er im Oktober wohl zum Regierungschef gewählt.