taz.de -- Zukunft der Pflegefinanzierung: Und es wird weiter geprüft

Eine Arbeitsgemeinschaft von Bund und Ländern liefert keine Antworten, wie es mit der Finanzierung der Pflegeversicherung weitergehen soll. Von Opposition und Verbänden kommt scharfe Kritik.

Bild: „Roadmap ins Nirgendwo“? Bei den zentralen Fragen zur Sozialen Pflegeversicherung (SPV) blieben Bund und Länder vage

Fünf Monate hatten Bund und Länder Zeit, um Eckpunkte für eine Reform der stark unter Druck geratenen Sozialen Pflegeversicherung (SPV) zu erarbeiten. Am Donnerstag haben sie ein Abschlusspapier vorgestellt, das die zentrale Frage nach der Finanzierung des Pflegesystems weiter unbeantwortet lässt. Pflegekassen, Verbände und die Opposition kritisieren das Papier scharf.

47 Seiten umfasst [1][der Abschlussbericht der Bund-Länder-AG „Zukunftspakt Pflege“] zur „nachhaltigen Struktur- und [2][Finanzierungsreform in der Pflegeversicherung]“. Lediglich als „gute Grundlage für einen weiteren Prozess“ und als „maßgebliche Vorschläge“ bezeichneten es neben Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) auch Hamburgs Gesundheitssenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) und NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) bei der Vorstellung. „Der Knackpunkt ist und bleibt aber eine nachhaltige Finanzierung“, so Warken.

Einigen konnte man sich nur darauf, die Prävention zu stärken und die Beratung und Schulung von Betroffenen und Angehörigen in der frühzeitigen Phase der Pflegebedürftigkeit zu fördern. Die [3][häusliche Pflege spiele eine zentrale Rolle im Pflegesystem], so Laumann: „Ohne die häusliche Pflege wäre das System vom Volumen und den Fachkräften nicht steuerbar und überhaupt nicht finanzierbar.“

Höhere Hürden für Pflegegrad

Dazu, wie steigende Pflegebedarfe und Pflegekosten finanziert werden sollen, blieb die Arbeitsgruppe aber unkonkret. Grundsätzlich beibehalten will man das Teilleistungssystem der SPV, auch zukünftig wird es also auch einen Eigenanteil bei der Pflege geben. Bestehen bleiben sollen auch die 2017 eingeführten fünf Pflegegrade. Bei Neueinstufungen dürfte es zukünftig allerdings schwerer werden, einen höheren Pflegegrad zu bekommen, denn die sogenannten „Schwellenwerte“ will man nach oben verschieben. Entgegen vorheriger Aussagen soll [4][Pflegegrad 1 beibehalten werden], der sogenannte Entlastungsbetrag von 131 Euro zur Entlastung pflegender Angehöriger oder zur Förderung der Selbstständigkeit fällt aber weg.

Um die SPV auf der Einnameseite zu stabilisieren, wies Schlotzhauer auf Möglichkeiten zur Verbreiterung der Finanzierungsbasis hin. Denkbar sei, so die Hamburger Gesundheitssenatorin, ein Ausgleich zwischen privaten Pflegeversicherungen und der SPV oder auch die Einbeziehung anderer Einkunftsarten wie Kapital- oder Mieteinkünfte. Ihr Ministerkollege Laumann aus NRW äußerte sich da zurückhaltender: Sowohl Diskussionen über Einkunftsarten als auch [5][eine Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze] müssten im größeren Zusammenhang anderer Sozialversicherungssysteme gesehen werden.

Mit Blick auf die stark belasteten Sozialversicherungssysteme gibt es derzeit mehrere Reformbestrebungen: So tagen neben der AG „Zukunftspakt Pflege“ auch eine Kommission zur Reformierung des Sozialstaates und eine Kommission zur [6][Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherungen]. Weitere Fragen zur Finanzierung der Pflegeversicherung – beispielsweise im Kontext der Sozialleistung „Hilfe zur Pflege“ – wolle man deshalb gemeinsam klären, hieß es am Donnerstag. „Die Fragen sind größer und [7][komplizierter als die Krankenhausreform“, so Schlotzhauer.][8][ ]

Kritik: „Roadmap ins Nirgendwo“

Von Kassen, Verbänden und Opposition wird indes massive Kritik laut. Aus angekündigten Eckpunkten seien unverbindliche Optionen geworden, sagte Oliver Blatt vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen, der auch die Pflegekassen vertritt. „Die vorgelegte ‚Roadmap‘ bleibt in den entscheidenden Fragen vage und stiftet mehr Verwirrung als Orientierung“, so auch die AOK-Vorsitzende Carola Reimann.

„Die Hängepartie in der Pflege geht weiter“, sagte die Grünen-Pflegepolitikerin Simone Fischer. Weiterhin gebe es keine Klarheit, keine Prioritäten und kein echtes Bekenntnis zu wirksamer Begrenzung der Eigenanteile und fairer Finanzierung. Von einem „mutlosen Papier“ sprach auch Evelyn Schötz von der Linksfraktion.

Der Verband der Ersatzkassen (VdEk) forderte die „längst überfällige“ Entlastung der Pflegeversicherung von staatlichen Aufgaben. „Beiträge von Versicherten dürfen nicht für Renten- und Arbeitslosenversicherungsbeiträge pflegender Angehöriger oder für Soforthilfen während der Coronapandemie verwendet werden“, sagte die Verbandsvorsitzende Ulrike Elsner. Die Länder müssten die Investitionskosten für Pflegeheime übernehmen, so Elsner. Aktuell tragen diese Kosten die Heimbewohner:innen – pro Person mehr als 500 Euro monatlich.

Im Januar soll es weitere Beratungen geben. Eine Reform der Pflegefinanzierung soll laut der „Roadmap“ von Bund und Ländern bis Ende 2026 in Kraft treten. Das ist angesichts der derzeitigen Ideenlosigkeit bei der Umsetzung fraglich.

11 Dec 2025

[1] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/zukunftspakt-pflege-11-12-2025.html

[2] /Bund-Laender-Kommission-zur-Pflegereform/!6095916

[3] /Pflegegrad-1-soll-abgeschafft-werden/!6114959

[4] /Zukunft-von-Pflegegrad-1/!6118452

[5] /Hoehere-Beitragsbemessungsgrenzen/!6109007

[6] /Steigende-Ausgaben/!6112114

[7] /Krankenhausreform-erneut-auf-dem-Tisch/!6099031

[8] /Krankenhausreform-erneut-auf-dem-Tisch/!6099031

AUTOREN

Amelie Sittenauer

TAGS

Bundesministerium für Gesundheit

Prävention

Pflege

Reformen

Nina Warken Gesundheitsministerin

Reden wir darüber

Pflegeversicherung

ARTIKEL ZUM THEMA

Reform der Pflegeversicherung: Häusliche Versorgung bedroht

Am internationalen Tag der Pflege protestieren Hunderte Beschäftigte vor dem Gesundheitsministerium. Träger und ambulante Dienste befürchten Kürzungen.

Pflegereform und Einsparungen: Sind viele Pflegebedürftige noch zu fit?

Immer mehr „leichtere Fälle“ stellen Anträge auf Geld von der Pflegeversicherung, sagt eine Studie im Auftrag der Kassen. Das passt zur Spardebatte.

Finanzierung der Pflegeversicherung: Verband warnt vor Pleite von Pflegekassen

Der Chef des Spitzenverbands der Krankenkassen stellt die Regeln für Pflegebedürftigkeit infrage. Ansonsten drohe bald der Kollaps mehrerer Kassen.

Streit zwischen Warken und Krankenkassen: Für Millionen Versicherte steigen 2026 die Beiträge

Die Bundesregierung hatte versprochen, dass die Krankenkassenbeiträge stabil bleiben. Jetzt beschuldigen sich Krankenkassen und Politik gegenseitig.

Finanzierung der Pflegeversicherung: Bund und Länder wollen Vorschläge für Pflegereform vorlegen

Wie geht es weiter mit der sozialen Pflegeversicherung? Eine Bund-Länder-AG will dazu im Dezember Vorschläge machen. Was man dazu wissen sollte.

Zukunft von Pflegegrad 1: Sparen durch die Hintertür

Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Pflege will die Bemessung von Pflegegraden „überprüfen“. Das könnte bittere Folgen für die Betroffenen haben.

Pflegegrad 1 soll abgeschafft werden: Dann müssen (wieder) die Frauen ran

Die Bundesregierung erwägt, den Pflegegrad 1 abzuschaffen. Damit will sie Kosten sparen. Es könnte am Ende aber teuer werden.

Proxied content from gemini://taz.de/Zukunft-der-Pflegefinanzierung/%216137760 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/Zukunft-der-Pflegefinanzierung/%216137760
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.