taz.de -- Wahlalter mit 16: Doch, doch, Jugend ist politisch
Der deutsche Lehrerverband glaubt, Jugendliche seien unpolitisch und daher nicht würdig, mit 16 wählen zu dürfen. Das ist blanker Unsinn.
Bild: Desinteresse an politischen Fragen? Demonstration von Fridays for Future im Berlin am 31. Mai
Jugendliche sind unpolitisch und auch ein bisschen doof. So in etwa lässt sich – sehr zugespitzt formuliert – das [1][Statement des Lehrerverbandes kurz vor der Europawahl am Sonntag] verstehen. Oder wie sonst soll man den Satz des [2][Verbandspräsidenten Stefan Düll] gegenüber den Funke-Medien lesen: „Ein großer Teil interessiert sich eben auch nicht die Bohne für Politik mit ihren vielen Facetten.“
Man hört das und staunt: Ein Verband von professionellen Lehrenden, deren Aufgabe es ist, ihren Schützlingen, also den [3][16-Jährigen, die zum ersten Mal das EU-Parlament mitwählen dürfen,] die Bedeutung genau dieses Rechts nahe zu bringen. Ganz sicher machen das viele Lehrende verantwortungsvoll und aufopferungsbereit. Und gewiss sind nicht alle Jugendlichen gleich stark an Politik interessiert und dafür interessierbar. Ebenso haben nicht alle Jugendlichen denselben Bildungsstand, erst recht nicht dieselben Bildungszugänge. Aber die pauschale Abwertung junger Menschen, von denen es gemeinhin heißt, sie seien unsere Zukunft, ist ausgerechnet des Lehrerverbandes unwürdig.
Sicher, Lehrkräfte machen unterschiedliche Erfahrungen mit Schüler:innen, manche davon sind bekanntermaßen nicht in jedem Fall prickelnd. Das zu ändern, ist allerdings auch Aufgabe der Lehrenden. Gemeinsam mit Eltern und anderen bildungskompetenten Menschen.
Peinlich für den Verband ist zudem, dass er die Schüler:innenschaft offenbar schlecht kennt. Kaum eine junge Generation in den vergangenen Jahrzehnten ist so politisch wie die jetzige. Die streikt [4][für Klimaschutz, geht auf die Straße gegen rechts,] ernährt sich vermutlich sogar anders als die (Boomer)Vertreter:innen des Lehrerverbandes. Das bestätigt die [5][letzte Shell-Jugendstudie]: Knapp über 40 Prozent der Jugendlichen interessieren sich stark bis sehr stark für Politik.
Natürlich gibt es auch Schüler:innen, die sich eher für Mode, erste Liebe, Sex interessieren. Auch das ist in Ordnung. Mit 16 darf, soll, muss sich [6][ein Mensch verstärkt mit sich selbst beschäftigen] dürfen. Sich selbst besser zu kennen, ist nötig, um sich der Welt (und der Politik) zu öffnen.
5 Jun 2024
LINKS
[1] https://www.deutschlandfunk.de/deutscher-lehrerverband-sieht-wahlalter-ab-16-kritisch-schuelervertretungen-widersprechen-100.html
[2]
[3] /Junge-Waehlerinnen-vor-der-EU-Wahl/!6011457
[4] /Gegen-Rechtsruck-und-Klimakrise/!6014223
[5] https://www.shell.de/about-us/initiatives/shell-youth-study/_jcr_content/root/main/containersection-0/simple/simple/call_to_action/links/item0.stream/1642665739154/4a002dff58a7a9540cb9e83ee0a37a0ed8a0fd55/shell-youth-study-summary-2019-de.pdf
[6] /Jugendliche-mit-Nebenjob/!5949193
AUTOREN
Simone Schmollack
Schwerpunkt Europawahl
Erstwähler
Politik
Lehrkräfte
Schule
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