taz.de -- WM-Demonstrationen in Mexiko: Auf der größten Protestbühne
Mexiko Stadt gleicht während der WM einem wandelnden Protestcamp. Lehrer:innen, Bäuer:innen, Student:innen und Arbeiter:innen gehen auf die Straßen.
Bild: Aus Chiapas angereist: Unzufriedene Lehrer machen auf ihre Anliegen aufmerksam
[1][Als das Eröffnungsspiel] abgepfiffen war und die Fans sich auf den langen Fußmarsch durch die Sperrzone machten, war eines allgegenwärtig: die Protestgruppen. Teils hatten sie versucht, durch die massiven Polizeiketten zu gelangen, teils weiter entfernt demonstriert. Auf einer Brücke hielten die Madres Buscadoras, die Mütter der Verschwundenen, Plakate und schrien um Aufmerksamkeit; ein paar Straßenzüge weiter skandierten Tierschützer:innen wegen eines länger zurückliegenden Skandals um getötete Straßenhunde.
Gewiss, die feiernden mexikanischen Fans würdigten die Demos keines Blickes. Aber die Aufmerksamkeit internationaler Medien ist dieser Tage durchaus sicher. Und natürlich geht es vor allem darum.
[2][Mexiko Stadt] gleicht aktuell einem wandelnden Protestcamp. Schon im Vorfeld war der Widerstand gegen die „WM der Enteignung“ so groß, dass die Sheinbaum-Regierung das Stadion zum Eröffnungsspiel weiträumig von Polizei und Armee sperren ließ. Das Journalist:innenkollektiv RETA, das Teil der Protestbewegung ist, dokumentierte am Eröffnungstag mindestens elf verhaftete Demonstrant:innen und eine Kopfverletzung durch Polizeigewalt.
Nach Spielende hat sich an einer U-Bahnstation eine teils vermummte Gruppe Demonstrant:innen versammelt. Einige wurden nach eigenen Angaben von der Polizei eingekesselt. Viele schwenken Palästina-Fahnen: Dass die Fifa mit ihrem Schweigen gegenüber Israel und ihrer Nähe zur US-Regierung die Kriegsverbrechen gegen die Palästinenser:innen unterstützt, auch dagegen gibt es hier regelmäßig Demos. „WM der Enteignung“ wird in Mexiko solidarisch global verstanden.
„Sie ignorieren unsere Forderungen“
Im Gespräch nennen zwei studentische Aktivisten, die ihre Namen aus Sorge vor Repression nicht nennen wollen, dennoch vor allem lokale Themen. „Wir protestieren, weil die Regierung viel Geld in wertlose Baumaßnahmen für die WM investiert und soziale Forderungen ignoriert“, sagt einer. „Vielen Leuten hier fehlt es an ganz essenziellen Dingen wie Strom und Internet. Sie können deswegen keine weiterführende Schule besuchen. Wir brauchen die Mittel, sie dürfen nicht an verschönerte U-Bahnstationen für reiche Touristen gehen.“
Ein anderer sagt: „Das Gesundheitssystem in Mexiko ist kaputt. Wir bezahlen dort doppelt und dreifach für Dinge, die nicht funktionieren. Dann gibt es das Problem der Verschwundenen. Sie ignorieren die Forderungen seit Jahren. Bei einer WM kann man mehr Druck ausüben.“ Sie protestieren auch außerhalb der WM regelmäßig, die Polizei gehe mit Tränengas und Schlagstöcken gegen sie vor. Ob sie glauben, dass sich etwas ändern wird? „Ja, aber dafür braucht es einen totalen Kollaps des Systems.“
Die Gruppe an der Bahnstation steht für den systemkritischen Flügel der WM-Boykottbewegung. Aber der Widerstand ist auch deshalb so stark, weil es gelungen ist, weite Bündnisse in vielen politischen Spektren zu bilden. Madres Buscadoras, Lehrer:innen, Bäuer:innen, Palästina-Solidarität, Student:innen und Arbeiter:innen gingen immer wieder gemeinsam auf die Straßen. Und mitunter sind die Anti-WM-Demonstrant:innen nicht einmal gegen die WM.
Am Tag nach dem Eröffnungsspiel ist in der Innenstadt von Mexiko Stadt ein ganzer Straßenzug von Zelten blockiert. Hier haben Lehrer:innen ihr Lager aufgeschlagen. Schon seit Wochen protestiert ihre Gewerkschaft CNTE gegen die Bedingungen im Bildungssektor. Die Gruppe im Camp stammt [3][aus Chiapas]. Vor einem Zelt sitzt der Lehrer Carlos Enrique Colmenares Espinoza. Auch er hat zum Eröffnungsspiel am Stadion demonstriert, friedlich, wie er betont. Und er trägt Mexiko-Shirt. Wie geht das zusammen? „Ich bin weder für noch gegen die WM“, sagt er. „Man könnte dagegen sein, weil die Fifa sich die Taschen voll macht. Viele Leute in Mexiko können sich kein Ticket leisten. Die, die ins Stadion gehen, leben in einer Bubble, sie wissen nicht mal, wie viel ein Kilo Tomaten kostet. Und man könnte dafür sein, weil uns Gäste aus vielen Ländern mit interkulturellem Austausch bereichern.“ Eigentlich geht es ihm nicht um die WM.
Colmenares Espinoza fordert die Aufhebung des sogenannten ISSSTE-Gesetzes von 2007, das das Pensionssystem für Staatsangestellte reformierte. „Der Staat steuert seitdem praktisch keine Rente mehr bei. Stattdessen müssen wir unseren Ruhestand mit dem eigenen Ersparten bei Privatbanken finanzieren.“ Zusätzlich wurde das Renteneintrittsalter von 58 auf 65 Jahre angehoben. „Du weißt noch nicht mal, ob du dieses Alter erlebst mit den lächerlichen 6.000 Pesos [rund 300 Euro] im Monat.“ Und in Provinzen wie in Chiapas müsse ein Lehrer teils bis zu 50 Kinder betreuen, was viele zur Kündigung bringe. Gerade in indigenen Gemeinden müssten Schulen wegen Mangels an Lehrer:innen schließen. „Aber das zeigen sie nicht im Fernsehen. Wir Lehrer werden vergessen.“
Die mexikanische Bevölkerung stehe vielleicht zu 50 Prozent hinter den Protesten. „Einige beschweren sich, weil wir auf den Straßen sind oder die Läden verdecken.“ So gab es in Mexiko Stadt eine Gegenblockade durch Ladenbesitzer:innen. Aber von gefühlten 50 Prozent Zustimmung für Menschenrechtsproteste können andere Bewegungen nur träumen. Seit einer Woche befindet sich Colmenares Espinoza nun in Mexiko Stadt. Nach zehn Tagen komme die Ablösung. Es wird also nicht stiller werden rund um die WM.
14 Jun 2026
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AUTOREN
Alina Schwermer
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