taz.de -- Umfragen zur Wahl in Baden-Württemberg: Der Motor der Entscheidung

Kurz vor dem Wahlsonntag liegen Grüne und CDU laut Umfragen gleichauf. Das zeigt auch, wie sehr sich Wäh­le­r:in­nen an Umfragen orientieren.

Bild: Es gibt noch mehr Parteien als die Grünen und die CDU. Wahlplakate in der Innenstadt von Böblingen in Baden Württemberg

Können Umfragen die Wahlergebnisse beeinflussen? Aber sicher doch. Wie sehr, das zeigt sich aktuell in Baden-Württemberg. Dort lag die CDU in Umfragen seit Jahren zum Teil meilenweit vor den Grünen. Doch auf den letzten Metern scheint ihr die Luft auszugehen. Das [1][ZDF-„Politbarometer“ sieht beide kurz vor dem Wahlsonntag sogar gleichauf] – erstmals [2][seit vier Jahren]. Und das liegt – ja, auch – an den Umfragen.

Denn die geben den Wähler:innen Orientierung. Antworten auf die Frage, wer Chancen hat zu gewinnen? Vor allem aber: Wo ist mein Kreuzchen am wertvollsten? Wo hat es den größten Hebeleffekt? Das konnte man zum Beispiel 2024 sehr gut in Brandenburg sehen. Bei der Landtagswahl lag in Umfragen die rechtsextreme AfD meilenweit vorn – bis zu 5 Prozentpunkte vor der SPD. Am Ende aber hatten die Sozialdemokraten die Nase vorn.

Das lag zum einen an Ministerpräsident Dietmar Woidke, der sich mit voller Wucht in den Wahlkampf schmiss, zugespitzt mit der Parole: Ich oder Land unter im braunen Sumpf. Ausschlaggebend aber waren auch die Umfragen in den Wochen vor der Wahl. Sie zeigten steigende Werte für die SPD und machten den Wahlberechtigten klar, dass Woidke tatsächlich eine Chance hatte, die AfD zu schlagen. So stürmte die SPD [3][von 20 Prozent sechs Wochen vor der Wahl auf über 30 Prozent am Wahlsonntag].

Natürlich gab es auch Verlierer. Die CDU stürzte von 19 auf 12 Prozent ab, weil die Wähler:innen – ebenfalls dank Umfragen – sehen konnten, dass sie im Anti-AfD-Rennen keine Chance hatten. Die Grünen fielen deswegen auf knapp unter 5 Prozent und flogen sogar aus dem Parlament. Der Wiedereinzug der Grünen ins Parlament war den Wähler:innen nicht so wichtig wie der Kampf gegen die AfD. Noch härter traf es die FDP. Weil sie schon laut Umfragen weit unter 5 Prozent lag, zerfielen sie am Wahlsonntag völlig. Nur noch 0,8 Prozent verschwendeten ihre Stimme an die offensichtlich unwichtig Splitterpartei.

Je lockerer die Parteienbindung, desto rasanter der Umschwung

Solche Effekte nehmen zu, je lockerer die Bindung der Wähler:innen an eine Partei ist. Und sie können auf den letzten Metern eine erstaunliche Rasanz entwickeln. Ein sehr frühes Beispiel dafür war der Erfolg der heute längst vergessenen Piratenpartei bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2011. Weil sie kurz vor der Wahl in einer Umfrage bei gut 4 Prozent auftauchten, schien eine Stimme für sie nicht mehr unbedingt verloren. Wenige Tage später stürmten sie [4][mit sensationellenn 9,8 Prozent ins Berliner Landesparlament].

Lagen die Umfragen so falsch? Nein, nicht unbedingt. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie den überraschenden Umschwung in der Wähler:innenmeinung beschleunigt haben. Sie sind der entscheidende Motor in der Meinungsbildung. Und somit ein essenzieller Teil der Demokratie.

Das könnte jetzt auch in Baden-Württemberg der Fall sein. Gut möglich, dass Cem Özdemir mit seinen Grünen am Sonntagabend gleich mehrere Prozentpunkte vor Manuel Hagel und der CDU liegen wird. Besonders gut für Özdemir ist dabei, dass das keineswegs sicher ist. Denn das motiviert erst recht, alle, die lieber den Grünen als den Schwarzen zum Ministerpräsidenten hätten, zur Wahl zu gehen.

Es geht um Polarisierung

Aber auch die Hagel-Fans sind durch die Umfragen gewarnt – und somit besonders motiviert, die CDU zu unterstützen. Das zeigt sich an den Umfragewerten der Union, die trotz des Grünenbooms nicht sinken. Im Gegenteil. Es geht um Polarisierung.

Das könnte am Ende wieder die Kleinen treffen. Die SPD, die in Baden-Württemberg seit Jahren nur noch für eingefleischte Fans eine Rolle spielt, sackte zuletzt noch weiter ab.

Bei FDP und Linkspartei geht es gar ums Ganze – also den Einzug in den Landtag. Deren Umfragewerte sind zum Glück für beide gerade richtig schlecht. Sie liegen nur noch bei 5,5 Prozent. Das könnte sie retten. Weil sich der eine oder die andere doch eine Kleinpartei im Parlament für wichtiger hält, als die Frage, ob nun Özdemir oder Hagel Ministerpräsident wird. Und auch bei dieser Abwägung helfen die Umfragen.

6 Mar 2026

[1] https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/politbarometer-extra-landtagswahlen-baden-wuerttemberg-2026-100.html

[2] https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/baden-wuerttemberg.htm

[3] https://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/brandenburg.htm

[4] /Piratenpartei-raeumt-in-Berlin-ab/!5111703

AUTOREN

Gereon Asmuth

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