taz.de -- US-israelische Angriffe auf Iran: Trumps Krieg steckt voller Widersprüche

Die USA wollen das Regime in Iran nur mit Luftangriffen und ohne Bodentruppen stürzen. Trump läutet damit eine neue Phase des MAGA-Imperialismus ein.

Bild: Trümmer in Teheran nach einem US-israelischen Angriff auf eine Mädchenschule

Das Motto „Make America Great Again“ wird oft als Zurückhaltung vor Kriegen im Ausland interpretiert. Dieses Missverständnis hat US-Präsident Donald Trump spätestens in seiner zweiten Amtszeit ausgeräumt. Mit den amerikanisch-israelischen Luftangriffen auf Iran am Samstag hat der MAGA-Imperialismus die nächste Eskalationsstufe erreicht.

Mit tief in die Augen gezogener weißer Schirmmütze rief Trump in der ersten Videobotschaft nach Beginn seiner „Operation Epic Fury“ ein neues Ziel aus: den Regimewechsel. Großflächige Angriffe auf iranische Raketenstellungen und Seestreitkräfte würden ausgeführt. Mehrtägige Bombardierungen sollen das Regime in Teheran so schwächen, dass die Bevölkerung es in einem Aufstand abschütteln kann.

Damit ist der Krieg gegen Iran für Trump etwas gänzlich Neues: Der Präsident und seine Verbündeten scheinen tatsächlich den Kollaps der Islamischen Republik herbeiführen zu wollen.

Auch beim Angriff auf Venezuela zielten die USA auf einen unliebsamen Diktator ab. Jedoch sprachen Trump und Co. im Anschluss an die Entführung Nicolás Maduros nie von einem Regimewechsel – das chavistische System sollte vielmehr erhalten bleiben, und die Nachfolger des Machthabers sollten durch Drohungen gefügig gemacht werden. Anders nun in Iran.

Zivilisten unter Beschuss

Der Ausgang des Krieges ist mehr als ungewiss. Im großen Unterschied auch zur Invasion des Irak 2003, bei dem die USA und ihre Verbündeten [1][völkerrechtswidrig ein Land im Nahen Osten angriffen], um dessen brutale Diktatur zu stürzen, setzen die USA gegen Iran keine Bodentruppen ein. Kein Territorium soll erkämpft und gehalten werden.

Da eine langjährige Besatzung viele Soldaten und Ressourcen erfordert, beschränkt sich Trump im Iran auf Luftangriffe – mit der Hoffnung, dass der iranischen Bevölkerung der Regimewechsel „on the ground“ gelingt.

Das wird viele Zivilisten das Leben kosten. Mehreren Quellen zufolge tötete eine Bombe, die am Samstag in einer Mädchenschule in Teheran einschlug, dutzende Menschen. Nachdem das Regime im Januar [2][tausende Demonstrierende erschossen hat], kommt die Gefahr jetzt von oben.

Trumps Ansprache vom Samstagmorgen offenbarte so auch mit Blick auf die Zivilbevölkerung eine gewisse Widersprüchlichkeit. Der Präsident rief die Iraner einerseits auf, sich zu erheben, sagte aber auch: „Verlassen Sie Ihr Zuhause nicht. Draußen ist es sehr gefährlich. Überall werden Bomben fallen.“ Weil Trump offenbar um die Waghalsigkeit seiner Kriegsziele weiß, erdreistete er sich auch noch, die Iraner vorab für ein mögliches Scheitern verantwortlich zu machen – wenn sie [3][diese „Chance“ zum Sturz der Mullahs nicht nutzen].

Trump und seinen Militärs ist bewusst, dass sich die iranische Führung in den letzten Monaten auf massive Gegenschläge gegen Israel und US-Militärbasen in der Region vorbereitet hat – und diese Angriffe folgten am Samstag prompt. So stellte der Präsident das amerikanische Volk in seiner Rede auch auf Verluste unter US-Amerikanern im Nahen Osten ein.

Unmut bei MAGA

Für Trump ist das ein heikler Punkt. In vergangenen Kriegen – etwa bei der Entführung Maduros oder den Luftschlägen gegen iranische Nuklearanlagen vergangenen Sommer – ist Trumps Anhängerschaft ihm im Großen und Ganzen gefolgt. Doch wenn die USA durch die Gegenangriffe echte Verluste hinnehmen müssen, könnte die Stimmung kippen.

Für die Betriebstemperatur der MAGA-Bewegung sind die Kriegsziele entscheidend. In seiner Rede verwies Trump auf die lange Feindschaft der USA mit der islamistischen Führung in Teheran. Bei vielen Konservativen und Rechten zieht das durchaus.

Doch einige Vordenker der Bewegung, wie etwa der rechte Talkshow-Host Tucker Carlson, haben in den letzten Wochen deutliche Zweifel vorgebracht, dass ein Krieg gegen Iran wirklich im Interesse der USA liegt.

Im nächsten Schritt unterstellen sie oft, die USA würden in Wahrheit nur für die Interessen Israels kämpfen – und von dort ist es nicht mehr weit zu der Erzählung, Trump opfere amerikanische Patrioten für einen „jüdischen Krieg“. Berechtigte Kritik an Netanjahus Kriegstrommelei wird so zum Einfallstor für jenen Antisemitismus, der in der amerikanischen Rechten mittlerweile kaum noch einzuhegen ist.

Ein blutiger Niedergang

Die Kriegslust der Trump-Regierung in Washington kann auch die glühendsten MAGA-Patrioten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das US-Imperium im Niedergang befindet. Nur bedeutet der zunehmende Bedeutungsverlust der USA nicht automatisch eine Politik des Isolationismus.

Anstatt sich zurückzuziehen und sich um ihre heimischen Probleme kümmern, verfolgen die USA mit immer brutaleren Mitteln ihre Ziele. Der weitere Abstieg kann noch viel blutiger und schmutziger werden.

Gewiss, in der US-Rechten gibt es auch eine radikal-isolationistische Strömung, und einiges deutet darauf hin, dass sie stärker wird. Doch „America First“ hieß tatsächlich nie nur nach innen schauen, sondern immer auch: amerikanische Stärke. Wenn der Anspruch auf Vorherrschaft auf die objektiven Bedingungen des imperialen Verfalls prallt, dann kommen ganz neue Monster zum Vorschein.

1 Mar 2026

[1] /Angriffe-auf-den-Iran/!6158764

[2] /Iran-Proteste/!6156117

[3] /Politischer-Wandel-im-Iran/!6150999

AUTOREN

Leon Holly

TAGS

Schwerpunkt Iran-Krieg

Donald Trump

Teheran

Israel

Schwerpunkt Iran

Kommentar

Reden wir darüber

Angriff

GNS

ARTIKEL ZUM THEMA

Europa und der Iran-Krieg: Schrödingers Völkerrecht

Der Krieg der USA gegen Iran verstößt gegen internationales Recht. Merz & Co weigern sich, das Offensichtliche auszusprechen. Und schaden sich selbst.

Chamenei durch Israel getötet: Auf den Tod des Diktators wird kein Frieden folgen

Das Mullah-Regime hat seine wichtigste Symbolfigur verloren, aber es wird weitermachen. Wahrscheinliche Szenarien sind eine Militärdiktatur oder Chaos.

Reaktionen auf Iran-Krieg: „Politischer Wandel lässt sich nicht von außen herbeibomben“

Nach Angriffen der USA und Israels rufen Organisationen zur Deeskalation auf. Merz, Macron und Starmer verurteilen iranische Gegenangriffe auf US-Militärbasen.

Angriffe auf Iran: Eindeutig völkerrechtswidrig

Der Angriff von Israel und den USA auf Iran verletzt das Völkerrecht. Er verstößt gegen das Gewaltverbot der UN-Charta. Es gibt auch keinen Rechtfertigungsgrund hierfür.

Iran-Proteste: Linke sind solidarisch – nur nicht mit Reza Pahlavi

Schweigt „die“ Linke zum Iran? Diese Behauptung wird vor allem von Leuten verbreitet, die zum Grauen in Gaza geschwiegen haben. Sie ist falsch.

Politischer Wandel im Iran: Die Stunde der Opposition

Das iranische Regime wirkt verwundbar wie lange nicht. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob es stürzt – sondern wer bereitsteht, wenn es fällt.

Proxied content from gemini://taz.de/US-israelische-Angriffe-auf-Iran/%216158771 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/US-israelische-Angriffe-auf-Iran/%216158771
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.