taz.de -- Todesstrafe in den USA: Scheitern als Kalkül

Dem Trump-Regime ist es nicht gelungen, Christa Pike hinzurichten. Das ist nicht überraschend. Die Risiken des eingesetzten Mittels sind bekannt.

Bild: Todesstrafe: die Hinrichtungsstätte in der neuen Hinrichtungskammer im Louisiana State Penitentiary, USA

Tennessee hat die Hinrichtung von Christa Pike abgebrochen: Das tödliche Mittel Pentobarbital geriet neben die Vene. Die Fehlinjektion verätzte das umliegende Gewebe schwer. Sie schnarchte, aber starb nicht. Pike liegt jetzt im Krankenhaus.

Das ist kein tragisches Schicksal, das niemand vorausahnen konnte. Kein Zufall. Keine Ausnahme. Es ist Kalkül.

[1][Das hohe Risiko war bekannt], und der Staat entschied sich dennoch, die Hinrichtung zu versuchen. Hinrichtungen demonstrieren staatliche physische Gewalt. Sie passen nicht in eine Demokratie. Das sind mittelalterliche Methoden. Sie vermitteln Menschen: Habt Angst. Schaut her, wir töten sie vor euren Augen. Menschen zu töten, um sie für Mord zu bestrafen, ist grausam und kindisch. Nach dem Motto: Was du kannst, kann ich schon lange!

Im Fall von Christa Pike wählte der Bundesstaat Tennessee unter Gouverneur Bill Lee die Hinrichtung mit Pentobarbital, einem starken Schlafmittel. Grundlage dafür ist [2][ein Protokoll], das eine „humane“ Hinrichtung ermöglichen soll. In einem Bericht des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten (Supreme Court) kam vor der geplanten Hinrichtung befragtes medizinisches Fachpersonal zu Wort. Die Experten beschrieben, wie das Medikament grundsätzlich wirkt und wie es in Anbetracht von Pikes Gesundheitszustand bei ihr wirken dürfte.

Demnach leidet die Todeskandidatin an einer Blutgerinnungsstörung, und sie ist übergewichtig. Sie ist durch frühen Missbrauch traumatisiert und leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Dazu kommen schmale Venen, die sich schwer punktieren lassen. All das macht die Hinrichtung mit einer Injektion, angeschnallt auf einer Liege, problematisch: Das Blut kann verklumpen, die Venen sind nicht leicht zu finden, die Fixierung kann triggern, und selbst wenn die Venen gefunden sind, bleibt es schwer, sie zu punktieren. Wenn das Gift ins Gewebe statt in die Vene gelangt, kann es zu schweren Verätzungen kommen. Das alles beschreibt die Anästhesistin Gail Van Morgen im Bericht.

Ein Lungenödem tritt laut Joel Zivot, einem weiteren gehörten Experten, in über der Hälfte der Fälle auf. Das bedeutet, dass sich Wasser in der Lunge sammelt und ein Erstickungsgefühl einsetzt. Menschen ertrinken innerlich. „Diese Methode ist eindeutig grausam, und es ist an der Zeit, damit aufzuhören“, so der Bericht.

Nach dem Ethik-Kodex der amerikanischen Ärzteschaft dürfen Mediziner nicht an Hinrichtungen mitwirken. Daher kann unqualifiziertes Personal die Injektionen durchführen, was wiederum die Gefahr einer missglückten Punktion erhöht. Der Staat verschweigt, wer die Hinrichtung in Pikes Fall versuchte.

Christa Pike liegt nun auf der Intensivstation, nachdem alle Warnungen ignoriert und dann bestätigt wurden. Sie hat überlebt. Wie es weitergeht, ist unklar. Zumindest für dieses Jahr hat Gouverneur Bill Lee die Hinrichtungen ausgesetzt.

Nur wenige Tage nach der gescheiterten Hinrichtung gab die Trump-Regierung bekannt, dass der Inhaftierte Nidal Hasan im Dezember dieses Jahres öffentlichkeitswirksam erschossen werden soll – per Livestream übertragen. Diese absurde Form der Rache und die Erniedrigung der Betroffenen kann auch die Zuschauer traumatisieren. Es ist immer schrecklich, einen Menschen sterben zu sehen. Das alles hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun.

9 Oct 2026

[1] https://wpln.org/wp-content/uploads/sites/7/2026/08/Special-Master-Report-Christa-Pike-082126.pdf

[2] https://files.deathpenaltyinfo.org/documents/Protocol_Redacted-TN-2025.pdf?dm=1736451415

AUTOREN

Sean-Elias Ansa

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