taz.de -- Tagebuch aus Georgien: Einmal Tiflis, nicht zurück, auch nicht woanders hin
Unsere Autorin lebt im georgischen Batumi. Zurück nach Belarus kann sie nicht. Und aus ihrem Exilland mag sie nicht wegfahren. Denn sie lebt illegal.
Bild: Wo sie herkommen: Demonstration im belarussischen Minsk 2020
Erinnern Sie sich an die US-amerikanische Tragikomödie [7][„The Terminal“]? Der Hauptdarsteller Tom Hanks verlässt das fiktive Land Krakozia mit dem Flugzeug und sitzt lange Zeit am Flughafen fest, weil während seines Fluges in seinem Land ein Putsch stattgefunden hat und sein Pass ungültig geworden ist.
Dieser Film spiegelt die [8][Realität] vieler Belaruss:innen wider, die heute ohne Dokumente im [9][Zwangsexil in Georgien] leben.
So wie die Aktivistin Mascha. Sie wollte ihre belarussische Staatsbürgerschaft aufgeben und hat ihren Ausweis angezündet. Heute sagt sie: „Ich war jung und dumm!“ Außerdem wurde sie zu einer Geldstrafe von 1.000 Euro verurteilt, da sie die Gültigkeitsdauer ihres Aufenthaltsdokuments in [10][Georgien] überschritten hatte. Um einen neuen Einreisestempel zu erhalten, musste sie alle 365 Tage aus Georgien ausreisen.
Mascha reist jedoch seit zwei Jahren nicht mehr, da sie Angst hat, nicht mehr den Flughafen verlassen zu können. Zu allem Übel wurde bei der jungen Frau auch noch Krebs diagnostiziert. Eine Rückkehr nach Belarus ist unmöglich, denn dort würde sie ins Gefängnis kommen – gegen sie wurde ein Strafverfahren eingeleitet, da sie 2020 in Minsk gegen die Regierung demonstriert hat.
In Georgien wird meistens Schutz verweigert
In Georgien hat sie Schutz gesucht. Doch hier wird ihr internationaler Schutz verweigert. Dem Menschenrechtsaktivisten [11][Roman Kisljak] wurde in einer ähnlichen Situation eine Ausweisungsentscheidung aus Georgien ausgehändigt, doch er wurde durch das schnelle Eingreifen der Uno gerettet und steht jetzt unter Schutz. Aber das ist eine Ausnahme.
Seit 2023 hat Staatspräsident [12][Alexander Lukaschenko] den belarussischen Botschaften verboten, Pässe auszustellen und zu verlängern. Für diejenigen, die vor Repressionen geflohen sind, ist das eine Falle. Ich selbst hatte übrigens Glück: Ich habe es geschafft, meinen Pass ein Jahr vor dieser Anordnung, 2022 in Tbilisi, um zehn Jahre zu verlängern.
Derzeit ist die Ausreise aus Georgien ein Glücksspiel. Es kann passieren, dass man zwar rauskommt, aber nicht zurückdarf. Der belarussische Journalist [13][Andrej Meleshko] von „Radio Ratsia“ wurde gemeinsam mit seiner Tochter im Herbst 2024 vom Flughafen in georgischen Kutaisi zurück nach Warschau geschickt.
Die mit der Partei „Georgischer Traum“ verbundenen Behörden Georgiens verschließen zunehmend ihre Türen vor Belaruss:innen, die vor der Diktatur geflohen sind. Um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, ist nun ein Nachweis erforderlich, dass man nicht vorbestraft ist. Aber der kann ebenfalls nur in Belarus ausgestellt werden. Eine neue Sackgasse.
Mascha lebt wegen ihrer Krebserkrankung zwischen Krankenhäusern, aber voller Hoffnung. Allerdings hat sie weder Geld für die Behandlung noch Dokumente. In Georgien leben noch etwa 12.000 Belaruss:innen, aber diese Zahl sinkt von Monat zu Monat. Die Menschen suchen weiterhin nach einem sicheren Zuhause. Doch vorerst ähnelt das Leben einiger von ihnen der Handlung des Films „Terminal“.
[14][Olga Deksnis]ist freie Journalistin aus Minsk und lebt im Exil in Georgien. Sie ist Alumna des [15][Osteuropa-Workshops] für Journalist:innen der taz Panter Stiftung.
Aus dem Russischen von [16][Tigran Petrosyan].
Durch [17][Spenden an die taz Panter Stiftung] werden unabhängige und kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
31 Oct 2025
LINKS
[7] https://taz.de/Flughafenodyssee/!691118/
[8] https://taz.de/Es-ist-ein-vergessenes-Thema/!266269/
[9] /Fluchtziel-Georgien/!5865246
[10] /Georgien/!t5011778
[11] https://taz.de/Polnisches-Roulette/!5373902/
[12] /Lukaschenko/!t5048207
[13] https://bysol.org/en/private/andreymeleshko/
[14] https://taz.de/Olga-Deksnis/!a60896/
[15] https://taz.de/taz-Panter-Stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
[16] https://taz.de/Tigran-Petrosyan/!a22524/
[17] https://taz.de/Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
AUTOREN
Olga Deksnis
Kolumne Krieg und Frieden
taz Panter Stiftung
Belarus
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