taz.de -- Studien zeigen dramatischere Klimakrise: Der globale Meeresspiegel wurde systematisch unterschätzt
Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht bis zu 132 Millionen Menschen, deutlich mehr als gedacht. Und dann beschleunigt sich die Klimakrise auch noch.
Bild: Die Insel Namotu im Südpazifik, der Meeresspiegel steigt bedrohlich Jahr für Jahr
Ein Problem für die Menschen, die [1][heute schon auf den friesischen Halligen oder Inselstaaten im Pazifik nasse Füße bekommen], aber auch für die BewohnerInnen großer Küstenstädte von New York City über Jakarta bis Rostock eine böse Überraschung: Der Meeresspiegel steht höher als bisher angenommen. [2][Eine Studie hat jetzt festgestellt], dass bisherige Modelle den Meeresspiegel an Küsten durchschnittlich 20 bis 30 Zentimeter zu niedrig schätzen.
Das Team um Katharina Seeger und Philip Minderhoud von der niederländischen Universität Wageningen hat in seiner Meta-Studie 385 Studien untersucht. Dabei haben die WissenschaftlerInnen eine systematische Unterschätzung des Meeresspiegels festgestellt. Sie nahmen Studien aus dem Zeitraum von 2009 bis 2025 unter die Lupe, die mit satellitengestützten Höhendaten arbeiteten. Dabei bemerkte das Team, dass der lokale Meeresspiegel in neun von zehn Fällen allein auf Grundlage von Landhöhenmessungen bezogen wurde.
„Der Meeresspiegel wird allerdings durch zusätzliche Faktoren wie Winde, Meeresströmungen, Gezeiten sowie die Temperatur und den Salzgehalt des Meerwassers beeinflusst“, erklärt Minderhoud. „Die tatsächliche Höhe kann daher abweichen.“ Die Forschenden sprechen von einem blinden Fleck, den bisherige Studien bislang übersehen hätten. Laut der WissenschaftlerInnen müsse mit den Daten zum lokalen Meeresspiegelanstieg in Küstenregionen grundsätzlich anders umgegangen werden. Das Team korrigierte den falschen Bezugswert mit eigenen Rechnungen.
Damit könnte sich der Anstieg des Meeresspiegels durch die Klimakrise auf viel mehr Menschen auswirken. „Unsere korrigierten Berechnungen zeigen, dass bei einem relativen Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter 37 Prozent mehr Fläche und 68 Prozent mehr Menschen – bis zu 132 Millionen – unter Meeresspiegelniveau fallen werden“, so Seeger.
Ein grundlegender Fehler wird korrigiert
„Die Studie korrigiert nicht die Meeresspiegelprognosen, sondern einen grundlegenden Fehler in der bisherigen Risikobewertung“, sagte Ingo Sasgen vom Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven dem Science Media Center, der an der Studie nicht selbst beteiligt war. Die Arbeit sei methodisch sehr gut durchgeführt. Zentral sei, „dass die absolute Höhe des heutigen Meeresspiegels relativ zur Küste in Risiko-Studien systematisch falsch angesetzt wurde – und damit auch die Zahl der Menschen, die von einem künftigen Meeresspiegelanstieg betroffen wären“, so Sasgen.
Die schlechte Nachricht für die vom Anstieg des Meeresspiegels akut bedrohten Pazifikinselstaaten: Laut des Forschungsteams haben bisherige Studien insbesondere den Meeresspiegel in Südostasien und im Indopazifik unterschätzt. Der könnte dort bereits einen Meter höher liegen als bisher angenommen. In Regionen wie Europa oder Nordamerika gebe es mehr Ressourcen für die Erhebung lokaler Messwerte – dort werde sich deshalb weniger auf die ungenaueren Modelle verlassen. Im Globalen Süden sind Satellitendaten hingegen oft die einzig verfügbare Datenquelle.
Was die Studie ans Licht bringe, [3][sei besorgniserregend], sagt Gabriel Mara. Der Analyst arbeitet bei dem Thinktank Climate Analytics in Berlin zu Anpassung und Schäden im Pazifikraum, war ebenfalls nicht selbst an der Studie beteiligt und befindet sich gerade im Pazifikstaat Tuvalu. Für kleine Inselstaaten gehe es nicht um eine rein theoretische Diskrepanz. „Denn wenn die Prognosen konservativ sind, dann sind auch die auf diesen Prognosen basierenden politischen Maßnahmen, Infrastrukturstandards und Anpassungspläne konservativ.“ Für die Inselstaaten bedeutete das im Klartext: nicht sicher.
Die Klimakrise beschleunigt sich
Die Erderhitzung beschleunigt sich derweil noch. Das zeigt eine am Freitag erschienene [4][Forschungsarbeit], die das Ausmaß der Klimakrise neu vermisst. Die Arbeit von Grant Foster und Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zeigt, dass die Geschwindigkeit der Erderwärmung seit 2015 zugenommen hat.
Das Besondere an der Arbeit ist, dass die Autoren dabei Kontextfaktoren wie das zyklische Wetterereignis El Niño herausgerechnet haben, währenddessen die globalen Temperaturen unabhängig von der Klimakrise höher als sonst liegen. Die Wissenschaftler schreiben im Fachjournal Geophysical Research Letters, während sich der Planet von 1970 bis 2015 mit jedem Jahrzehnt um durchschnittlich 0,2 Grad Celsius erhitzt habe, liege der Durchschnittswert seit 2015 bei 0,35 Grad.
8 Mar 2026
LINKS
[1] /Meeresforschung/!6142378
[2] https://www.nature.com/articles/s41586-026-10196-1
[3] /Studie-zu-schwindendem-Weideland/!6153297
[4] https://doi.org/10.1029/2025GL118804
AUTOREN
Tim Feldmann
Schwerpunkt Klimawandel
Meeresspiegel
Wissenschaft
Schwerpunkt Klimagerechtigkeit
Erderwärmung
klimataz
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