taz.de -- Streit um Deutschlandticket: Fürs Auto ist immer Geld da
Deutschland fördert Bus und Bahn nur widerwillig – und subventioniert gleichzeitig weiter den Verbrenner. Absurd ist das nicht nur fürs Klima.
Bild: Manchmal halten Autos für Züge, doch öfter passiert es umgekehrt: Regio-Express Prignitz
Stellt euch vor, es gibt ein sogenanntes Deutschlandticket. Eine einzige Fahrkarte für den Nah- und Regionalverkehr in ganz Deutschland, im Monatsabo. Mega praktisch. Für 63 Euro monatlich – kein Schnäppchen, aber billiger als die meisten Monatstickets für nur einen einzelnen lokalen Verkehrsverbund.
Stellt euch vor, es erspart dem deutschen Verkehrssektor, der regelmäßig deutlich an den für ihn geltenden Klimazielen vorbeisegelt, eine ganze Menge seiner klimaschädlichen Treibhausgasemissionen. 2024 hat der Verkehr in Deutschland Emissionen von rund 143 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente verursacht.
Wenn es das Deutschlandticket nicht gegeben hätte, wären es 2,5 Millionen Tonnen mehr gewesen, das entspricht 3 Prozent der Gesamtemissionen des privaten Autoverkehrs in dem Jahr. Das haben mehrere Forschungsinstitute [1][in einer aktuellen Studie im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums] ausgerechnet. Ohne das Ticket hätten die Abonnent:innen – Anfang 2025 waren es rund 14,6 Millionen Menschen – 12 bis 20 Prozent ihrer ÖPNV-Fahrten im Auto zurückgelegt.
In [2][einer zweiten aktuellen Studie] haben Wissenschaftler:innen des Statistik-Unternehmens Statista und des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung (DZSF) errechnet, dass Pendler:innen 2024 dank des Deutschlandtickets knapp 9 Milliarden Kilometer weniger Auto gefahren sind als 2022, als das Ticket noch nicht eingeführt war.
2,7 Milliarden Euro Einsparung
Jetzt stellt euch vor, das Deutschlandticket spart nicht nur klimaschädliche Abgase und Autofahrten, sondern auch Geld: 3 Milliarden Euro waren es 2024 allein im Pendelverkehr, laut den Forscher:innen von Statista und DZSF. 0,3 Milliarden Euro entfallen auf günstigere Ticketpreise bei zugleich gestiegener ÖPNV-Nutzung.
Satte 2,7 Milliarden Euro spart der abobedingte Umstieg vom Auto auf den Nahverkehr. Oder andersrum: Mit dem Auto zur Arbeit und zurück zu pendeln, ist viermal teurer als die gleiche Strecke mit dem Deutschlandticket in Bus und Bahn zu machen. Das war, bevor die Mineralölkonzerne Benzin und Diesel an deutschen Tankstellen ordentlich verteuerten: Vor dem Krieg der USA und Israels gegen Iran kostete der Liter Diesel im Schnitt 1,72 Euro, Super E10 1,76 Euro pro Liter – am Mittwoch lag Diesel [3][laut ADAC] bei 2,28 Euro und Super E10 bei 2,11 Euro.
Stellt euch vor, die Bundesregierung gibt 1,5 Milliarden Euro im Jahr aus, damit das Deutschlandticket angeboten werden kann. Noch mal 1,5 Milliarden Euro im Jahr steuern die Bundesländer bei. Bisher kamen die Verkehrsunternehmen mit dem Geld nicht ganz hin.
Kritische Stimmen sagen, dass die Strukturen in vielen Verkehrsverbünden veraltet sind, dass Gelder nicht immer ganz effizient ausgegeben werden. Die Verkehrsunternehmen selbst sagen, dass sie in den vergangenen Jahren immer mehr Geld in Personal, Energie und Betrieb der Busse und Bahnen stecken mussten – so oder so reichte die Finanzierung von Bund und Ländern nicht.
Kaum zu glauben
Deshalb wurden die Mehrkosten bisher auf die Kund:innen abgewälzt, der Ticketpreis ist seit Einführung des Abomodells von 49 auf zunächst 58, dann auf 63 Euro pro Monat angestiegen. Der Preis für 2027 [4][basiert auf einer ausgetüftelten mathematischen Formel], im September wird er bekannt gegeben. Jetzt schon ist sicher, dass sich der Preis für den Bund hingegen – 1,5 Milliarden Euro im Jahr – nicht ändert.
Und nun stellt euch vor, die Regierung führt eine Art Tankrabatt ein, indem sie die Mineralölsteuer auf Diesel und Benzin, klimaschädliche fossile Kraftstoffe vom Feinsten, auf rund 17 Cent brutto pro Liter senkt. Die Senkung gilt voraussichtlich ab Anfang Mai und dann für zwei Monate. In diesen zwei Monaten verfeuert die Bundesregierung bereitwillig Steuereinnahmen in Höhe von etwa 1,6 Milliarden Euro. Sie lässt sie sich durch den Tankrabatt entgehen.
Kaum zu glauben, was? Auf der einen Seite ist da das Deutschlandticket, das Menschen in die klimafreundlicheren Öffis holt, das sie eine Menge Geld spart. Auf der anderen ist da der Tankrabatt, eine Finanzspritze fürs Betanken klimaschädlicher Verbrenner, für die der Bund mal eben in nur zwei Monaten ungeniert mehr Geld opfert, als das Deutschlandticket für ihn in einem ganzen Jahr kostet.
Die Koalition will die durch den Tankrabatt wegfallenden Steuereinnahmen zwar durch eine höhere Tabaksteuer ausgleichen, aber ob die Rechnung aufgeht, ist ungewiss. Zugegeben, für einige Menschen, die aufs Auto angewiesen sind, sind die hohen Spritpreise wirklich eine hohe Belastung. Sie zu unterstützen, ist eine gute Sache.
Ganz sicher nicht gut ist es jedoch, pauschal die Nutzung klimaschädlicher Verkehrsmittel und Kraftstoffe zu fördern. Stellt euch vor, der Bund würde stattdessen ein preiswertes Sozialticket als Ergänzung zum Deutschlandticket finanzieren, um noch mehr Menschen für den ÖPNV zu begeistern. Oder den Nahverkehr ausbauen, damit er günstig und zuverlässig und in allen Regionen zugänglich ist.
15 Apr 2026
LINKS
[1] https://www.bmv.de/SharedDocs/DE/Anlage/K/evaluation-deutschlandticket-zwischenbericht.pdf?__blob=publicationFile
[2] https://www.dzsf.bund.de/SharedDocs/Fachmitteilungen/DZSF/2026/06_2026_Forschungsbericht_91_2026_Pendelkosten.html
[3] https://presse.adac.de/meldungen/adac-ev/verkehr/dieselpreis-sinkt-innerhalb-einer-woche-um-mehr-als-16-cent.html
[4] /Der-Preis-fuer-das-Deutschlandticket-wird-ab-2027-nicht-mehr-politisch-festgelegt/!6166164
AUTOREN
Nanja Boenisch
Deutschlandticket
Öffentlicher Nahverkehr
Benzinpreise
Schwerpunkt Klimawandel
talkshow
Social-Auswahl
Reden wir darüber
ARTIKEL ZUM THEMA
Kritik an CDU-Vorschlag: Zwangsweises Deutschlandticket für einkommensarme Menschen
CDUler in NRW wollen Empfänger*innen der Grundsicherung zur Kasse bitten. Das sei Bevormundung ohne Vorteile für die Betroffenen, sagen Kritiker*innen.
ÖPNV in Schweden: 50 Prozent Rabatt auf Monatstickets
Die rechte Regierung in Stockholm setzt auf ein traditionell linkes Thema – und verbilligt das Pendeln mit Bus und Bahn. Muss einen das ärgern?
Deutsche Bahn: Last-Minute-Tickets im Fernverkehr
Künftig sollen Kurzentschlossene günstiger den Fernverkehr nutzen können. Die Tickets werden zu Preisen ab 6,99 Euro angeboten.
Verkehr in Zeiten der Energiekrise: Grenzenlos reisen mit dem Niederlandeticket?
Mit einem Monatsabo will die niederländische Regierung Bahnfahren fördern. Vorbild: das Deutschlandticket. Doch die Bedingungen sind unterschiedlich.
Reportage von der Zapfsäule: Keiner sagt hier Tankeschön
Wie kommt der geplante Spritrabatt bei Autofahrenden an? Ein Nachmittag an der informellen Tankstelle der Bundesregierung.
Entlastungsprämie: Arbeitgeber dämpfen Erwartungen
Arbeitgeber können ihren Beschäftigten 2026 eine steuerfreie Prämie von 1.000 Euro zahlen. Der Arbeitgeberverband übt Kritik und sagt: Es werden deutlich weniger sein.
Öffentlicher Nahverkehr in Hamburg: Busticket verschlechtert den Schufa-Score
Wer sich in der Ticket-App des Hamburger Verkehrsverbundes anmeldet, schadet seiner Kreditwürdigkeit. Die Alternative hat ihre Tücken.
Entlastungspaket der Bundesregierung: „Fossile Antworten auf fossile Krise“
Der geplante Tankrabatt stößt nicht auf Begeisterung bei Umweltverbänden. Auch Industrievertreter:innen sind enttäuscht – nur die IG Metall nicht.
Volle Knäste und überlastete Justiz: Hubig will Fahren ohne Fahrschein entkriminalisieren
Die Bundesjustizministerin will Gerichte und Gefängnisse entlasten. Ein „modernes Strafrecht“ soll dabei helfen.