taz.de -- Stimmen aus Iran: „Kapituliert, kapituliert!“

Viele junge Menschen aus Teheran vereint nach zwölf Tagen Bombardierungen von USA und Israel ein Wunsch: dass die Islamische Republik zusammenbricht.

Bild: Teheran am 10. März 2026, wenig Menschen auf den Straßen, die Geschäfte im Hauptbasar sind geschlossen

Innerhalb Irans ist die Situation [1][nach zwölf Tagen Krieg] vielschichtig, fast surreal. Die politische und militärische Machtstruktur der Islamischen Republik hat unerwarteterweise ihr internes Gleichgewicht gehalten, die Äußerlichkeiten bleiben gewahrt. Es gibt einen neuen Führer und Iran greift weiterhin Ziele in Nachbarländern an.

Aber verglichen mit dem Zwölftagekrieg mit Israel im Juni 2025 haben sich diesmal weniger Menschen auf den Weg aus angegriffenen Städten in sicherere Landesteile gemacht. Die sozialen Plattformen sind voll mit Witzen über den jungen Chamenei, der auf den alten folgt. Mojtaba Chamenei ist noch nicht öffentlich aufgetreten, sein Vater Ali Chamenei wurde noch nicht einmal begraben. Beide sind unsichtbar.

Der iranische Himmel steht den Kampfjets der USA und Israels weit offen. Und sie erzeugen kaum noch Angst. Die Leute haben gelernt, die Geräusche des Krieges einzuordnen. Sobald ein Flugzeug zu hören ist, ploppen Telegram-Nachrichten auf: „Angriff“. „Es geht los“. „Gleich schlägt es ein“. „Bombe“. Einige haben echte Angst, wenn sie eine Explosion hören. Aber die meisten verspüren stille Zufriedenheit: Es gibt wieder einen Militärkommandanten weniger. Von Zerstörungen berichten die wenigsten.

Ob sie Angst haben oder die Angriffe wie eine Art Videospiel verfolgen – viele Iraner sagen, das Verschwinden von Gebäuden, Infrastruktur oder Flugzeugen kümmere sie nicht. Wenn die Islamische Republik untergeht, so glauben sie, kann Iran mit seinem immensen Humankapital und reichhaltigen Ölreserven etwas Besseres aufbauen.

Zugleich haben die paramilitärischen Milizen der Revolutionsgarden, die Basidsch, die Kontrolle über viele Straßen übernommen. Bewaffnet, schreiend und sichtbar aggressiv patrouillieren sie insbesondere in Großstädten wie Teheran, um Menschen einzuschüchtern und Proteste oder jeglichen organisierten Dissens im Keim zu ersticken. Viele Bürger harren in ihren Häusern aus und warten auf ein Signal, sich zu Massenprotesten zu sammeln, wie etwa vom exilierten Prinzen Reza Pahlavi und US-Präsident Donald Trump empfohlen.

Eins der schönesten Gefühle

„Ich kann ganz ehrlich sagen: Dies ist eines der schönsten Gefühle meines Lebens“, berichtet die 28-jährige Pari aus Teheran der taz per Sprachnachricht via Telegram. „Ich habe keinen Zweifel, dass die andauernden Bombardierungen nicht übertrieben sind. Sie sind nötig für den Sturz des Regimes. Mein einziger Wunsch ist, dass die Islamische Republik zusammenbricht, so schnell wie möglich.“

Pari arbeitet als Ingenieurin in einer Firma für medizinische Ausrüstung. „Es stimmt, wir fürchten uns“, fährt sie fort. „Aber [2][Freiheit hat einen Preis, und wir sind bereit, ihn zu bezahlen]. Mein Haus ist in einem Gebiet, wo viele Raketen und Bomben gefallen sind. Aber wir bleiben hoffnungsvoll. Ich habe Teheran nicht verlassen, aus einem einzigen Grund: Ich warte auf einen Aufruf von Prinz Reza Pahlavi, auf die Straße zu gehen und meine Pflicht für mein Land zu tun.“

Der 24-jährige Alireza, der in Teheran aktiv an Protesten teilgenommen hat, erzählt: „Wir leben zu dritt in einem Haus. Unsere Freunde kommen regelmäßig, damit wir die Nachrichten verfolgen. Immer wenn wir eine Explosion hören, rufen wir zusammen: ‚Kapituliert, kapituliert.‘ Was die Leute in Iran jetzt am meisten wollen, ist, dass die Islamische Republik so schnell wie möglich kapituliert. Mit jedem Tag sehen wir mehr Zerstörung in unserem Land wegen des Abenteurertums der Islamischen Republik. Die Hauptverantwortlichen sind die Offiziellen der Revolutionsgarden und der Islamischen Republik.“

Der Soziologie-Doktorand Behnam lebt im Osten Teherans und schreibt der taz via Signal. „Hier fürchten wir nur eines: dass die USA und Israel von Iran ablassen, ohne die Islamische Republik zu stürzen. Falls das passiert, werden wir für den Rest unseres Lebens Verlierer sein: Die Islamische Republik hat dann unsere Vergangenheit zerstört und die USA haben unsere Zukunft verkauft.“

Er findet, bisher hätten die USA den Krieg völlig ethisch korrekt geführt. „Erst griffen sie den Kopf der Schlange an. Als die Islamische Republik mit ihren Angriffen begann, weiteten sie ihre Ziele aus. Dann trafen sie den Flughafen Mehrabad, den die Revolutionsgarden und die Armee militärisch nutzen. Wenn man die Satellitenbilder betrachtet, haben sie präzise bombardiert. Sie hätten die Ölraffinerien und Energieinfrastruktur des Landes zerstören können, ohne Rücksicht auf unser Leben, und den Krieg schnell gewinnen können. [3][Aber sie gehen vorsichtig vor, schrittweise.] Sollte die Islamische Republik sich für die Kapitulation entscheiden, wird das zum Nutzen des iranischen Volkes sein.“

10 Mar 2026

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AUTOREN

Mahtab Qolizadeh

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