taz.de -- Debatte um Social-Media-Verbote: Differenzierung ist gut. Aber das Zeug bleibt gefährlich

Im Prinzip finden fast alle, dass Social Media schädlich ist. Nur wie lässt sich dagegen sinnvoll vorgehen? Klar ist, Lösungen braucht es schnell.

Bild: Immer mehr Jugendliche kleben in Deutschland im Schnitt fast 7 Stunden täglich vor Bildschirmen

Wie gut, dass wir in der taz regelmäßig Schulklassen zu Besuch haben. Das gibt immer Gelegenheit für einen kleinen Wirklichkeits-Check. Frage also an die 15- und 16-Jährigen des Berliner Politikkurses, der im Konferenzraum zu Gast ist: Sind Social Media gefährlich? Alle Arme gehen hoch, nur einer davon mit etwas Zögern. Anschlussfrage: Soll man sie verbieten? Die meisten Arme bleiben unten, flatternde Hände deuten Ratlosigkeit an.

Damit sind die Kids ziemlich genau auf dem [1][Debattenstand der Koalition]: Im Prinzip finden fast alle, dass Social Media schädlich sind. Nur was zu unternehmen ist, steht halt noch dahin. Ein Blick nach Australien hilft dabei noch nicht viel: Die Berichte über die ersten drei Monate des Social-Media-Verbots für unter 16-Jährige waren gemischt, Tendenz negativ.

Zu früh für haltbare Ergebnisse, [2][hieß es] im März. Unzählige Schilderungen von 13- oder 14-Jährigen darüber, wie pipileicht die Umgehung der Sperren war – Jungs runzelten die Augenbrauen, Mädchen schminkten sich, um vor der Handykamera alt genug zu erscheinen. Daneben aber auch: Millionen gesperrter Konten, Berichte über Teens, die sich kollektiv verabredeten, von Snapchat (verboten) zu Whatsapp (nicht verboten) zu wechseln.

Die australische Regierung hat es immerhin geschafft, die [3][Debatte als eine gesamtgesellschaftliche] zu führen – mit Akzent auf Kümmern und Sorgen, auf Ernstnehmen der Kinder, auf Gemeinsam-schlauer-Werden. Es half, dass Rupert Murdochs Schmierpresse mitmachte. In Australien wie hierzulande [4][fordern ExpertInnen]: Verbietet nicht den Kindern den Zugriff auf Social Media, sondern den Social Media den Zugriff auf die Kinder. Die Plattformen müssten gezwungen werden, weniger seelenzerstörenden Stoff auszuspielen, weniger süchtig zu machen.

Die bloße Anwesenheit von Smartphones schmälert die Gedächtnisleistung

Zur Erinnerung: Ein Viertel der Teens wies schon pathologisches Nutzungsverhalten auf, bevor jetzt die [5][KI-Chatbots dazukamen]. Der Facebook-Konzern Meta [6][stoppte 2020 eine interne Studie], die bezeugte, dass nur eine Woche ohne Facebook und Instagram Depressionen, Angst, Einsamkeit lindern konnte. Dass die bloße Anwesenheit von Smartphones Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung schmälert, ist [7][seit bald zehn Jahren belegt].

Eine ganz frische Studie der Forscher Matthias Quent und Christian Stein [8][zeigt, dass es eine „robuste Verbindung“] zwischen Social-Media-Nutzung junger Leute und rechtsextremer Orientierung gibt. Dabei ist die Wirkung etwa auf Tiktok nicht so stark wie auf Telegram. Differenzierung tut natürlich immer not, sowieso. Und alle haben recht, die sagen, dass Kinder auch unter anderen Dingen leiden, etwa Klimawandel und Schulsystem. Nur sollte all dies eben nicht davon ablenken, dass soziale Medien ein Riesenproblem sind.

Bis zum Sommer berät die [9][Expertenkommission der Bundesregierung nun], was zu passieren hat. Derzeit [10][kursieren Rechtsfragen]: Kann Deutschland überhaupt handeln, wenn die EU schon eine Regel hat? Tatsächlich enthält der Digital Services Act schon einiges [11][zum Kinder- und Jugendschutz] – mit dem deutlichen Schönheitsfehler, dass bisher keine Umsetzung zu bemerken war.

Die umlaufende Erklärung dafür lautet: Die EU werde halt von Donald Trump erpresst. Er wolle die Zölle weiter erhöhen, wenn jemand Hand an die Plattformen seiner Tech-Bros lege. Insofern weiß ich auch nicht, wie ernst die jüngsten Aktivitäten der EU-Kommission zu nehmen sind: Sie hat gerade ein Prüfverfahren gegen Snapchat angekündigt – [12][zu viel Drogenwerbung und Cybergrooming].

Mögen die Kommissionen also schneller prüfen, als die Depressionsraten unter Jugendlichen ansteigen und ihre Aufmerksamkeitsspanne schrumpft.

14 Apr 2026

[1] https://netzpolitik.org/2026/alterskontrollen-social-media-verbot-laesst-bundesregierung-ahnungslos-zurueck/

[2] https://www.theguardian.com/australia-news/2026/mar/04/australia-social-media-ban-under-16s-three-month-review

[3] https://www.theguardian.com/australia-news/2025/dec/07/how-australia-became-the-testing-ground-for-a-social-media-ban-for-young-people

[4] https://www.safeonsocial.com/post/why-under-16s-can-still-access-social-media-in-australia-and-the-crucial-detail-most-parents-and-e

[5] /Studie-zu-Mediensucht/!6165391

[6] https://www.spiegel.de/netzwelt/facebook-konzern-meta-soll-studie-zu-psychischen-schaeden-vertuscht-haben-a-0f25e3d2-237c-4337-a623-5e8a0a6add6c

[7] https://www.uni-augsburg.de/de/campusleben/neuigkeiten/2023/09/19/brain-drain-effekt-von-smartphones/

[8] https://budrich-journals.de/index.php/zrex/article/view/46787/40355

[9] https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/themen/kinder-und-jugend/kinder-und-jugendschutz/interdisziplinaere-expertenkommission-282732

[10] https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/social-media-verbot-gutachten-100.html

[11] https://digital-strategy.ec.europa.eu/de/policies/protecting-young-people-online

[12] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/verfahren-gegen-das-us-unternehmen-schutzt-snapchat-kinder-genug-eu-kommission-pruft-15402636.html

AUTOREN

Ulrike Winkelmann

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