taz.de -- Siedlergewalt im Westjordanland: „Wir haben einen Oscar. Aber Schutz haben wir keinen“
Das umkämpfte Gebiet Massafer Yatta, bekannt aus dem Film „No Other Land“, wurde vor Jahren von Israel zur Feuerzone erklärt. Ein Bewohner spricht über die Angriffe.
Bild: Das Auto von Hamdan Ballal, Co-Regisseur des Dokumentarfilms „No Other Land“, nach Angriffen von israelischen Siedlern
taz: Herr Khalil, Ich habe Sie in den letzten Tagen für dieses Interview nicht erreichen können. Nach zwei Tagen schrieben Sie mir aus Ihrem Zuhause in Massafer Yatta, im Süden des Westjordanlandes: „Es tut mir furchtbar leid. Es ist gerade wieder so eskaliert.“ Jetzt haben Sie einen Moment, um zu sprechen. Wie ist Ihre Situation?
Ibrahim Khalil: Wir sind verzweifelt. Wir haben Angst. Vor einigen Tagen kam ich am Abend mit meinen Großeltern aus dem Krankenhaus zurück, [1][als die Angriffe der Siedler gerade begannen. Es war der heftigste Angriff seit Langem]. Die Siedler attackierten drei unserer Dörfer in Massafer Yatta gleichzeitig – und sie hatten sich wohl mit der israelischen Armee koordiniert.
In einem Dorf schlugen sie mit Stöcken und Knüppeln auf einen Bewohner ein. Bis er Schädelfrakturen erlitt. Außerdem brachen sie seiner Mutter den Arm. Auf Aufnahmen einer Sicherheitskamera kann man außerdem sehen, wie eine Gruppe von Siedlern eine Herde Schafe stiehlt. Und Männer in Uniform dabei hinter ihnen herlaufen.
Das Militär nahm außerdem zwei Frauen aus einem anderen Dorf fest und brachte sie zu einer Militärbasis, wo sie in Handschellen und mit verbundenen Augen die ganze Nacht lang festgehalten wurden.
taz: Ihre Heimat ist seit Jahrzehnten Schauplatz von Gewalt. Feuerzone 918 – dazu hatte in den 1980ern das israelische Militär große Teile Massafer Yattas erklärt. Und damit zu militärischem Sperrgebiet. Im Jahr 1999 räumte Israel das Gebiet zum ersten Mal. Da waren Sie noch ein Kleinkind.
Ibrahim Khalil: Meine Großeltern und Eltern haben mir immer wieder von der Räumung erzählt. Und es gibt Bilder davon, im Archiv von B’Tselem und anderen israelischen Menschenrechtsorganisationen. Darauf kann man die Militärlastwagen sehen, die uns und unsere Sachen außerhalb der Feuerzone 918 abwerfen. Mehr als 700 Menschen wurden damals vertrieben.
taz: Seitdem kämpft Ihre Gemeinschaft um das Recht, in den Dörfern von Massafer Yatta zu bleiben.
Ibahim Khalil: Meine Familie und andere Bewohner zogen im Jahr 2000 vor das Oberste Gericht Israels. Die israelische Menschenrechtsorganisation Association for Civil Rights in Israel (ACRI) unterstützte uns dabei. Der Gerichtshof entschied: Wir dürfen im Rahmen einer einstweiligen Verfügung zurückkehren, die endgültige Entscheidung würden sie später fällen.
Der Prozess dauerte: [2][2022 wies das Oberste Gericht in Israel unsere Klage als unzulässig zurück.] Angeblich hätten die Bewohner*innen von Massafer Yatta nicht schon dort gelebt, als die Gegend zu militärischem Sperrgebiet erklärt wurde. Dabei gibt es beispielsweise Luftaufnahmen, bereits aus den 1940er Jahren, auf denen Weiler und Viehställe an denselben Standorten zu erkennen sind.
taz: Im Juni 2025 hat das Oberste Gericht Ihren letzten Versuch, Recht zu bekommen, abgewiesen. Und jetzt?
Ibrahim Khalil: Innerhalb des israelischen Rechtssystems gibt es nun keinen Weg mehr. Wir können jederzeit vom israelischen Militär evakuiert werden.
Währenddessen bauen die Siedler weiter Außenposten rund um Massafer Yatta, um uns vollständig vom Rest des Westjordanlands abzuschneiden. Das Militär hat zwischendurch sogar die Feuerzone verkleinert – wohl um einige Siedlungen, die ansonsten innerhalb der Feuerzone liegen würden, nicht räumen zu müssen.
Was uns jetzt noch bleibt, ist die internationale Öffentlichkeit. Ein [3][Spruch des Internationalen Gerichtshofs aus dem Jahr 2024] charakterisierte die Besatzung und das Vorgehen Israels im Westjordanland eindeutig als illegal. In dem IGH-Urteil wurde Israel aufgefordert, so schnell wie möglich die besetzten Gebiete zu verlassen. UN-Mitgliedstaaten sollten zur Umsetzung beitragen. Darauf müssen wir uns nun konzentrieren.
taz: [4][Der „Film No Other Land“, der Ihren Kampf in Massafer Yatta abbildet, hat 2025 den Oscar gewonnen]. Hat sich die Situation dadurch verändert?
Ibrahim Khalil: Der Oscar hat den Namen von Massafer Yatta in der ganzen Welt bekannt gemacht. Das hätten wir nie erwartet. Aber seit dem Film ist die ganze Situation noch viel mehr eskaliert. Ein Beispiel: [5][Der Co-Regisseur Hamdan Ballal wurde kurz nach seiner Rückkehr von der Oscar-Verleihung] in seinem Dorf Susiya von israelischen Siedlern angegriffen, sie verletzten ihn am Kopf. Soldaten drangen in den Krankenwagen ein, der ihn ins Krankenhaus bringen sollte, und holten ihn raus, hielten ihn 24 Stunden lang fest, sie schlugen ihn und hielten ihn mit verbundenen Augen und Handschellen fest. Wir haben also einen Oscar. Aber Schutz haben wir dadurch keinen.
taz: Der Film wurde von einigen Anhängern der BDS-Bewegung [6][(BDS steht für Boykott, Desinvestition, Sanktionen gegenüber Israel)] kritisiert. Schließlich entstand er in Zusammenarbeit mit Israelis. Wie gehen Sie mit solcher Kritik um?
Ibrahim Khalil: Die Realität ist doch, dass ohne die israelischen Aktivisten und ihre jahrelange Unterstützung die Situation ganz anders aussehen dürfte. Denn letztendlich sind sie es, die sich am stärksten gegen die Besatzungsmacht, die Siedler und die israelischen Behörden wehren können. Sie sind in einer Machtposition.
Wenn sie verhaftet werden, ist das Schlimmste, das ihnen zustoßen kann, dass sie für 10 oder 15 Tage aus dem Gebiet verbannt werden. [7][Palästinenser hingegen können in Verwaltungshaft kommen.]
taz: Hat der sogenannte Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas in Gaza nichts dazu beigetragen, dass sich die Situation in Massafer Yatta entspannt?
Ibrahim Khalil: Im Gegenteil. Die Siedler waren gegen den Waffenstillstand, sie übten Druck auf ihre politischen Anführer Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich aus, damit die wiederum Druck auf Benjamin Netanjahu ausüben.
[8][Das war besonders bei der Olivenernte zu spüren.] Die Siedler sind ganz besonders gewaltsam gegen die Palästinenser vorgegangen, sie setzten den Krieg auf ihre eigene Weise gegen die Zivilisten im Westjordanland fort, also gewissermaßen gegen die Palästinenser, die sie erreichen können. Palästinenser im Westjordanland konnten deswegen kaum Oliven ernten.
taz: In Massafer Yatta haben Sie sich organisiert, um etwas dagegen zu tun.
Ibrahim Khalil: Ja, 2017 haben wir die Gruppe Youth of Sumud gegründet. Sumud heißt auf Deutsch Widerstandsfähigkeit. Wir sind junge Männer und Frauen aus verschiedenen Dörfern in Massafer Yatta, die an gewaltfreie Ansätze glauben.
Wir machen viel: Wir pflanzen Bäume und kümmern uns um die medizinische Versorgung von Menschen in Massafer Yatta. Wir machen Öffentlichkeitsarbeit, führen Journalist*innen durch unsere Dörfer. Wir geben Workshops dazu, wie wir Palästinenser uns wehren können – ohne Gewalt, und ohne dass wir dem israelischen Militär einen Vorwand geben, gegen uns vorzugehen.
taz: Können Sie etwas tun, wenn die Siedler kommen?
Ibrahim Khalil: Seit dem 7. Oktober müssen wir Nachtschichten einlegen – um uns und unsere Dörfer zu schützen, falls es zu Siedlerangriffen kommt. Anders als viele Bewohner von Massafer Yatta muss ich mich [9][frühmorgens nicht um Schafe kümmern] – also übernehme ich die Nachtschichten. In den meisten Nächten bin ich bis 4 Uhr wach und gehe dann schlafen. Mehr als vier oder fünf Stunden Schlaf kriege ich seit dem 7. Oktober 2023 selten.
Außerdem stellen wir sicher, dass alle Vorfälle in Massafer Yatta der israelischen Polizei gemeldet werden. Nicht, dass sie etwas dagegen unternehmen würden. Aber zumindest sammeln unsere Anwälte diese Beschwerden.
taz: Was gibt Ihnen in dieser Situation noch Hoffnung?
Ibrahim Khalil: Ich muss gestehen, dass mein Geist derzeit für alles Positive verschlossen ist. Ich möchte hoffen. Und ich glaube, dass alle Menschen das Recht haben, in Frieden und Sicherheit zu leben, mit gleichen Rechten. Vielleicht ist allein dieser Glaube so etwas wie Hoffnung?
Ibrahim Khalil heißt eigentlich anders. Zu seinem Schutz soll sein Name nicht veröffentlicht werden. Er ist der Redaktion aber bekannt.
6 Feb 2026
LINKS
[1] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Gewalt-im-besetzten-Westjordanland/!6145264/&ved=2ahUKEwips6aClcCSAxV5SvEDHdoVBA0QFnoECC8QAQ&usg=AOvVaw0OWV-cF_sR8LwY1zvkOPYK
[2] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Siedlungen-im-Westjordanland/!5856436/&ved=2ahUKEwiI79SRlcCSAxUIRvEDHUAVFoYQFnoECBYQAQ&usg=AOvVaw3TAnAb9-84JAQr63TVD4rd
[3] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Gutachten-zum-Westjordanland/!6024766/&ved=2ahUKEwiSl5iilcCSAxX2BNsEHTeVJMwQFnoECB4QAQ&usg=AOvVaw2M_jm62hin7w8z-BDv8r1F
[4] /Gewalt-im-Westjordanland/!6129409
[5] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Angriff-auf-Oscar-Regisseur/!6074821/&ved=2ahUKEwjLjNi2lMCSAxV9h_0HHXv3I-cQFnoECCQQAQ&usg=AOvVaw2IG87W4451jaEpV65uM0kp
[6] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/BDS-Movement/!t5071445/&ved=2ahUKEwi59KvBlMCSAxWL_rsIHWx4D1kQFnoECAwQAQ&usg=AOvVaw2RjVFGqKj6g0MoOYsP2NDR
[7] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Palaestinenser-in-Israels-Gefaengnissen/!6021130/&ved=2ahUKEwj7td7WlMCSAxXPhf0HHdGaMcIQFnoECBsQAQ&usg=AOvVaw0gIaBIEHlWNVk8wjMi1bTI
[8] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6122590/&ved=2ahUKEwiU3eHilMCSAxXDo_0HHZu6HgYQFnoECBkQAQ&usg=AOvVaw0JYyuJ7c9K1DcFEjPr7Zpo
[9] /Gewalt-im-Westjordanland/!6098944
AUTOREN
Judith Poppe
Israel
Israel Defense Forces (IDF)
Schwerpunkt Nahost-Konflikt
Jüdische Siedler
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