taz.de -- Schwindende Bedeutung des Suezkanals: Das Nadelöhr liegt anderswo

Die „Ever Given“ ist freigekommen, der Suezkanal wieder offen. Dabei hat der für den Welthandel längst nicht mehr die Bedeutung wie früher.

Bild: Befreiungsaktion am Montag: Das Containerschiff „Ever Given“ blockierte tagelang den Suezkanal

Die Havarie eines einzigen Containerschiffs schaffte es offenbar, die gesamte Weltwirtschaft für Tage auf Trab zu halten. Etwa 10 Prozent des globalen Handelsvolumens werden durch den Suezkanal befördert. Jede Stunde, [1][an dem die Wasserstraße zwischen dem Roten und dem Mittelmeer blockiert war], bescherte dem Welthandel Verluste von mehreren Milliarden Dollar. Das Schiffsunglück machte deutlich, wie empfindlich die auf „Just in time“ getrimmten Lieferketten heutzutage sind. Doch gerät damit die Weltwirtschaft ins Wanken? Nein.

So schmerzhaft es für einzelne Branchen in Europa sein mag, weil sie einige wichtige Elektrokomponenten nicht geliefert bekamen – ein Kollabieren der Weltwirtschaft sieht anders aus. Anders als noch in den siebziger Jahren, als Westeuropa einen Großteil seiner Ölversorgung über den Suezkanal aus der Golfregion bezog, hat die Wasserstraße erheblich an Bedeutung verloren. Deutschland und andere EU-Länder beziehen das meiste Öl heute aus Russland und anderen Regionen.

Europa ist neben den USA zudem auch nicht mehr das Zentrum der Weltwirtschaft, sondern muss sich diese Rolle nun auch mit China und anderen Ländern in Asien teilen. Hinzu kommt, dass China um die Krisenanfälligkeit des Suezkanals weiß. Um die Abhängigkeit zu reduzieren, ist der Exportweltmeister schon seit geraumer Zeit dabei, nicht zuletzt mit seiner Seidenstraßen-Initiative viele weitere Handelswege zu schaffen. Die Güterzugstrecke zwischen Shenyang und Duisburg ist erst der Anfang.

Dass 10 Prozent des Welthandels durch den Suezkanal gehen, ist viel. Fast viermal so viel wird jedoch über das Südchinesische Meer abgewickelt. Die USA haben das erkannt und längst damit begonnen, ihren Einfluss dort auszubauen. Hierzulande wird der Konflikt zwischen China und den Anrainerstaaten hingegen so behandelt, als würde er nichts mit Europa zu tun haben. Das ist kurzsichtig. Nicht der Suezkanal ist das Nadelöhr der Weltwirtschaft, sondern [2][die Straße von Malakka].

29 Mar 2021

[1] /Schiffsbergung-am-Suezkanal/!5758167

[2] /Freihandel-in-Suedostasien/!5318681

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Felix Lee

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