taz.de -- Russische Luftangriffe auf Kyjiw: „Wir leben in ständiger Gefahr“

In der Nacht zu Donnerstag hat Russland die ukrainische Hauptstadt erneut mit Ballistik angegriffen. 12 Menschen kamen ums Leben. Kyjiw fehlen Luftabwehrraketen.

Bild: Zerstörtes Haus im Kyjiwer Stadtteil Solomjanka nach dem russischen Angriff am 20. August

Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kyjiw, steht zwischen einem riesigen Krater und einer zerstörten Schule. „Das ist mein Viertel hier. Und das meine ehemalige Schule. Und jetzt sieht es hier so aus, das ist einfach eine Tragödie.“ Der sonst so gefasste Klitschko ist sichtlich von seinen Gefühlen überwältigt.

[3][Nach einem mehr als achtstündigen russischen Angriff] in der Nacht zu Donnerstag herrscht Chaos im Kyjiwer Stadtteil Solomjanka. Dutzende Autos stehen in Flammen, Trümmer werden geräumt, Menschen retten Tiere und verbliebene Habseligkeiten aus den zerstörten Häusern.

Es ist ein höllischer Sommer für die ukrainische Hauptstadt. Den Ukrainern fehlen Abfangraketen für die Luftabwehr, um sich gegen die russischen Ballistikraketen wehren zu können. Westliche Partner sind zögerlich bei der Lieferung von Patriotraketen. Derweil steigt die Zahl ukrainischer Opfer.

„Es gibt nicht genügend Flugabwehrraketen. Und die Angriffe häufen sich. Russland setzt Marschflugkörper und Drohnen ein. Damit ist eine hohe Zahl ziviler Opfer verbunden“, sagt Vitali Klitschko gegenüber der taz. Und er ergänzt, dass in der letzten Nacht allein in Kyjiw 15 Menschen ums Leben gekommen sind, weitere 40 wurden verletzt in Krankenhäuser gebracht.

Patriotraketen sind durch nichts zu ersetzen

In drei Kyjiwer Stadtvierteln dauern die Bergungs- und Rettungsmaßnahmen noch an. In Teilen der Stadt gibt es keinen Strom mehr. Erneut haben die Russen die Energieinfrastruktur angegriffen und dabei auch Wohnhäuser, eine Schule, einen Kindergarten und ein Kinderkrankenhaus beschädigt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj brachte die Folgen des Angriffs direkt mit dem Mangel an Mitteln zur Abwehr ballistischer Raketen in Verbindung. In seinen offiziellen Social-Media-Kanälen erklärte er, er sei überzeugt davon, dass Russland nicht zum Frieden bereit sei, solange die Ukraine nicht über ausreichende Mittel zur Abwehr ballistischer Raketen verfüge:

„Wir tun alles, um den Schutz zu gewährleisten, und arbeiten kontinuierlich an dem eigenen ukrainischen Luftabwehrsystem Freyja. Aber die Patriot-Abfangraketen lassen sich vorerst durch nichts ersetzen, und wir brauchen sie jeden Tag. Jede zusätzliche Rakete rettet das Leben unserer Leute.“

Wohnung komplett zerstört

In Solomjanka wärmt sich der 35-jährige Bauarbeiter Dmytro Lysenkov gerade unter einer Thermodecke, die er von den Rettungskräften bekommen hat. Gleichzeitig hält er sich einen Eisbeutel an den Kopf. Sein Haus wurde von einer russischen Rakete getroffen.

„Mir ist ein Mauerstück auf den Kopf geflogen“, erzählt er. „Meinen Sohn und den Hund konnte ich gerade noch ins Badezimmer schieben. Aber bei meiner Oma kam ich zu spät. Sie hat Schnittwunden an den Beinen, von herumfliegenden Trümmerteilen. Wir haben sie mit Handtüchern verbunden. Der ganze Fußboden der Wohnung war voller Blut“, sagt Dmytro. Er kann nur leise und langsam sprechen, da er eine schwere Gehirnerschütterung erlitten hat.

Der komplette Besitz seiner Familie ist in der von den Flammen erfassten Wohnung zurückgeblieben, die während unseres Gesprächs gerade mit Wasser aus Feuerwehrschläuchen gelöscht wird. Dmytro konnte nicht einmal seinen Laptop mitnehmen, weil er sich um die Rettung seiner Großmutter und der Nachbarn kümmern musste.

„Ich habe noch nie gesehen, dass ein Mensch einfach kein Gesicht mehr hat. Ich bin nachts losgerannt, um meinem Nachbarn zu helfen. Aber als ich seine Leiche gesehen habe, war mir klar, dass ich nichts mehr für ihn tun kann“, sagt Dmytro. „Wir sind verletzt, aber am Leben. Da haben wir wohl Glück gehabt. Aber unser Zuhause haben wir verloren“, sagt der Mann und streichelt seinen verängstigten braunen Setter, der sich an seine Beine schmiegt.

Glasscherben auf Kinderbetten

Die Leiterin des Kindergartens Nr. 714, Kateryna Oliinyk, versucht gerade, den Schaden abzuschätzen, der durch den nächtlichen Angriff entstanden ist. Die Nachbarn haben den Keller der Einrichtung als Schutzraum genutzt. Zum Zeitpunkt des Angriffs hatten hier mehrere Dutzend Menschen Zuflucht gesucht. Sie blieben unverletzt. Doch das Kitagebäude ist schwer beschädigt.

„Ich halte es für ungerecht, unserer Regierung oder unserem Militär vorzuwerfen, dass sie keine russischen Raketen abschießen. Denn wir wurden grundlos angegriffen“, findet Kateryna Oliinyk. „Seit Beginn des Krieges leben wir ohnehin in ständiger Gefahr. Und jetzt, wo es keine Flugabwehr mehr gibt, wissen wir abends nicht, ob wir am nächsten Morgen wieder aufwachen“, sagt die Kindergartenleitern und blickt auf die zerbrochenen Fensterscheiben, die Scherben auf den Kinderbetten und die zerstörten kleinen Schränkchen mit Bärenmotiven. Der Kindergarten muss seinen Betrieb jetzt auf unbestimmte Zeit einstellen.

„Ich wohne direkt gegenüber der ehemaligen russischen Botschaft. Es ist widerlich, dieses Gebäude jeden Morgen zu sehen. Zu wissen, [4][dass wir uns dieser Menschen wegen nirgendwo sicher fühlen können]“, sagt Kateryna, während sie mit den Tränen kämpft.

In wenigen Tagen, am 24. August, begeht die Ukraine ihren wichtigsten Nationalfeiertag – den Unabhängigkeitstag. Militäranalysten warnen bereits davor, dass es an diesem Tag zu einem massiven russischen Angriff auf die Hauptstadt kommen könnte.

Bürgermeister Klitschko sagte dazu gegenüber der taz: „Natürlich kann dies nur der Auslandsgeheimdienst der Ukraine widerlegen oder bestätigen. Aber die Zahl der Angriffe nimmt zu. Mittlerweile finden sie schon zweimal pro Woche statt.“

Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey

20 Aug 2026

[3] /-Krieg-in-der-Ukraine-/!6205746

[4] /Kyjiw-unter-russischem-Beschuss/!6204429

AUTOREN

Julia Surkowa

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