taz.de -- Rede von Friedrich Merz in Davos: Der große Stutenkerl und die Weltordnung
Nach dem US-Präsidenten hält Bundeskanzler Friedrich Merz beim Weltwirtschaftsforum eine Rede. Leider ähneln sich die beiden Reden viel zu sehr.
Bild: Friedrich Merz spricht in Davos während einer Plenarsitzung am 22.01.2026 – das ganze läuft unter dem Motto: „A Spirit of Dialogue“
Friedrich Merz hat eine große Rede gehalten. Der große Stutenkerl, betonte der Kanzler, entspreche seinem politischen Denken. Man möchte schon lachen. Aber damit meinte er gar nicht den großen Rumredner und Weltverdreher aus den USA. Er meinte [3][das Gebäck mit der Pfeife]. [4][Denn in dieser Rede] bedankte sich Merz beim Deutschen Bäckerhandwerk für die Verleihung des Großen Stutenkerls an ihn selbst. Das war am Sonntag.
Am Donnerstag hat Merz [5][wieder eine Rede gehalten. Diesmal beim Weltwirtschaftsforum in Davos], bei dem mehr und mehr offensichtlich wird, dass die Großkopferten die Welt nicht mehr gebacken kriegen. Jedenfalls nicht mit herkömmlichen Rezepten. Das aber ist das Problem des Bundeskanzlers. Er hat nichts anderes in der Tasche. Sowohl vor der Backwirtschaft wie vor der Weltökonomie preist er den Deutschen Mittelstand als Erfolgsmodell – auch und gerade in einer sich fundamental und fundamental schnell verändernden Welt. Der sei ein Garant für Industrien der Zukunft in einem Deutschland als starkem Partner.
Das ist nicht falsch. Ohne wirtschaftliche Stärke sähen Deutschland und Europa noch älter aus, als sie gerade wirken im Strudel des Weltgeschehens. Den von Merz selbst benannten tektonischen Verschiebungen in der Geopolitik hat er aber nur drei Punkte entgegenzusetzen: Sicherheit. Also mehr Ausgaben für Verteidigung. Einigkeit. Also Zusammenhalt in Europa. Wettbewerbsfähigkeit. Also eine boomende Wirtschaft in einer glorreichen Welt des Kapitalismus.
Der Kanzler versteht die Welt in erster Linie als Marktplatz. Und sonst offenbar gar nicht. Darin gleicht er – fataler könnte es gar nicht sein – ausgerechnet Donald Trump. Auch wenn Merz der Bürokratie in Europa ein harsches „Das muss ein Ende haben“ entgegenschleudert, klingt er wie der große Zampano aus Washington, der gern per Handstreich die Puppen tanzen lässt. Alles muss schnell sein, dynamisch, bloß keine Zeitverschwendung.
Wohl deshalb hat der Ökonom Merz auch keine Zeit, die wichtigen Unterschiede zur aktuellen US-Politik zu benennen. Es geht nicht nur um Solidarität zwischen Staaten, sondern um sozialen Ausgleich zwischen Menschen. Es geht nicht um Verwertung von Rohstoffen und Arbeitskräften, sondern um eine inspirierend offene Gesellschaft, um den Erhalt von Umwelt und Kultur, um die Freiheit der Gedanken über Grenzen hinweg. Man muss das klar benennen, deutlicher noch als in den vergangenen Jahrzehnten. Weil es eben keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Sondern schnell vergessen wird. Selbst vom Bundeskanzler.
22 Jan 2026
LINKS
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Stutenkerl
[4] https://www.bundeskanzler.de/bk-de/aktuelles/bk-rede-grosser-stutenkerl-2403024
[5] https://www.youtube.com/watch?v=rhfzUqS23pI
AUTOREN
Gereon Asmuth
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