taz.de -- Psychologin über den „sozialen Schmerz“: „Einsame Menschen sterben früher“

Soziale Kontakte zählen und daraus schließen, ob jemand einsam ist? Warum das so einfach nicht ist, erklärt Einsamkeitsforscherin Maike Luhmann.

Bild: Einsamkeit zeigt, wie wichtig Kontakte und Beziehungen zu anderen Menschen für uns sind

taz: Frau Luhmann, Sie arbeiten seit 15 Jahren zum Thema Einsamkeit. Wie kann man dieses Gefühl erforschen?

Maike Luhmann:[1][Einsamkeit ist in der Tat etwas Subjektives]. Man kann sie den Leuten nicht von außen ansehen. Man kann nicht einfach zählen, wie viele soziale Kontakte oder Freunde jemand hat und dann daraus schließen, ob jemand einsam ist oder nicht. Stattdessen muss man die Menschen fragen. Jeder ist da anders und hat unterschiedliche Ansprüche an soziale Beziehungen. So machen wir das in der Forschung: Wir erstellen Fragebögen und die Antworten der Befragten werden dann ausgewertet.

taz: Wird auch in anderen Forschungsfeldern zur Einsamkeit gearbeitet?

Luhmann: Das Spannende an dem Thema ist, dass es so multidisziplinär ist. Ich selber bin Psychologin und in der Soziologie, aber auch in der Medizin, den Neurowissenschaften, der Geografie oder der Stadtplanung wird dazu geforscht.

taz: Was haben die so herausgefunden?

Luhmann: Es gibt zum Beispiel eine [2][Studie der Sozialpsychologin Naomi Eisenberger], bei der Menschen im Labor aus einem Spiel ausgeschlossen wurden. Dabei haben sich Reaktionen gezeigt, die man im Gehirn nachweisen konnte. Die Areale im Gehirn, die dabei aktiviert wurden, sind die gleichen, die auch bei körperlichem Schmerz angesprochen werden. Das kann man so interpretieren, dass die Erfahrung des Ausgeschlossenseins eine Reaktion auslöst, die man als schmerzhaft empfindet. Naomi Eisenberger nennt das den „sozialen Schmerz“.

taz: Hat sich mit der erzwungenen Einsamkeit durch Corona nicht vieles geändert?

Luhmann: Die Pandemie war sehr einschneidend. Es gibt Zahlen, die belegen, dass im ersten Jahr viel mehr Menschen einsam waren als zuvor und danach. Und seitdem wird auch in der Öffentlichkeit und in der Politik mehr über dieses Thema gesprochen.

taz: Gibt es so etwas wie eine Geschichte der Einsamkeit?

Luhmann: Einsamkeit ist eine menschliche Erfahrung, die es schon seit vielen Tausend Jahren gibt. Nach einer sehr einflussreichen Theorie hatte die Einsamkeit in der Entwicklung der Menschheit sogar einen nützlichen Effekt, der uns dabei geholfen hat zu überleben: Einsamkeit wirkt als ein Signal, das uns zeigt, wie wichtig Kontakte und Beziehungen zu anderen Menschen für uns sind.

taz: Sie unterscheiden drei verschiedene Ausformungen der Einsamkeit. Wie definieren Sie diese?

Luhmann: Emotionale Einsamkeit empfinden wir, wenn es uns an engen, intimen und vertrauensvollen Beziehungen mangelt. [3][Bei der sozialen Einsamkeit] geht es um das Fehlen eines guten sozialen Netzwerkes. Also darum, ob man gut in einer Partnerschaft eingebunden ist und genügend gute Freunde hat. Und bei der kollektiven Einsamkeit geht es um das Fehlen einer Zugehörigkeit zu Gemeinschaften, dem Wohnort oder der Gesellschaft insgesamt.

taz: Sie sprechen aber auch von der chronischen Einsamkeit. Was meinen Sie damit?

Luhmann: Einzelne Moment der Einsamkeit sind bei uns allen ganz normal, und da kommen die meisten Menschen auch aus eigener Kraft wieder heraus. Aber wenn das nicht gelingt, dann droht man in eine Spirale abzurutschen und beginnt, die Mitmenschen anders wahrzunehmen. Sie wirken dann eher bedrohlich, man wird misstrauisch und nimmt überall negative Signale wahr. Das macht es immer schwieriger, sich unvoreingenommen auf andere Menschen einzulassen. Und solch eine Einsamkeit verstärkt sich selber immer mehr.

taz: Ist das eine Einsamkeit, die nicht nur weh tut, sondern auch zerstören kann?

Luhmann: Es gibt viele Studien, die zeigen, dass Einsamkeit sowohl psychisch als auch körperlich krank machen kann. Sie kann Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen auslösen und ist ein Faktor bei Herzkreislauferkrankungen, Demenz, Diabetes – aber auch bei etwas so Profanem wie Erkältungen. Es gibt sogar Untersuchungen die belegen, dass einsame Menschen früher sterben.

23 Mar 2026

[1] https://taz.de/Einsamkeit-tut-weh/!5502014/

[2] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2710966/

[3] /Studie-zu-Einsamkeit/!6010543

AUTOREN

Wilfried Hippen

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