taz.de -- Proteste in der Türkei: Wie der türkische Staat die freie Presse bedrängt

Bedrohte Fernsehsender, inhaftierte Journalisten – die Regierung attackiert die Pressefreiheit und fördert Zensur. Die Menschen protestieren trotzdem!

Bild: Bilder, die die Regierung nicht in den Medien sehen will: Festnahme einer Demonstrantin, 23. März 2025, Ankara

„Weder ist die Türkei die alte Türkei, noch ist RTÜK das alte RTÜK.“ So drohte Ebubekir Şahin, der Vorsitzende der türkischen Medienaufsichtsbehörde RTÜK, jenen Fernsehsendern, die über die Demonstrationen [1][für den inhaftierten Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu] berichteten. Mit diesem beispiellosen Vorgehen versucht RTÜK, die wenigen verbliebenen kritischen Medien durch Sendeverbote und Lizenzentzug zum Schweigen zu bringen.

Seit der Festnahme von İmamoğlu und Dutzenden anderen am Morgen des 19. März wegen Korruptions- und Terrorvorwürfen [2][erlebt die Türkei landesweite Straßenproteste]. Bereits am ersten Tag schränkte die Behörde für Informationstechnologie und Kommunikation (BTK) den Zugang zu sozialen Medien und Kommunikationsplattformen massiv ein und drosselte landesweit die Internetgeschwindigkeit. Gleichzeitig wurde den Medien die unabhängige Berichterstattung über die Proteste faktisch untersagt. Am Sonntag richtete RTÜK-Präsident Ebubekir Şahin eine sogenannte „letzte Warnung“ an die Medien und drohte mit Lizenzentzug:

„Sanktionen werden gegen Sender verhängt, die die Öffentlichkeit zu Protesten aufrufen, Kommentatoren eine Plattform bieten, die sich wie Sprecher illegaler Organisationen äußern, oder Inhalte verbreiten, die führende Staatspolitiker, Ermittlungsrichter, Polizeibeamte oder Sicherheitskräfte beleidigen oder sogar bedrohen.“

Nach geltendem Recht darf RTÜK nicht in Live-Übertragungen eingreifen oder diese blockieren. Die Behörde kann aber nach eigenem Ermessen Sanktionen wie hohe Geldstrafen verhängen, die sie seit Jahren einsetzt, um oppositionelle Medien unter Druck zu setzen. 2024 wurden regierungskritische Sender zehnmal häufiger bestraft als regierungsnahe. İlhan Taşçı, RTÜK-Mitglied der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP), erklärte in sozialen Medien, dass RTÜK Senderchefs anrufe und sie unrechtmäßig auffordere, ihre Berichterstattung einzustellen: „Leider wurde [3][die Pressefreiheit] im Land außer Kraft gesetzt.“

Hinzu kommen Verhaftungen: In den frühen Morgenstunden des Montags wurden neun Journalisten, die über die Proteste in verschiedenen Städten berichtet hatten, festgenommen. Zudem wurden mehr als 700 Social-Media-Accounts auf X blockiert. Der CHP-Vorsitzende Özgür Özel kritisierte das Vorgehen der Behörden auf X am Sonntagabend: „Als ob es nicht schon genug wäre, dass der RTÜK den oppositionellen Fernsehsendern eine Art Memorandum gegeben hat, um die Stimmen der Demonstranten zu unterdrücken, versuchen sie nun mithilfe der BTK die sozialen Medien zum Schweigen zu bringen, indem sie den Zugang zu Hunderten von Accounts auf X sperren lassen.“

Wie schon während der Gezi-Park-Proteste vor zwölf Jahren versucht das Erdoğan-Regime, die Demonstranten zu isolieren und zu kriminalisieren, indem es den Zugang zu unabhängigen Informationen blockiert. Die zahlreichen von der Regierung kontrollierten Medien verbreiten systematisch Falschinformationen und verleumden Menschen, die für ihre demokratischen Grundrechte auf die Straße gehen. Doch wie Şahin selbst sagt, „Die Türkei ist nicht mehr die alte Türkei“. Die Menschen gehen trotz aller Repressionen in großer Zahl auf die Straße – und keine Medienzensur kann das ändern.

24 Mar 2025

[1] /Tuerkische-Regierung-gegen-Opposition/!6076877

[2] /Protestbewegung-in-der-Tuerkei/!6074658

[3] /Schwerpunkt-Pressefreiheit/!t5007487

AUTOREN

Ali Çelikkan

TAGS

Pressefreiheit in der Türkei

Feinde der Pressefreiheit

Schwerpunkt Türkei unter Erdoğan

Schwerpunkt Pressefreiheit

Wahlen in der Türkei 2023

Türkei

GNS

Social-Auswahl

ARTIKEL ZUM THEMA

Autorenglück in der Türkei: Der professionelle Fan

In der Türkei liest niemand Bücher, dafür interessieren sich alle für die Autoren. Wie intensiv das werden kann, erfuhr ich auf Istanbuls Buchmesse.

Repression gegen türkische Medien: „Wir sind keine Aktivisten“

Die Pressefreiheit wird vom Erdoğan-Regime immer stärker beschränkt. Auch die Nachrichtenseite Medyascope ist betroffen. Wie sieht sie die Zukunft?

Pressefreiheit in der Türkei: Wieder zwei Journalisten festgenommen

Zwei türkische Journalisten, die über die Verhaftung Ekrem İmamoğlus berichteten, wurden festgenommen. Der angebliche Grund: „Bedrohung und Erpressung“.

Pressefreiheit in der Türkei: Schwedischer Journalist Joakim Medin in Istanbul verhaftet

Für die Zeitung „Dagens ETC“ flog Medin in die Türkei und wurde am Flughafen festgenommen. Seitdem hat die Redaktion in Stockholm nichts mehr von ihm gehört.

Proteste in der Türkei: Eine Botschaft aus dem Silivri-Gefängnis

Der festgenommene Oberbürgermeister Istanbuls, Ekrem İmamoğlu, will AKP-Wähler für sich gewinnen. Auch Anhänger der Partei von Präsident Erdoğan sind erzürnt.

Verhaftete Journalistin in der Türkei: Gefangen in der eigenen Geschichte

Die Journalistin Elif Akgül berichtete auch für die taz über inhaftierte Medienschaffende in der Türkei. Unter einem Vorwand wurde sie nun selbst verhaftet.

Pressefreiheit in der Türkei: Angriff auf linke Zeitung „Birgün“

Zwei Mitarbeiter der türkischen Zeitung „Birgün“ und der Geschäftsführer wurden festgenommen. Grund war Berichterstattung über einen Generalstaatsanwalt.

Redaktionsbesuche in Istanbul: Nur die Gedanken sind frei

In der Türkei sind laut einem Bericht weniger Medienschaffende inhaftiert als vor einem Jahr. Doch im Alltag sind sie harten Repressionen ausgesetzt.

Proxied content from gemini://taz.de/Proteste-in-der-Tuerkei/%216074770 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/Proteste-in-der-Tuerkei/%216074770
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.