taz.de -- Ausbau Windenergie: Windräder zurückdrehen
Total Energies und BP haben offenbar das Interesse an der Nutzung ersteigerter Seegebiete verloren. Diese waren für Offshore-Windflächen vorgesehen.
Bild: Kein Anschluss über diesen Brummer: Seekabel für einen Offshore-Windpark
Es wäre ein schwerer Schlag für die [1][deutsche Offshore-Windkraft]: Wie die Tagesschau berichtete, will die Firma Total Energies, die in Nord- und Ostsee Flächen für den Aufbau von Anlagen ersteigert hatte, diese nicht nutzen, sondern wieder loswerden. Das Unternehmen selbst bestätigt diese Aussage bisher nicht: „Im Gegensatz zu den Behauptungen verschiedener Medienberichte arbeiten wir weiter aktiv an unseren Projekten im Bereich Offshore-Wind in Deutschland und haben das Ziel, diese auch zu realisieren“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage.
Das Unternehmen benennt als „eigentliche Hürde“ die „signifikante Verzögerung der Netzanschlüsse“. Diese liege „nicht in der Verantwortungssphäre der Projektentwickler“, beeinträchtige jedoch gravierend die Umsetzung und Planungssicherheit. Belastbare Anschlusstermine für die eigenen Windprojekte gebe es nicht. Es sind Aussagen, die als Positionierung zu werten sind, wenn die Politik über die Modalitäten eines offiziellen Rückzugs zu entscheiden hat.
Für fast acht Milliarden Euro hatte der französische Energiekonzern in den Jahren 2023 und 2024 bei Auktionen der Bundesnetzagentur drei Flächen in den deutschen Seegebieten ersteigert. Zwei weitere Flächen gingen an den Energiekonzern BP – und sie stehen wohl ebenfalls auf der Kippe. Bereits im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen seine Offshore-Aktivitäten in ein Joint Venture mit dem japanischen Konzern Jera ausgegliedert, was als ein erster Schritt eines Rückzugs aus dem Geschäft interpretiert werden konnte. Eine Anfrage bei BP blieb unbeantwortet.
Die offiziellen Pläne sehen vor, dass auf den Flächen, die die beiden Energiekonzerne ersteigerten, ab 2030 Offshore-Turbinen mit gut acht Gigawatt entstehen. Bei einer aktuell in den deutschen Seegebieten installierten Leistung von rund zehn Gigawatt wäre das ein ansehnlicher Beitrag zur [2][deutschen Energiewende]. Der wird nun durch den möglichen Rückzug fraglich.
Nicht mehr lukrativ
Die Projekte basieren auf einem neuen Modell von Ausschreibungen: Erstmals hatte die Bundesnetzagentur im Jahr 2023 auf Basis des Windenergie-auf-See-Gesetzes (WindSeeG) ein „dynamisches Gebotsverfahren“ realisiert. Bei diesem verzichten die Unternehmen auf eine garantierte Einspeisevergütung und überweisen zudem Milliarden an den Bund, um die Standorte nutzen zu dürfen. Die Einnahmen werden dann unter anderem genutzt, um die Stromkosten zu senken.
Aber offenbar sind die Perspektiven am Strommarkt inzwischen nicht mehr ausreichend lukrativ für die Investoren. Zum einen leidet die Branche unter erheblichen Kostensteigerungen; zum anderen stehen die Erlöse am Strommarkt unter Druck, weil sich die Anlagen zunehmend kannibalisieren.
Aber auch ein Rückzug könnte für Total Energies teuer werden. Die Firma hat schon zehn Prozent der Gebotssumme an den Bund bezahlt (rund 800 Millionen Euro): „Eine Erstattung dieser Zahlungen an den bezuschlagten Bieter im Fall der Nichtrealisierung des Projekts sieht das WindSeeG nicht vor“, sagt Yvonne Kerth, Juristin bei der Stiftung Umweltenergierecht. Zudem hat das Unternehmen eine Sicherheitsleistung in Höhe von 750 Millionen Euro hinterlegt, die der Absicherung etwaiger Strafzahlungen beim Projektverzug dient.
Laut WindSeeG ist ein Rückzug ohnehin nicht zulässig: Ein erfolgreicher Bieter dürfe „den Zuschlag, den Planfeststellungsbeschluss oder die Plangenehmigung nicht zurückgeben“, heißt es im Gesetz. Verfehlt ein Projektierer allerdings definierte Meilensteine, werden Vertragsstrafen fällig, was im Fall der Projekte von Total Energies im Herbst 2027 aktuell würde. Anschließend könnte der Bund die Projektrechte entziehen.
Da das für betroffene Firmen teuer würde, sucht die Branche bereits nach Wegen, anders aus der Sache herauszukommen. Der Bundesverband Windenergie Offshore will sich am Mittwoch ausführlich zu dem Thema äußern, das sich in den vergangenen Wochen branchenintern zugespitzt hat. Es soll ein Vorschlag für einen rechtssicheren Umgang mit der Rückgabe von Offshore-Windflächen präsentiert werden. Total Energies betont, es handle sich dabei nicht um eine eigene Initiative, sondern um eine des Verbandes.
19 May 2026
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AUTOREN
Bernward Janzing
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