taz.de -- Offensive im Westjordanland: Netanjahu kündigt „große Überraschung“ für Autonomiebehörde an
Die israelische Großoffensive hat begonnen. Ob dabei die Selbstverwaltung der Palästinenser zerschlagen werden soll, will der Premier in den Medien nicht bestätigen.
Bild: Palästinenser passieren zu Fuß ein für Fahrzeuge gesperrtes Militärtor während einer Operation der israelischen Armee im besetzten Westjordanland
afp/ap | Vor dem Hintergrund [1][einer israelischen Großoffensive im besetzten Westjordanland] hat der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu eine „sehr große Überraschung“ für die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) angekündigt. „Wir haben den Nahen Osten umgestaltet“, sagte Netanjahu am Freitag in einem Interview mit dem israelischen Sender i24News. „Es gibt auch eine sehr große Überraschung für die Palästinensische Autonomiebehörde“, fügte er hinzu.
Der israelische Regierungschef wich einer direkten Antwort aus, als er gefragt wurde, ob er die Palästinensische Autonomiebehörde zerschlagen werde. Er sagte jedoch, er setze auf „List und Überraschung“.
Abriegelung beginnt
Nach dem Tod von zwei Soldaten bei einem Angriff bewaffneter Palästinenser am Freitagmorgen hatte Netanjahu eine „vollständige Abriegelung“ des Westjordanlandes angeordnet. Er stellte zudem eine Militäroffensive in Aussicht, wie es sie seit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 nicht gegeben habe.
Daraufhin begann die israelische Armee eine Großoffensive in dem Palästinensergebiet. „Anti-Terror-Einsätze“ seien an Dutzenden Orten im Gange, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der israelischen Armee und des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet. Sicherheitskräfte durchsuchten im Raum Hebron Ziele und befragten Verdächtige, um „terroristische Infrastruktur zu lokalisieren und zu zerschlagen“. Die israelischen Sicherheitskräfte rissen nach Angaben der Armee und des Schin Bet außerdem „illegale Strukturen ab, die eine Sicherheitsbedrohung darstellen könnten“. Die Offensive werde „voraussichtlich mehrere Tage andauern“.
In Israel [2][wird am Dienstag ein neues Parlament gewählt]. Netanjahu [3][strebt dabei eine weitere Amtszeit an]. Israel hält das Westjordanland seit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 besetzt. Dort leben etwa drei Millionen Palästinenser und mehr als 500.000 israelische Siedler, deren Siedlungen nach dem Völkerrecht illegal sind.
Seit dem Hamas-Großangriff auf Israel vom 7. Oktober 2023 wurden im Westjordanland nach einer AFP-Zählung anhand palästinensischer Gesundheitsdaten mindestens 1.113 Palästinenser getötet, die meisten von ihnen durch israelische Soldaten. Nach UN-Angaben waren darunter 37 von Siedlern getötete Menschen. Israelischen Angaben zufolge kamen im selben Zeitraum mindestens 49 Israelis ums Leben.
Tote bei israelischen Angriffen im Gazastreifen
Bei israelischen Angriffen im Gazastreifen sind nach Angaben von Krankenhausvertretern mehrere Menschen getötet worden. Bei einem Angriff am Samstag sei in der Stadt Gaza mindestens ein Mensch ums Leben gekommen, teilten Vertreter des Schifa-Krankenhauses mit. Mehrere weitere Menschen seien verletzt worden.
Zwei weitere Menschen wurden nach Angaben der Klinik in der größten Stadt des Gazastreifens bei einem Angriff am Freitag getötet. Trauernde Angehörige versammelten sich daraufhin im Hof der Klinik. Zuvor war bei einem Angriff im südlichen Gazastreifen ein Mensch getötet worden. Der Angriff habe einem Extremisten der Hamas gegolten, teilte das israelische Militär mit.
Seit dem 10. Oktober 2025 gilt im Gazastreifen eine Waffenruhe, die die schwersten Gefechte beendet hat. Israel greift jedoch weiterhin beinahe täglich Ziele in dem Palästinensergebiet an. Nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums im Gazastreifen wurden seit Beginn der Waffenruhe mehr als 1.500 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet. Das Ministerium unterscheidet in seiner Statistik nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten. UN-Organisationen und unabhängige Experten halten die Zahlen grundsätzlich für belastbar.
24 Oct 2026
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