taz.de -- Obdachlosigkeit im Winter: Weißkalt, lilakalt, schwarzkalt
Für 56.000 Obdachlose in Deutschland wird der Winter zum Überlebenskampf. Die Wohnungslosenhilfe fordert mehr Unterstützung, Unterkünfte und Kältebusse.
Bild: Trotz eisiger Kälte: Wohnungsloser auf dem Karlsplatz in München
Der [1][Wintersturm „Elli“] überzieht Deutschland mit starken Schneefällen und sorgt [2][besonders in Norddeutschland] für massive Störungen. Schnee und Eis türmen sich auf Straßen, die Bahn fährt vielerorts nicht. Der starke Wind macht, dass es sich kälter anfühlt, als es ist.
Die meisten Menschen bleiben bei diesen Temperaturen am liebsten zu Hause. Geht es doch vor die Tür, kramen sie aus dem Kleiderschrank die dickste Jacke, die lange Unterhose und einen wohlig warmen Pullover. Als wandelnde Zwiebeln mit Handschuh, Schal und Mütze huschen sie von einem zum nächsten warmen Haus.
Manche Menschen allerdings leben gänzlich ohne Kleiderschrank und ohne Dach. Nach neuester [3][Erhebung des Wohnungslosenhilfeverbandes] betrifft das in Deutschland etwa 56.000 Menschen – Tendenz steigend.
Die Nachricht über das Sturmtief Elli hat in der Szene Angst ausgelöst. Sozialverbände warnen vor den aktuellen Temperaturen. Denn für obdachlose Menschen ist der Winter ein Überlebenskampf. Es ist zu kalt, oft nicht auszuhalten kalt. Gliedmaßen werden taub, schmerzen. Der Körper zittert und wehrt sich. Beulen an Händen und Füßen markieren die Not. Draußen können Finger und Zehen viele Farben annehmen: Weiß ist zu kalt, lila ist gefährlich, schwarz ist tot. Die Kälte gewinnt, wenn nichts mehr weh tut.
Wer einschläft, kühlt aus
Viele Obdachlose bezeichnen ihren Gesundheitszustand als nicht gut, so der neueste [4][Wohnungslosenbericht von 2024]. Mehr als die Hälfte der Obdachlosen gibt an, psychisch erkrankt zu sein. Die schier nicht enden wollende Extremsituation, die schlaflosen Nächte – sie zermürben. Denn, wer einschläft und damit keine Bewegungsenergie aktiv in Wärme umwandelt, kühlt schnell aus. Verzweiflung ertrinkt im Alkohol, Drogen betäuben den Schmerz.
Für die Betroffenen gilt: Irgendwie überleben. Bloß nicht auskühlen. Schutz suchen. Ist eine gewisse Grundwärme aus dem Körper gewichen, braucht es Stunden im Warmen, um wieder aufzutauen.
Da Obdachlose an den meisten Orten nicht gewollt sind – manchmal sturzbesoffen und ungewaschen – werden sie immer wieder verscheucht: Vom Bahnhof ins Einkaufszentrum, vom Hausflur auf die Straße. Es bleiben oft nur Minuten bis jemand kommt, den Schnorrer bemerkt, ihn bloßstellt, aussortiert.
Und dann ist es wieder kalt.
Weißkalt, lilakalt, schwarzkalt.
Zu wenig Angebote, kein ausreichender Schutz
Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind in diesem Winter schon 4 Menschen erfroren. Deswegen fordert der Verband durchgängig geöffnete Notunterkünfte, die Anmietung von Hotels und die Einrichtung von Kältebussen. Zwar haben manche Städte wie Hamburg zumindest ihre Notübernachtungen ganztägig geöffnet. Doch weiterhin gibt es zu wenig Angebote und damit keinen ausreichenden Schutz. Hier in Deutschland, einem reichen westlichen Land, im Jahre 2026. Bei diesen Temperaturen werden Menschen morgens um 7 oder 8 Uhr einfach vor die Tür gesetzt.
Anstatt Obdachlose zu schützen, skelettiert die Merz-Regierung den Sozialstaat.
Sie reißt [5][Löcher ins soziale Auffangnetz] und lässt die Verletzlichsten verelenden. Wenn ihnen Leistungen, wie auch die Kosten der Unterkunft, ersatzlos gestrichen werden, landen mehr Menschen auf der Straße. Genau das sieht [6][die neue Grundsicherung] vor. Der „Anreiz zur Eigenverantwortung“ bekommt mit diesem Gesetzesentwurf eine enorme Fallhöhe.
VdK-Präsidentin Verena Bentele sagte dem rnd, Wohnungslosigkeit und soziale Not entstünden nicht erst im Winter: „Die vorgeschlagenen strikten Beschränkungen bei der Übernahme von Wohnkosten durch das Jobcenter und die Möglichkeit, die Kosten der Unterkunft bei Sanktionen komplett zu streichen, werden die Situation noch verschärfen.“ Das heißt für viele: [7][Wohnungslosigkeit]. Bis 2030 soll sie überwunden sein, das ist ein EU-weites Ziel, dem sich auch Deutschland verpflichtet hat. Die Zahlen der Wohnungslosen aber steigen jedes Jahr.
9 Jan 2026
LINKS
[1] /Sturmtief-Elli/!6143820
[2] /Schneechaos-in-Norddeutschland/!6143932
[3] https://www.bagw.de/de/presse/show?tx_netnews_newsview%5Baction%5D=show&tx_netnews_newsview%5Bcontroller%5D=News&tx_netnews_newsview%5Bnews%5D=395&cHash=79644b4a8078f517c84b9021aa9f6dd6
[4] https://www.bmwsb.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/wohnen/wohnungslosenbericht-2024.pdf?__blob=publicationFile&v=1
[5] /Kabinett-beschliesst-neue-Grundsicherung---Buergergeld-wird-abgeschafft/!6139282
[6] /Kabinett-beschliesst-neue-Grundsicherung---Buergergeld-wird-abgeschafft/!6139282
[7] /Wohnungsverlust-in-Berlin/!6140657
AUTOREN
Sean-Elias Ansa
Winter
Obdachlosigkeit
Soziale Gerechtigkeit
Reden wir darüber
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