taz.de -- Netflix-Doku „Inside the Manosphere“: Die Misogynie-Maschine
Louis Theroux' neue Doku über Frauenhasser im Internet ist inhaltlich schockierend. Auch, weil Theroux selbst immer wieder zum Subjekt des Contents wird.
Bild: „Einseitige Monogamie“: Louis Theroux (r.) trifft Justin Waller
Egal, wo Louis Theroux mit den Influencern unterwegs ist – überall wird er von jungen Männern angehalten: Männer, die Selfies machen wollen, sich bedanken und die „Alphas“ mit Komplimenten überschütten. In seiner neuen [1][Netflix-Dokumentation „Inside the Manosphere“] setzt sich Theroux mit der sogenannten Manosphere auseinander – einem Netzwerk von Influencern, die ein dominantes Männlichkeitsideal propagieren und ihren Anhängern Geld, Ansehen, Erfolg und Frauen versprechen.
Einer davon ist Justin Waller, mit 40 Jahren ein etwas älteres Subjekt der Doku. Als Theroux und er in Miami unterwegs sind, gehen zwei Fans auf sie zu, suchen das Gespräch, sehen Waller mit bewunderndem Blick an. Warum sie Waller gut finden, fragt Theroux die beiden, doch schnell grätscht ihnen der Influencer ins Wort. „Der Wert einer Frau liegt in ihrer Schönheit.“
Männer dagegen haben keinen eigenen Wert, deswegen müssen sie ihn sich erkämpfen. Das bringt er seinen Anhängern bei. Bei jedem seiner Sätze nicken die beiden Männer wie kleine, ehrfürchtige Soldaten. „Ich wollte es dir persönlich sagen“, sagt einer. „Vielen, vielen Dank. Du bist eins meiner größten Vorbilder.“
Waller praktiziert mit seiner Frau „einseitige Monogamie“, das heißt, dass er mit anderen Frauen schlafen darf, sie jedoch nicht mit anderen Männern. Dreier mit anderen Frauen seien möglich. Er ist guter [2][Freund der Tate Brüder], die wohl bekanntesten Figuren der Manosphere, die wegen Vergewaltigung, Menschenhandel und Körperverletzung angeklagt wurden, bis heute aber unzählige Fans haben.
Ein Weckruf für Männer?
Weller glaubt, dass es die Aufgabe einer Frau sei, sich um die Familie zu kümmern, dass Frauen nichts in der Welt erfunden oder geschaffen haben. Vor laufender Kamera fragt er Theroux, was Frauen hier geschaffen haben sollen, und blickt sich im Stadtzentrum Miamis um. „Männer haben all diese Gebäude konstruiert und entworfen.“
Theroux antwortet: „Weiß man das sicher?“ Die Antwort darauf lautet natürlich: nein. Ausgerechnet eines der ikonischsten Gebäude in Miamis Skyline, der sogenannte Scorpion Tower, ist entworfen von der Architektin Zaha Hadid. Doch die Antwort hört Weller nicht.
Louis Theroux ist wie gewohnt ruhig, beobachtend, stellt lieber Fragen und lässt sich die Influencer in ihrer misogynen Ignoranz selbst entlarven – das funktioniert aber nur, wenn man diese Misogynie schon davor als solche versteht. Ob die Doku für Männer, die längst in der Manosphere wandeln, ein Weckruf sein kann?
Ein anderer Streamer, den Theroux begleitet, ist Harrison Sullivan, aka HSTikkyTokky. „Das ist mein Geschirrspüler“, sagt er zur Begrüßung und deutet auf eine junge Frau, die auf seinem Sofa sitzt. Sie ist ebenfalls Influencerin. Während der Dreharbeiten lebt er in Marbella. Dort versteckt er sich vor der britischen Polizei, weil er 2024 einen schweren Autounfall hatte, dabei seine Mitfahrer verletzte und anschließend nicht zum Prozess erschien. Mittlerweile ist er verurteilt.
Je kontroverser, desto mehr Klicks
Sullivan sagt, dass er sein hypothetisches Kind verstoßen würde, wenn es schwul wäre. Auch Frauen, die mit Only-Fans-Content, also mit (halb-)pornografischen Inhalten Geld verdienen, findet er abstoßend – hat aber kein Problem damit, für diese Only-Fans-Models auf seinem Telegramkanal zu werben und so mitzuverdienen. „Hätte ich nur Gutes getan, wäre ich auf Social Media nie so erfolgreich geworden.“
Das würde er wohl auch darüber sagen, dass er in Theroux’ Beisein ein Fake-Date mit einem älteren Mann organisiert, der denkt, dass ihn eine junge Frau erwartet – und Sullivan diesen dann mit seinen Jungs live im Stream verprügelt. Die Logik des Manosphere-Contents: Je kontroverser, desto mehr Klicks. Und je mehr Klicks, desto mehr Followern kann jemand wie Sullivan in sein Schneeball-Trading-System schleusen, um ihnen so Geld abzuzwacken.
Ob die TV-Persönlichkeit Jimmy Savile, Englands wohl bekanntester pädokrimineller Sexualverbrecher, sein Kumpel sei, wird Theroux im Stream gefragt, und ob er eine Marionette sei. Ein weiterer Influencer, Sneako (1,3 Mio. Follower auf Youtube), spricht von Satanisten, die die Welt regieren, LGBTQ-Werte und Feminismus pushen und so die Gesellschaft korrumpieren. Dahinter stecke die Rothschild-Familie, sagt Sneako. Er ist nicht der Einzige, der [3][antisemitische Verschwörungserzählungen] offen ausspricht.
Extremer Frauenhass als Weltanschauung
Dass die Influencer selbst die ganze Zeit mitfilmen, um zu streamen und Clips von den Dreharbeiten zu erstellen, ist bezeichnend dafür, dass die für Theroux sonst üblichen Regeln des Dokumentarfilms hier nicht so richtig zu greifen scheinen. Er selbst wird immer wieder zum Subjekt des Contents.
Ob das Dokuformat aufgeht? Es ist schwierig. Schließlich bietet Theroux den Influencern eine nicht unbeträchtliche Plattform, um Hass und Missinformationen zu verbreiten. Es ist nicht Theroux' Stil zu konfrontierten oder gegenzuargumentieren – und so bleibt einiges uneingeordnet stehen.
Dennoch ist „Inside the Manosphere“ ein wichtiges Dokument einer Zeit, in der Homophobie, antisemitische Verschwörungserzählungen und extremer Frauenhass besonders unter jungen Männern zu einer normalen Weltanschauung gehören.
16 Mar 2026
LINKS
[1] https://www.netflix.com/title/81920687
[2] /Razzia-bei-Andrew-Tate/!6029823
[3] https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/321665/antisemitische-verschwoerungstheorien-in-geschichte-und-gegenwart/
AUTOREN
Valérie Catil
Maskulinisten
Misogynie
Influencer
Serien-Guide
Antifeminismus
Sexismus
Dokumentation
GNS
Netflix
Reden wir darüber
ARTIKEL ZUM THEMA
Metastudie zu Männlichkeit: Bedrohtes Ego
Nicht stark genug, nicht männlich genug – Männer werden in ihrer stereotypen Vorstellung von Männlichkeit verunsichert. Das hat weitreichende Folgen.
Männlichkeitsbilder unter Jugendlichen: Das sagen Schüler zur Manosphere
Unser Autor fragt sich, warum Jugendliche Leute wie Andrew Tate anhimmeln. Wäre er als planloser Teenager eventuell auch in die Manosphere abgetaucht?
Antifeminismus-Boom: Vom Krypto-Bro zum Frauenhasser
Das Driften nach rechts basiert auf der Abwertung von Frauen. Junge Männer werden online mobilisiert, Männlichkeit als Quelle von Macht zu sehen.
Gen Z und Männlichkeit: Viele Männer sind Schweine. Ich auch?
Unser Autor fragt sich, inwiefern er sich von den Epsteins dieser Welt unterscheidet. Anlass ist eine Umfrage mit erschreckendem Ergebnis.
Männer und Einsamkeit in der Großstadt: Einer von Millionen
Männliche Einsamkeit: Der Soziologe Janosch Schobin und der Autor Anton Weil geben Einblick in die Ursachen und persönliche Bewältigungsstrategien.
Neue Netflix-Serie „Adolescence“: Der Junge, der Mörder
Warum hat der 13-jährige Jamie seine Mitschülerin getötet? „Adolescence“ ist ein Meisterwerk über Radikalisierung und Gewalt gegen Frauen.