taz.de -- Nach Anschlag auf Stromkabel in Berlin: Stochern im Brandnebel
Nach dem Anschlag aufs Berliner Stromnetz spricht Berlins Bürgermeister von Linksterrorismus. Doch das Bekennerschreiben wirft Fragen auf.
Bild: Weißer Schnee im Blackout: Die Brandstelle am Teltowkanal, die nun Teile Berlins lahmlegt
Am Montag waren im Süden Berlins noch immer Zehntausende Haushalte ohne Strom. Schulen und Supermärkte blieben geschlossen, Pflegeheime liefen auf Notstrom. [1][Ursache war ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in der Nacht zu Samstag] im Stadtteil Lichterfelde. Die Reparaturen sollen bis Donnerstag dauern.
Neben der Stromversorgung drängten zwei Fragen in den Vordergrund: Wer steckt hinter der Tat? Und welche Konsequenzen sind zu ziehen?
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sprachen am Montag auf einer Pressekonferenz von Linksterrorismus. Wegner sagte, „hier kann man und hier muss man von Terrorismus sprechen“. Auch Spranger erklärte, man könne nicht mehr nur von Linksextremismus sprechen, es gehe um Terrorismus und einen „menschenverachtenden Anschlag“. Es seien „bewusst Kollateralschäden für Leib und Leben der Menschen in Kauf genommen“ worden.
Am Montag übernahm die Berliner Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen. Begründet wurde dies dort mit der „besonderen Bedeutung der Sache“. Nach taz-Informationen prüfte aber auch die Bundesanwaltschaft, ob sie den Fall übernimmt. Bereits im Frühjahr 2024 hatte sie [2][nach einem Brandanschlag auf die Stromversorgung des Tesla-Werks in Grünheide ermittelt] – ohne die Täter*innen zu finden.
„Vulkangruppe“ kein Sabotage-Newcomer
Damals wie heute bekannte sich eine [3][„Vulkangruppe“] auf linken Onlineplattformen zu der Tat. Diesmal erklärten die Verfasser*innen, die Tat sei begangen worden, um „den Herrschenden den Saft abzudrehen“ und als Signal, um „den Raubbau an der Erde“ zu stoppen. Ziel sei das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde gewesen, was man „erfolgreich sabotiert“ habe.
Auch zu weiteren Brandanschlägen [4][seit 2011 in und um Berlin hatten sich „Vulkan-Gruppen“] bekannt. Anfangs nutzten sie die Namen isländischer Vulkane, später blieb es allgemeiner. Die Begründungen reichten von Waffenexporten über Bundeswehreinsätze bis zu Atommülltransporten. Die Täter*innen entkamen stets. Ob es eine feste Gruppe gibt oder nur ein Label, das wechselnde Personen nutzen, bleibt unklar.
Die Berliner Polizei hält das aktuelle Bekennerschreiben für authentisch. Es enthält vermeintliches Täterwissen, etwa über die Anzahl der Rohre in der Kabelbrücke und deren Verbindung, um einen Kurzschluss auszulösen. Verfassungsschutzbehörden prüfen das Schreiben nach taz-Informationen jedoch weiter, da es Auffälligkeiten zeigt.
So wurde es laut Eigenauskunft zuerst an vier Medien verschickt, darunter die taz, bevor es einen Tag später auf linken Plattformen erschien. Die taz erreichte es tatsächlich, allerdings mit Verzögerung. Auf den genutzten Onlineplattformen kann jedoch jede*r Texte veröffentlichen. Erst kürzlich bekannte sich dort eine vermeintliche Antifa-Gruppe zu einem Brand im Jagdschloss der Familie Thurn und Taxis in Regensburg – [5][die Polizei fand jedoch keine Hinweise auf Brandstiftung].
Und das Bekennerschreiben fällt diesmal nicht nur mit länglichen Entschuldigungen bei der „nicht wohlhabenden“ Bevölkerung für die „Unannehmlichkeiten“ auf und Tiefschürfendem wie „unsere gemeinwohlorientierte Aktion ist gesellschaftlich sinnvoll“ – sondern auch mit teils interessanter Rechtschreibung. So wird dort aus dem US-amerikanischen Vizepräsidenten Vance ein „Vans“, was auch der kyrillischen Übersetzung entspräche. Auch die Berliner Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) wird falsch „Giffay“ geschrieben. Manche Formulierungen wirken, als stammten sie von einer KI oder aus einer kyrillischen Übersetzung. In sozialen Medien wurde spekuliert, ob der Anschlag Teil einer hybriden Kriegsführung Russlands sein könnte.
Sicherheitskreise prüfen diese Spur, sehen aber bisher keine Hinweise. Wegner und Spranger betonten, die Täter seien Linksextreme. Auch die Berliner Polizei bleibt dabei, dass das Schreiben geprüft und den „Vulkangruppen“ zugeordnet wurde. Um Verdächtige zu finden, wertet sie Zeugenaussagen und Videobilder aus U-Bahnen aus, setzt Spürhunde ein und untersucht die Brandsätze.
Diskussionen über legitime Sabotageaktionen
Tadzio Müller, [6][der sich als Aktivist und Autor für das Konzept der „friedlichen Sabotage“ stark macht], sagte der taz, dass Sabotageakte „unter bestimmten Bedingungen notwendig und legitim“ sein können, etwa „wenn sie sich gegen den Bau von Panzerfabriken oder neuer Gaskraftwerke richten“. Immer aber unter der Maßgabe, „dass keine Menschenleben gefährdet werden“. Der Anschlag in Berlins Südwesten mitten im Winter sei dagegen für viele durchaus gefährlich, er könne ihn „nicht gutheißen“.
Daraus zu schließen, dass es nur ein russischer Anschlag sein könnte, wie es viele Linke derzeit vehement zu beweisen versuchen, sei gleichwohl falsch, so Müller. Stattdessen müsse man in Betracht ziehen, dass die Täter:innen sich selbst einem radikal-linken Spektrum zugehörig fühlen könnten. „Wir müssen diese Möglichkeit anerkennen, anstatt zu sagen, so was würden Linke nie machen“, so Müller. Nur so könne man künftig sinnvoll über legitime Sabotageaktionen diskutieren.
Bundeswehr hilft
Bürgermeister Wegner und Innensenatorin Spranger forderten am Montag, dass Bundesbehörden die Ermittlungen übernehmen. Spranger verlangte zudem von der Bundesregierung, Informationen über kritische Infrastruktur besser zu schützen. Im Fall der Stromnetze sei Transparenz „nicht hinnehmbar“, da sie extremistischen Gruppen „sehr leicht“ Angriffsziele liefere. Die Bundesregierung müsse „so schnell wie möglich handeln“. Im Bekennerschreiben heißt es jedoch, die Kabelbrücke sei nicht öffentlich verzeichnet gewesen.
Hilfe vom Bund erhält Berlin bereits anderweitig: Auf Antrag der Stadt stellt die Bundeswehr rund 18.000 Liter Diesel, Tankfahrzeuge und Personal bereit, um Notstromaggregate zu betanken. Vor allem Pflegeeinrichtungen sollen davon profitieren.
Aktualisierung: In einer ersten Textversion hieß es, das Bekennerschreiben kam bei der taz über die üblichen Adressen nicht an. Mittlerweile hat es die taz aber doch erreicht.
5 Jan 2026
LINKS
[1] /Brandanschlag-auf-Stromnetz-in-Berlin/!6142611
[2] /Produktion-nach-Anschlag/!5994779
[3] /Anarchistische-Brandleger/!5996893
[4] /Anarchistische-Brandleger/!5996893
[5] https://www.polizei.bayern.de/aktuelles/pressemitteilungen/093707/index.html
[6] /Contra-Klimastreik/!5957711
AUTOREN
Konrad Litschko
Erik Peter
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