taz.de -- Mord an Politikerin in Großbritannien: Gehasst und geliebt zugleich

Reform-UK-Politikerin und Tory-Exministerin Ann Widdecombe wird brutal ermordet. Erneut diskutiert Großbritannien über den Schutz von Politikern.

Bild: Ann Widdecombe, 78, war ein Original und eine feurige Rednerin. Hier bei einer Veranstaltung der „Brexit Party“ 2019 in London

[1][Ann Widdecombe] in einem Satz zu beschreiben, ist nicht möglich. Die vergangene Woche brutal getötete britische Politikerin war ein Kulturphänomen. Menschen in Großbritannien liebten sie genauso wie viele sie verdammten, nicht selten beides gleichzeitig. Am Donnerstag wurde die 78-Jährige in ihrem Haus in einem kleinen Dorf in Dartmoor in Südwestengland ermordet aufgefunden, sie lag in der Küche in ihrem eigenen Blut.

Die in Bath geborene und größtenteils auch dort aufgewachsene Widdecombe war tief religiös. Als Politikerin stand sie für harte konservative Positionen zur Abtreibung, zur gleichgeschlechtlichen Ehe, zur Ehe überhaupt, zum Brexit, zur Einwanderung, aber auch gegen die Fuchsjagd – all das dennoch durchdrungen von tiefer Menschlichkeit, wie jetzt immer wieder betont wird.

1987 wurde sie die konservative Wahlkreisabgeordnete für Maidstone in Kent, 1993 wurde sie Arbeitsministerin unter John Major. Als Staatsministerin für Gefängnisse von 1995 bis 1997 machte sie es sich zur Aufgabe, jede einzelne Strafanstalt persönlich zu besuchen, notfalls in ihrer Freizeit, und die ihr zustehende 1. Klasse für die Bahnfahrten lehnte sie ab.

Ihre Karriere als konservative Unterhausabgeordnete endete 2010. Danach vertrieb sich Widdecombe die Zeit mit der Teilnahme an TV-Shows wie Strictly Come Dancing sowie beim britischen Promi Big Brother, wo sie Zweite wurde. Nebenbei veröffentlichte sie fünf Romane, eine Autobiografie, ein Buch über christliche Fragen und ein Buch über ihr politisches Denken.

Eine der letzten britischen Europa-Abgeordneten

In ihrem Leben trat sie vom Anglikanismus zum Katholizismus über, weil sie Frauen als Priester ablehnte, und auch von den Konservativen zu den weiter rechts liegenden Parteien von Nigel Farage. So wurde sie 2019 bei den letzten britischen Europawahlen vor dem Austritt Europaabgeordnete der von Farage gegründeten Brexit Party. [2][In ihrer Antrittsrede vor dem Europaparlament] verglich sie den Brexit mit Aufständen gegen Sklaverei, Kolonialherrschaft und Unterdrückung. Sie folgte Farage in seine nächste Partei Reform UK, wo sie Sprecherin für Einwanderung und Justiz wurde und feurige Reden hielt.

Wegen alledem lag ein politisches Motiv nahe, als ihre Ermordung bekannt wurde. Doch die Polizei hat inzwischen mehrmals wiederholt, dass sie von keinem terroristischen oder politischen Motiv ausgehe. Am Wochenende wurde ein 28-jähriger „weißer britischer Staatsbürger“ im nordenglischen Rotherham unter Mordverdacht festgenommen, nachdem ein erster Verdächtiger sich als falsche Spur erwiesen hatte.

Der brutale Verlust Widdecombes dominiert am Wochenende parteiübergreifend die britischen Schlagzeilen. Der bekannte konservative Expolitiker und Publizist Gyles Brandreth, der Ann Widdecombe aus gemeinsamen Studienzeiten in Oxford kannte, betonte, dass Widdecombe nach sehr polarisierten Debatten im Debattierklub „Oxford Union“ immer den Streit hinter sich lassen konnte. Viele Politiker erinnern jetzt an die Notwendigkeit, Menschlichkeit über parteipolitische Gräben hinweg zu zeigen, nachdem einige Linke Widdecombes Tod bejubelt hatten.

Am Samstag gedachten Hunderte Menschen der Ermordeten mit einem Requiem in der Benediktinerabtei [3][Buckfast Abbey] auf Dartmoor, auch in der katholischen [4][Kathedrale von Westminster]. Und im Parlament wird derzeit ein Gesetzesantrag für bessere Sicherheit für Menschen in der Politik beraten. Seit dem Mord an Widdecombe hat ihre Partei „Reform UK“ alle ihre Spitzenpolitiker:innen unter 24-Stunden-Schutz stellen lassen.

12 Jul 2026

[1] https://en.wikipedia.org/wiki/Ann_Widdecombe

[2] https://www.facebook.com/TheReformPartyUK/videos/ann-widdecombe-first-speech-in-the-eu-parliament/2289265264489595/

[3] https://www.buckfast.org.uk/

[4] https://x.com/RCWestminster/status/2075869523408748890

AUTOREN

Daniel Zylbersztajn-Lewandowski

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