taz.de -- Extrem-Temperaturen: Mehr Tote durch Hitze als durch Verkehr
Schon bevor die Hitzekuppel Deutschland tropischen Temperaturen aussetzte, war die hitzebedingte Sterblichkeit hierzulande hoch, zeigt ein Monitoring.
Bild: Wo bleibt die Siesta-Pflicht? Menschen, die draußen in körperlich anstrengenden Berufen arbeiten, sind der Sonne ausgeliefert
Wenn Hitze tödlich ist: In der Bundesrepublik sind in diesem Jahr bislang 810 Menschen hitzebedingt verstorben – und zwar schon bevor im Juni die große Heißwelle begann. Wie aus dem Monitoring-Bericht des Robert Koch Instituts zur hitzebedingten Mortalität hervorgeht, starben demnach 40 junge Menschen, 500 Hitzeopfer waren älter als 85.
„Der aktuelle Bericht umfasst Schätzungen der hitzebedingten Sterbefälle im Zeitraum der Kalenderwochen 15 bis 25“, heißt es beim Robert Koch Institut. Der letzte Tag war also der 21. Juni. Die [1][neuen Höchstwerte bei den Temperaturen wurden größtenteils in der letzten Juniwoche erreicht] – am vergangenen Freitag waren es 41,3 Grad im Saarland, am Samstag 41,5 Grad im Jerichower Land in Sachsen-Anhalt, bevor am Sonntag das Thermometer in der Brandenburger Lausitz auf 41,7 Grad kletterte. Die Opfer dieser Hitzewelle werden erst im nächsten RKI-Bericht aufgelistet, der in 11 Tagen erscheint.
Wobei „aufgelistet“ nicht ganz korrekt ist: „Auf dem Totenschein steht normalerweise Hitze nicht als Ursache“, erklärt Henny Annette Grewe vom [2][Public Health Zentrum Fulda]. Eine Ausnahme sei der „Hitzeschlag“, also das Zusammenbrechen des Kreislaufes mit Organversagen – was an heißen Tagen beispielsweise immer wieder auf Baustellen vorkommt.
„Normalerweise stehen andere Ursachen wie Herzstillstand oder Lungenversagen auf den Totenscheinen“, sagt die Professorin, die seit vielen Jahren zum [3][Einfluss des Klimawandels auf unser Gesundheitssystem] forscht. Zur Ermittlung der Hitzetoten müsse deshalb ein statistisches Verfahren angewandt werden: „Ganz vereinfacht gesagt: Es gibt Erfahrungswerte, wie viele Menschen in einem Bundesland oder einer Stadt pro Tag sterben.“ Ziehe eine Hitzewelle übers Land, registrieren die Behörden eine Übersterblichkeit. Grewe: „Mehr Menschen verlieren ihr Leben, als ‚normal‘ wäre, und das sind dann – mit etlichen Kontroll- und Sicherungsfaktoren überprüft – die hitzebedingten Todesfälle.“
Gefährdete Gruppen
Besonders bedrohlich ist Hitze für Ältere, Schwangere, Menschen mit Vorerkrankungen und Kleinkinder: „Im Alter oder durch Erkrankungen lässt die Leistungsfähigkeit der Organsysteme nach“, dies könne bei großer Hitzebelastung zu einem Versagen beispielsweise des Herz-Kreislaufsystems führen, sagt Grewe. „Medikamente müssen anders dosiert werden, denn es gibt einige, die hitzebedingte Risiken verstärken – etwa indem sie das Schwitzen beeinträchtigen.“
Menschen mit Demenz oder psychischen Beeinträchtigungen würden oft nicht angemessen auf Hitze reagieren. „Nicht vergessen werden sollte auch, dass Hitze eine Frühgeburt auslösen kann und damit den Start ins Leben unter ein erhöhtes Risiko stellt.“ Die Expertin verweist auch auf soziale Faktoren, die Hitze zur Lebensgefahr machen: [4][schlechte Wohnverhältnisse], soziale Isolation und Armut.
Hitzewellen werden durch die Erderhitzung häufiger – und heftiger. Gab es in den 1950er Jahren durchschnittlich 3 Tage, an denen das Thermometer über die 30-Grad-Marke kletterte, so sind es mittlerweile 12, im Rekordjahr 2018 [5][waren es 20]. 8 der letzten 10 Jahre gehörten [6][zu den heißesten], die jemals in Deutschland gemessen wurden.
Hitze schlägt andere Extremwetter
Die meisten Opfer werden hierzulande die zunehmenden Hitzeextreme fordern. „Das ist das Thema, was in Deutschland die größte Rolle spielen wird“, urteilt Andreas Matzarakis, Professor und viele Jahre Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdiensts in Freiburg. Andere Wetterextreme wie Stürme oder Starkregen sind zumeist lokal begrenzt, so gab es bei der [7][Ahrtalflut in Westdeutschland] vor fünf Jahren beispielsweise die vergleichsweise geringe Zahl von 191 Todesfällen. Hitzewellen betreffen hingegen überwiegend größere Gebiete und damit sehr viele Menschen auf einmal. Matzarakis: „Gegen Hitze bin ich machtlos. Das Einzige, was ich tun kann, ist, mein Verhalten anzupassen und mich zum Beispiel wenig zu bewegen.“
Im Dürresommer 2018 registrierte das RKI mehr als 8.500 Hitzetote, im Jahr darauf wurden 7.000 hitzebedingte Sterbefälle erfasst. In den letzten drei Jahren starben jeweils um die 3.000 Menschen daran. „Durch Hitze verlieren in Deutschland mehr Menschen ihr Leben [8][als im Straßenverkehr]“, sagt Professorin Grewe: „Während in die Verkehrsinfrastruktur aber Milliarden gepumpt werden, verweigert die Politik dem Hitzeschutz die notwendige Dauerfinanzierung.“
Welche Folgen die noch nicht erfassten Tage der jüngsten Hitzewelle gehabt hat, lässt sich schon ahnen: Der zuständige Gruppenleiter im Gesundheitsministerium Nordrhein-Westfalens etwa berichtete über Engpässe beim Abtransport von Leichen.
2 Jul 2026
LINKS
[1] /-Hitzewelle-in-Deutschland-/!6191436
[2] https://www.hs-fulda.de/forschung/forschungseinrichtungen/public-health-zentrum-fulda
[3] /Folgen-der-Klimakrise-fuer-Gesundheit/!6172917
[4] /Hitze-im-Norden/!6190256
[5] https://www.umweltbundesamt.de/daten/umweltindikatoren/indikator-heisse-tage
[6] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/164050/umfrage/waermste-jahre-in-deutschland-nach-durchschnittstemperatur/
[7] /Bundesweiter-Warntag/!5955345
[8] /Daten-zu-toedlichem-Radverkehr/!6174423
AUTOREN
Nick Reimer
Schwerpunkt Klimawandel
Hitze
Gesundheit
GNS
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