taz.de -- Leben mit Behinderung: Scheiße Gaslighting

Wenn Mitmenschen die Besonderheiten eines Lebens mit einem behinderten Kind nicht zur Kenntnis nehmen, kann das ganz schön schmerzen.

Bild: Auch eine Bitte ums Gesehenwerden: Protest an Long Covid erkrankter

Wenn man es gewohnt ist, mit einem Menschen zu leben, der nicht spricht, ist allein der Versuch, ein Wort zu sagen, ein Ereignis – und ich meine jetzt nicht meinen Mann, bevor er morgens auf seinem Sofa mit seinen vier Kissen und demselben Blickwickel wie die letzten 16 Jahre aus dem Fenster schauend seinen Kaffee ausgetrunken hat.

Unser Sohn Willi hat im letzten Jahr angefangen das Wort „Scheiße“ zu sprechen. Aufgefallen ist uns das aber nur, weil er Szenen aus seinem Lieblingsfilm „Blues Brothers“ mit-lautiert. Mancher aus meiner Generation kann wahrscheinlich selber den legendären Wortwechsel von Jake und Elwood zitieren, als die Polizei sie nach dem Überfahren einer roten Ampel rauswinkt:

„Scheiße!“

„Was?“

„Ne Streife!“

„Nein!“

„Doch!“

„Scheiße!“

Da bei Willi das Wort eher so klingt wie „zaße“ (und somit identisch mit den Worten Schaf, nach Hause, schlafen oder Soße) setzte ich es zwar nicht mit auf die Liste seiner verständlichen Worte (zu Oma, Opa, Mama, Papa, Stau, Auto und Afrika), aber es ist trotzdem ein neues Wort.

In der Schule wird hart auf Denglisch geflext

Bei Willis 16-jähriger Schwester Olivia kann ich die neuen Wörter nicht zählen. Ich glaube, sie benutzt Jugendwörter zu Hause hauptsächlich, um mich zu quälen. In der Schule wird aber ernsthaft so hart auf Denglisch geflext, gedisst und geghosted, dass ich dazu lieber nichts sage, weil das sonst nur voll judgy wäre.

Ein Anglizismus, der zur Abwechslung nicht aus der Werbung oder der Jugendkultur stammt, ist mir im letzten Jahr mehrfach begegnet. Der Begriff lautet „Gaslighting“ und bezeichnet etwas, was ich zwar kenne, wofür ich aber bisher kein Wort hatte, sondern nur ein Gefühl. Ein sehr ungutes Gefühl.

[1][Gaslighting bezeichnet eine Art von psychischer Manipulation] mittels Verleugnung der Wahrnehmung der anderen Person. Das Wort stammt von einem Theaterstück aus den 1940er-Jahren mit dem Titel „Gas Light“, in dem ein Mann versucht, seine Frau systematisch in den Wahnsinn zu treiben, indem er unter anderem vorgibt, die ständig wechselnde Helligkeit einer Laterne nicht zu sehen, die er selbst verursachte.

Viele Menschen werden das sogenannte „Medical Gaslighting“ kennen, wobei Krankheitssymptome ignoriert oder lapidar abgetan werden. Während der [2][Post-Covid-Erkrankung] unserer Tochter waren wir damit ständig konfrontiert.

Im Kleinen begegnet es uns häufig im Alltag, wo Menschen nicht willens sind, sich mit den Problemen ihres Gegenübers zu konfrontieren. Stattdessen werden Floskeln gesagt wie: „Das schaffst du schon.“

Als Willi und Olivia klein waren, war unser Leben sehr herausfordernd. Wenn ich Müttern ohne behindertes Kind von Willis Gesundheits- oder [3][Entwicklungsproblemen] erzählte, wurde das oft mit dem Satz „Das hast du aber mit einem normalen Kind auch“ abgetan. Machte es denn meine Sorgen kleiner, wenn alle sie haben? Und stimmte das überhaupt? Um es mit Willis neuem Wort zu sagen: Ich fühlte mich jedes Mal scheiße.

Wenn es Willi schlecht geht, sagt er dieses Wort übrigens nicht und auch kein anderes. Nicht mal Opa sagt er dann. Während wir hilflos abfragen, was er braucht oder was ihm weh tut, macht unser Gerede alles nur schlimmer. Es ist eine große Aufgabe, jemandem liebevoll beizustehen, während man angeschrien oder gehauen wird und nicht mit zu verzweifeln, selbst wenn das eigene Kind versucht, sich selbst zu verletzten.

Ich kann nur an Willis Seite bleiben, oder (viel schwieriger) ihn allein lassen, wenn er das fordert. Nichts tun zu können, außer den Schmerz des anderen auszuhalten, das finde ich wirklich schwierig – ist aber ein super [4][Skill], wie Olivia sagen würde, und bestimmt hilfreicher als der Satz: „Das schaffst du schon.“

8 Jan 2026

[1] https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/psychologie/was-gaslighting-fuer-betroffene-bedeutet/

[2] /Diagnose-Long-Covid-und-ME/CFS/!6130861

[3] /Nachruf-auf-Paedagogen-Remo-Largo/!5725159

[4] /Neue-Generation-wird-erwachsen/!6111290

AUTOREN

Birte Müller

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