taz.de -- Krieg mit Drohnen: Aus der First Person View der Killerdrohne
In der Ukraine findet Jagd auf Menschen mit Killerdrohnen statt. Die Flugobjekte werden die Welt, wie wir sie kennen, grundlegend verändern.
Bild: Nähe, digital vermittelt, für den Tod auf dem Schlachtfeld
Als er plötzlich die Drohne vor sich erblickt, hält der Radfahrer an. Sie hatte für ihn unsichtbar – am Wegrand auf ein Ziel gelauert. Und das Ziel, das ist nun er. Der junge Mann mit der Baseballkappe taumelt vorsichtig, noch im Fahrradsattel sitzend, ein paar Schritte nach hinten. Er steigt ab, schaut das unbemannte Luftfahrzeug vor sich flehend an, während es immer näher kommt. Kurz vor dem Aufprall bricht die Aufnahme ab.
Im Telegram-Post der russischen Streitkräfte vom 21. August, von wo das Video stammt, heißt es, in der Nähe der Siedlung Wassyliwska Pustosch in der Region Donezk hätten Militärangehörige der 2. Artilleriebrigade mithilfe einer FPV-Drohne feindliches Personal zerstört. Totenkopf-Emoji. Schweine-Emoji. Explosions-Emoji. „Jeder liquidierte Ukronazi trägt maßgeblich zum baldigen Sieg bei.“
Es fühlt sich voyeuristisch an, aus der Perspektive der Killerdrohne mitzuverfolgen, wie sie ihr Opfer anfliegt. Und doch schaue ich das Video noch einmal an. Und noch einmal. Was waren wohl die letzten Gedanken des Radfahrers vor dem Aufprall? Hatte er auf die Gnade des russischen Piloten gehofft? Und was ging in dessen Kopf vor sich?
Mittels einer speziellen Brille sehen die Piloten in Echtzeit die Bilder der Drohnenkamera. FPV, First Person View, heißt diese Technologie. Der russische Pilot sah genau, dass er einen Zivilisten angriff. Und das ist kein Einzelfall. In der Ukraine findet diese Jagd auf Menschen tagtäglich statt.
First Person View
Während unbemannte Luftfahrzeuge generell eine militärische Erfindung sind, stammen die kleinen Quadrokopter aus dem Hobbysektor. Hersteller wie DJI brachten in den Zehnerjahren Modelle auf den Markt, Bastler bauten sie um oder fertigten sie gar selbst. Eine eigene Drohne konnten sich immer mehr Menschen leisten, denn im Zuge der Smartphone-Revolution waren Bauteile wie Kameras und Sensoren immer billiger geworden.
Was nicht viele wissen: Auch [1][der Philosoph Francis Fukuyama, der mit seiner These vom Ende der Geschichte bekannt wurde], ist Hobbydrohnenpilot. Und er wies schon früh auf die Gefahren dieser Technologie hin. 2012 schrieb er in einem Gastbeitrag in der Financial Times, Terroristen oder Schurkenstaaten könnten bald Drohnen verwenden. Eine Welt, in der Menschen routinemäßig und anonym von unsichtbaren Feinden ins Visier genommen werden, sei „keine angenehme Vorstellung“.
An diesem Punkt sind wir angelangt. Die Technologie der kleinen Drohnen kehrt von der zivilen in die militärische Sphäre zurück – mit einem Sprengsatz bestückt wird das vermeintliche Spielzeug zu einer günstigen Präzisionswaffe. Schon der IS nutzte die [2][Quadrokopter hierfür, zum Massenphänomen wurden sie im aktuellen russischen Krieg gegen die Ukraine]. Im vergangenen Jahr hatte die Ukraine 3 Millionen solcher FPV-Drohnen an ihre Armee geliefert.
Kriegsverbrechen so einfach wie noch nie
Ich stelle nicht gern Prognosen auf, aber in diesem Fall ist der Kurs eindeutig: Die fliegenden Killermaschinen werden die Welt, wie wir sie kennen, grundlegend verändern. Und das nicht nur in Kampfzonen. [3][Denn Kriegsverbrechen, aber auch Spionage und Terroranschläge werden einfacher als je zuvor]. Erst recht, wenn die Drohnen voraussichtlich bald als Schwärme automatisiert zuschlagen können.
Anne Applebaum schrieb kürzlich im Atlantic, niemand sei technisch oder psychologisch auf eine neue Ära intelligenter, tödlicher Maschinen vorbereitet. Bald schon könne „die bizarre Dystopie von heute“, die man in Videoclips aus der Ukraine sieht, die „neue Normalität von morgen“ sein.
Noch ist unbekannt, ob der ukrainische Radfahrer den Angriff überlebte. Das Video ist mittlerweile aus dem Telegram-Kanal verschwunden. Der russischen Einheit ist wohl klargeworden, dass sie den Beweis für ihr eigenes Kriegsverbrechen veröffentlicht hatte, das sonst womöglich unbemerkt geblieben wäre.
Wir müssen uns bewusst machen, dass wir im Zeitalter der Killerdrohnen angekommen sind. Menschen werden heutzutage in First Person View umgebracht – aus der Ich-Perspektive. Und dann landet das Video im Internet, wo wir alle es anschauen können. Immer und immer wieder.
29 Aug 2026
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AUTOREN
Yelizaveta Landenberger
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