taz.de -- Konflikt zwischen SDF und Regierung: Syriens Armee kontrolliert nun das Al-Hol-Camp
Nach dem Rückzug der kurdisch dominierten SDF übernehmen die Truppen der syrischen Übergangsregierung die Kontrolle. Auch über Tausende Ex-IS-Anhänger.
Bild: Syrische Armee- und Sicherheitskräfte sind im Lager Al-Hol im Einsatz, in dem Familien von IS-Mitgliedern untergebracht sind, Syrien, am 21. 1. 2026
Das Flüchtlingslager Al-Hol, das einem Gefängnis glich, befindet sich nun in den Händen der Syrischen Armee. Das erklärte das Innenministerium in Damaskus auf Telegram. Auch die bisherige Direktorin Jihan Hanan bestätigte die Übernahme des Lagers durch die Regierungstruppen der taz auf Anfrage. Bislang überwachten die kurdisch dominierten Streitkräfte der Syrian Democratic Forces (SDF) die Geflüchteten. Diese hatten sich am Dienstag aus dem Camp zurückgezogen.
Mehr als 30.000 Menschen sind im Flüchtlingslager Al-Hol in Nordostsyrien untergebracht. Mehrere Tausend von ihnen sind Frauen und Kinder ehemaliger ausländischer IS-Kämpfer. Wie viele von ihnen noch eine ideologische Nähe zur radikalislamistischen Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) haben, ist unklar.
Sie selbst sei seit dem Rückzug der SDF nicht mehr [1][im Flüchtlingslager] gewesen, erklärt Hanan. Doch Berichte über Randalen, Brandstiftung und die Flucht von Insassen hätten sie erreicht. Die Menschen im Camp hätten versucht, einen Vorteil aus dem Sicherheitsvakuum zu ziehen.
Eine Frau, die für eine internationale Nichtregierungsorganisation (NGO) in Al-Hol arbeitet und anonym bleiben möchte, bestätigt der taz via Chat, dass Geflüchtete und teilweise Ex-IS-Insassen aus den Gefängnissen ausgebrochen seien. Einige seien inzwischen gefasst worden, nach anderen werde gerade gesucht.
Auch Deutsche unter den Ex-IS-Anhängern
Im Nordosten Syriens befinden sich nicht nur mehrere Flüchtlingslager, in denen Familienmitglieder von IS-Kämpfern leben, sondern auch Gefängnisse für Ex-IS-Anhänger selbst. Die Regierung in Damaskus hatte am Dienstag erklärt: Etwa 120 Ex-IS-Kämpfer seien aus den Gefängnissen entflohen, 81 davon habe die Armee wieder fassen können.
Die Arbeit ihrer Organisation im Camp sei nun gestoppt worden, schreibt die junge NGO-Mitarbeiterin weiter, da die Sicherheitslage unklar sei. Wie es nun aber mit dem Camp weitergeht, vermag auch Jihan Hanan nicht zu sagen. „Gestern war ich noch die Direktorin. Heute weiß ich nicht, was die Verwaltungsanweisungen sein werden“, schreibt sie aus Nordostsyrien.
In Flüchtlingslagern wie Al-Hol und in den kurdischen Gefängnissen befinden sich nicht nur arabische, sondern auch europäische IS-Kämpfer und deren Familienmitglieder. Unter ihnen sogar einige Deutsche. Die kurdischen Streitkräfte, die den IS jahrelang bekämpft haben, drängten in den vergangenen Monaten immer wieder die Heimatländer der Ausländer*innen dazu, ihre Staatsbürger*innen zurückzunehmen. Doch dies geschah nur zögerlich.
Im Mai vergangenen Jahres teilte das deutsche Innenministerium auf Nachfrage mit, eine Rückholaktion deutscher Ex-IS-Kämpfer sei nicht geplant. Bei deren Frauen und Kindern sei eine freiwillige Rückkehr nach genauer Überprüfung möglich. [2][Als die taz im vergangenen Frühjahr das Camp besuchte,] waren in Sicherheitskreisen die Sorgen vor einer Übernahme des Lagers durch die neuen syrischen Machthaber klar zu vernehmen, etwa aufgrund der Ausbruchsgefahr.
Waffenruhe mit Einschränkungen
[3][Seit Dienstagabend um 20 Uhr Ortszeit gilt eine viertägige Waffenruhe] zwischen den SDF und der Regierungsarmee. Der syrische Verteidigungsminister Marhaf Abu Qasra warf aber am Mittwoch den SDF vor, Einwohner*innen in der Region Hasakah einen Tag nach der Waffenruhe willkürlich verhaftet zu haben. Und forderte ein Ende der Festnahmen.
Bislang scheinen die Regierungstruppen ihre Offensive tatsächlich pausiert zu haben. Es gibt aber Berichte über weitere Kampfhandlungen von mit der Armee verbundenen Stammesmilizen, die sich nicht unabhängig bestätigen lassen. In die nahegelegene Stadt Hasakah seien die Regierungstruppen nicht eingedrungen, bestätigt auch die junge NGO-Mitarbeiterin.
Seit über drei Monaten eskaliert die Auseinandersetzung zwischen SDF und syrischer Armee im Norden Syriens. Der Hintergrund: Die syrische Regierung möchte die kurdischen Einheiten und [4][Regionen in den syrischen Staat integrieren], doch die SDF zögert. [5][Ein entsprechendes Abkommen von 2025] wurde bislang nicht umgesetzt.
21 Jan 2026
LINKS
[1] /Syrisches-Lager-al-Hol-fuer-IS-Gefangene/!5895447
[2] /IS-Gefangene-in-Syrien/!6091025
[3] /Kaempfe-von-Regierung-und-SDF-in-Syrien/!6146936
[4] /Kurdischer-Journalist-ueber-Nordsyrien/!6146940
[5] /Syrisches-Abkommen-mit-der-SDF/!6071628
AUTOREN
Serena Bilanceri
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