taz.de -- Kein Schweinefleisch in Leipziger Kitas: Skandal im Sommerloch
Beim Schweinefleisch hört der Spaß auf. Findet zumindest die „Bild“-Zeitung und legt die Grundlage für einen rechten Shitstorm.
Bild: Darauf müssen ein paar Leipziger Kinder bald verzichten – zumindest ein paar Stunden am Tag
Fleisch ist für die Deutschen, [1][was für die US-Amerikaner Waffen] sind. So scheint es zumindest, betrachtet man die Hysterie, mit der alle naselang auf eventuell drohenden, teilweisen Fleischverzicht reagiert wird. Nun haben es zwei Kindertagesstätten in Leipzig auf Schweinefleisch abgesehen. Zum Glück nimmt die Bild ihre Verantwortung ernst und berichtet über – ja, was eigentlich?
Aus Rücksichtnahme auf zwei muslimische Kinder werden in zwei Leipziger Kitas seit dem 15. Juli nur noch schweinefleischfreie Mahlzeiten angeboten. Das weiß die Bild aus einem Elternbrief und sie weiß auch: „Bratwurst, Bulette oder Schnitzel – viele Kinder wollen nichts anderes.“ Deswegen ist der Redaktion die Geschichte auch eine Titelseite wert. Und tatsächlich ist es ihr gelungen, [2][Julia Klöckner], der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, einen Kommentar zum Thema zu entlocken. Diese entblödet sich nicht, im Zusammenhang mit dem – wohlgemerkt nur für die Dauer des täglichen Kita-Besuchs andauernden – Fleischverzicht von „Mithaftung“ der anderen Kinder zu sprechen. Das sei nicht förderlich für ein gedeihliches Zusammenleben.
Mit Letzterem behält sie insofern recht, als dass sofort ein Shitstorm folgte. Auch die AfD ließ nicht lange auf sich warten: Beatrix von Storch kommentierte, wenn schon die Bild-Zeitung davon spreche, dass „demokratische Prinzipien durch dieses Minderheiten-Diktat“ außer Kraft gesetzt werden, dann sei es höchste Zeit, sich diesem Irrsinn entgegenzustellen.
Der Evangelische Pressedienst brachte alsbald in Erfahrung, dass in evangelischen Kindertagesstätten in Leipzig nicht auf Schweinefleisch verzichtet werde. Das sei möglich, da ohnehin immer verschiedene Speisen im Angebot wären. Für kleinere Einrichtungen, wie die zwei Kindertagesstätten in freier Trägerschaft, ist das schwierig. Telefonisch waren beide Einrichtungen nicht zu erreichen. [3][Nach Angaben der Leipziger Volkszeitung] hat einer der Kindergärten jedoch bereits Drohungen erhalten.
Berichterstattung, Panik und Bedrohungen überraschen nicht. Schweinefleisch und Islam sind die perfekten Reizthemen für das Sommerloch. Dass [4][am Montag ein Eritreer von einem Rechtsextremisten angeschossen wurde] und eine Serie von Bombendrohungen gegen Moscheen Muslim*innen in Deutschland in Angst versetzt, erscheint da nebensächlich. Es fehlt: das Schweinefleisch.
23 Jul 2019
LINKS
[1] /Nach-dem-Massaker-in-Las-Vegas/!5451686
[2] https://taz.de/!t5027035/
[3] https://www.lvz.de/Leipzig/Lokales/Leipziger-Kita-streicht-Schweinefleisch-vom-Speiseplan-und-wird-bedroht
[4] /Attentat-auf-Eritreer/!5612995
AUTOREN
Helena Werhahn
Bild-Zeitung
Kitas
Fleisch
ARTIKEL ZUM THEMA
Bombendrohungen gegen Moscheen: Angst beim Beten
Im Juli gab es 14 Angriffe auf Moscheen in Deutschland und 8 Bombendrohungen. Von der Sorge der Gläubigen nimmt die Öffentlichkeit aber kaum Notiz.
Debatte um Verzicht auf Schweinefleisch: Drohungen gegen Leipziger Kitas
SPD-Oberbürgermeister Burkhard Jung hat es nun auf Facebook öffentlich gemacht: Die beiden Einrichtungen werden verbal massiv angegriffen.
Insekten essen: Nicht die Nahrung der Zukunft
Sechs Beine, schmackhaft und gesund: Die UN findet, Insekten sind ein gutes und klimafreundliches Mittel gegen den Welthunger. Aber stimmt das?
Ortstermin in Leipziger Kita: Schweinefleisch ab 16 Uhr
Eine Kita in der Leipziger Südvorstadt gerät durch einen „Bild“-Titel in die Schlagzeilen. Alles wegen ein paar Gummibärchen und Landtagswahlen.
„Fremdenfeindlichkeit“ in den Medien: Die Angst vor dem Wort „Rassismus“
Nach dem Angriff auf einen Eritreer in Hessen sprechen viele Medien von einem „fremdenfeindlichen Motiv“. Das ist falsch – und schürt Rassismus.
Kirchliches Arbeitsrecht: Von wegen interkulturell
Bremer Erzieher*innen sollen interkulturelle Kompetenzen vermitteln. Beim größten freien Kita-Träger, der evangelischen Kirche, arbeiten nur Christ*innen.
Vegane Kita in Frankfurt sorgt für Ärger: Tofu ist doofu
Vegane Ernährung für Kleinkinder in der Kita – ist das die Entscheidung der Eltern? Oder greift hier die staatliche Fürsorgepflicht?