taz.de -- KI-Gipfel in Indien: Großer Markt mit großen Plänen

Politiker und Ökonomen aus aller Welt treffen sich in Indien und sprechen über KI. Das Land nimmt dabei eine besondere Rolle ein.

Bild: Indien will KI-Systeme für den Alltag entwickeln

Mit künstlicher Intelligenz den perfekten Cricketschlag trainieren, solche Demonstrationen gehören zum Programm des vierten Weltgipfels zum Thema [1][künstliche Intelligenz (KI)]. Beim „India AI Impact Summit“ in Indiens Hauptstadt Delhi verfolgt man hinter viel Show jedoch einen größeren Anspruch: Indien will KI dort einsetzen, wo sie Probleme lösen kann: in Medizin, Landwirtschaft und Verwaltung.

„KI erschwinglich, sicher und inklusiv machen“, damit wirbt der indische Premierminister Narendra Modi. Zum Auftakt des Hauptprogramms sagte der 75-Jährige vor Publikum: „Künstliche Intelligenz stellt eine Transformation dar, wie sie bei historischen Wendepunkten in der menschlichen Zivilisation zu beobachten war.“ Milliarden Menschen könnten davon profitieren.

Der Gipfel ist zugleich eine Schaubühne für mehr als 500 führende Persönlichkeiten aus dem globalen KI-Bereich: Spitzenmanager:innen, Wissenschaftler:innen und Vertreter:innen aus der Politik. Ehrengäste sind Emmanuel Macron und Luiz Inácio Lula da Silva. Vertreter der USA und Chinas fehlen auf hoher politischer Ebene. Dennoch inszeniert sich Delhi mit Google-Chef Sundar Pichai, OpenAI-Chef Sam Altman, Anthropic-Gründer Dario Amodei sowie den indischen Stars der Szene, darunter Nandan Nilekani, Mitgründer von Infosys, als globaler Treffpunkt der Branche.

UN-Generalsekretär António Guterres appellierte, KI müsse allen gehören. „Die Zukunft darf nicht in den Händen einiger weniger entschieden werden.“ Er verwies auf Chancen für nachhaltige Entwicklung und Klimaschutz, aber auch auf Risiken wie die wachsende Ungleichheit, algorithmische Verzerrung und den enormen Energie- und Wasserbedarf von Rechenzentren.

Indien als Stimme der KI-Governance

Passend dazu stellte Indiens IT-Minister Ashwini Vaishnaw die „[2][New Delhi Frontier AI Impact Commitments]“ vor – freiwillige Selbstverpflichtungen für eine inklusive und verantwortungsvolle KI. Internationale Konzerne wie Alphabet, Anthropic, OpenAI und Meta beteiligen sich ebenso wie indische Firmen, etwa Sarvam, BharatGen und [3][Gnani.ai]. Indien positioniert sich damit auch als Stimme des Globalen Südens in der KI-Governance.

Am Rande des Gipfels vereinbarten der deutsche Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) und sein indischer Amtskollege Vaishnaw einen „KI-Pakt“, mit Kooperationen in Industrie, Energie, Gesundheit und Landwirtschaft sowie beim Austausch von Fachkräften. Deutschland und Indien seien „gemeinsam stärker“, so Wildberger bei einem Pressetermin. Mit einem „europäischen Mindset“ wolle Deutschland die KI-Transformation gestalten.

In Indien fällt ein positiver Umgang mit KI auf. „Hier werden die Chancen der künstlichen Intelligenz stärker hervorgehoben als in Deutschland“, sagt Florian Wenke, der sich für Germany Trade and Invest (GTAI) seit Jahren mit der indischen Wirtschaft beschäftigt. Während es beim AI Safety Summit 2023 in Großbritannien stark um Risiken und Regulierung ging, stehen in Delhi die Chancen im Vordergrund. Statt eines umfassenden KI-Gesetzes setze die Regierung derzeit vor allem auf Selbstregulierung, sektorale Leitlinien und gezielte Eingriffe bei Hochrisikoanwendungen, etwa in der Telekommunikation.

Die offeneren Rahmenbedingungen ließen Unternehmen mehr Freiräume, so Wenke. Lange beschränkten sich indische Firmen auf Anwendungen externer Modelle, sagt er. Nun wurde mit [4][„105B“] erstmals ein großes indisches Sprachmodell vorgestellt, hebt er hervor. Das Modell des Start-ups Sarvam AI ist in Regionalsprachen wie Hindi, Tamil und Telugu optimiert – anders als internationale Konkurrenten. Um die Dimension des Marktes zu verstehen: ChatGPT hat in Indien bereits rund 100 Millionen wöchentlich aktive Nutzer:innen.

Somit war es ein Anliegen, eigenständiger zu werden. Der indische Premierminister hatte die Branche erst dazu aufgerufen, über reine Dienstleistungen hinauszugehen und eigene KI-Produkte und -Lösungen zu entwickeln, „die für Indien und die Welt funktionieren“. Im Bereich der Entwicklung eigener KI-Grundlagenmodelle spielt das Land bislang noch eine untergeordnete Rolle. Zwar gibt es Forschung und Entwicklung sowie zahlreiche Global Capability Centers (GCC), diese werden überwiegend von ausländischen Unternehmen betrieben.

Investitionen in Cloud-Infrastruktur

Die indische Regierung verweist auf ihr neues [5][KI-Ökosystem]. Mit der 2024 gestarteten „[6][IndiaAI Mission]“ stellt die Regierung 1,2 Milliarden US-Dollar insbesondere für generative KI bereit, also Systeme, die Texte, Bilder oder Code erzeugen können. Mit den Mitteln wurden unter anderem über 38.000 Grafikprozessoren (GPUs) beziehungsweise Rechenkapazitäten finanziert, von denen Unternehmen wie Sarvam AI profitieren.

Rund um den Gipfel gibt es auch um die weitere Finanzierung: Tech-Konzerne wie Amazon, Google, Microsoft und indische Großunternehmen wie Adani und Reliance Industries verkündeten milliardenschwere Investitionspläne in Rechenzentren und Cloud-Infrastruktur. Branchenanalysen erwarten, dass sich der indische KI-Markt in den kommenden Jahren deutlich vergrößern wird.

Der Tech-Berater Jose Jacob K. aus Bengaluru sieht in Indien einen „Marktplatz für KI-Anwendungen“ und ein Talent-Ökosystem. Ein KI-Gesetz stehe noch aus, sagt er. Zunächst gehe es um Grundlagen: gute Daten und eine klare Strategie. Im Unterschied zu China, das stark auf Robotik setze, oder den USA mit ihrem Fokus auf immer größere Modelle gehe Indien gezielter vor. „Wir werden in Bereichen wie Gesundheit, Landwirtschaft oder Wetterprognosen in die Tiefe gehen“, sagt er. Statt auf einen Wettlauf um die leistungsstärkste KI ziele man auf praxistaugliche Lösungen.

Langfristig solle KI Teil der digitalen öffentlichen Infrastruktur werden – mit Basismodellen und Rechenkapazitäten als öffentlicher Grundlage, auf der Start-ups und Unternehmen Anwendungen mit gesellschaftlichem Nutzen entwickeln. Indiens Anspruch ist damit weniger technologischer Größenwahn als strategische Breitenwirkung. Teilnehmerin Sheetal Srikanth, Managerin bei Smartail.ai, ist zufrieden: „Indien nimmt nicht nur teil – es beruft ein“, sagt sie. Damit signalisiere es regulatorischen Anspruch, Innovationskraft und geopolitische Positionierung.

19 Feb 2026

[1] https://taz.de/!s=&IrTagId=5924174/?search_page=1

[2] https://www.pib.gov.in/PressReleasePage.aspx?PRID=2230201&reg=3&lang=1

[3] http://gnani.ai/

[4] https://www.business-standard.com/technology/tech-news/sarvam-105b-model-sovereign-ai-india-foundation-model-launch-impact-summit-126021900551_1.html

[5] https://www.pib.gov.in/PressReleasePage.aspx?PRID=2227612

[6] https://www.pib.gov.in/PressReleaseIframePage.aspx?PRID=2012355

AUTOREN

Natalie Mayroth

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