taz.de -- Israelische Besatzungspolitik: Die fünf Säulen der Übernahme des Westjordanlands

Die Organisation B’tselem beschuldigt Israel, Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen das Leben in dem besetzten Gebiet unmöglich zu machen. Das sei ein „politisches Projekt“.

Bild: Die Gefahr von nebenan: Ein vermummter Siedler vor einem Haus palästinensischer Beduinen im Westjordanland

Es sind 248 Seiten, die den schwerwiegenden Titel „Das Beseitigungsprojekt“ tragen. Die renommierte israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem hat sie am Montag veröffentlicht, zusammen mit einem ernüchternden Fazit: Die Politik der israelischen Regierung zielt nicht erst seit dem [1][Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023] darauf, das Leben der Palästinenser:innen im völkerrechtswidrig besetzten Westjordanland [2][unmöglich und unerträglich] zu machen. Die Judaisierung des besetzten Gebiets soll vorangetrieben – und letztendlich israelische Souveränität angewendet werden.

Der Bericht stützt sich nach Angaben der Organisation auf mehrere Jahrzehnte Feldforschung, Dokumentation und Analysen zur Lage im Westjordanland sowie auf über 2.000 Interviews mit Palästinenser:innen aus den vergangenen Jahren. All diese Daten und Materialien zeichneten das Bild einer Politik, die sich seit der Amtsübernahme des aktuellen Kabinetts 2022 verstärkt und beschleunigt hat. B’tselem-Direktorin Yuli Novak sagt dazu: „Was die Palästinenser:innen im Westjordanland durchmachen, ist keine Reihe einzelner Vorfälle. Es ist ein einziges politisches Projekt, das in jeden Lebensbereich hineinreicht.“

Die Organisation stellt fünf Hauptbereiche, sogenannte Säulen, heraus, auf denen dieses Projekt ruhe: [3][Gewalt und Einschüchterung, Bewegungseinschränkungen], wirtschaftliche Strangulation, soziale und politische Zerstörung, [4][ethnische Säuberung und Landübernahme.] Gemeinschaften würden vertrieben, die Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs getrieben, Millionen lebten in ständiger Angst vor der israelischen Militär- oder [5][Siedlergewalt], fasst es Novak zusammen.

1.100 Tote im Westjordanland seit Oktober 2023

Israel nutze seine militärische Stärke und Siedlermilizen, um Angst zu säen. Seit dem [6][7. Oktober 2023] habe Israel mehr als 1.100 Palästinenser:innen im Westjordanland getötet, unter ihnen 245 Kinder. 75 Gemeinden seien vertrieben worden, Außenposten hätten 18 Prozent des Gebiets übernommen. 33.000 Palästinenser:innen hätten zusätzlich dazu nach der Übernahme dreier Flüchtlingslager im Nordwestjordanland durch die israelische Armee (IDF) ihr Zuhause verloren. Mindestens 60 Journalist:innen seien verhaftet worden. Die Vereinten Nationen haben Ende 2025 außerdem 925 Bewegungshindernisse im Westjordanland und Ostjerusalem dokumentiert.

Die israelische Regierung ließ eine entsprechende Anfrage der taz zu dem Bericht unbeantwortet. Mehrere Menschenrechtsorganisationen beklagen allerdings solche Praktiken, die im Bericht detailliert beschrieben werden, seit Jahren. Siedler, die palästinensische Gemeinschaften terrorisieren, teilweise von Soldat:innen begleitet, sind bei ihren Taten indes häufig gefilmt worden. [7][Die taz hat Siedlergewalt selbst zigfach dokumentiert.] Mehr als zwei Fälle am Tag [8][gibt es laut Militär.]

In der Regel haben das Militär und die Politik ihr Vorgehen im Westjordanland mit dem Schutz vor palästinensischen Terrorangriffen gerechtfertigt. Diese sind jüngst deutlich gesunken: Von fast 850 Attacken im Jahr 2023 auf 57 im Jahr 2025. Das Militär, aber auch die palästinensische Autonomiebehörde haben Dutzende Militante, etwa von der Hamas, aus dem Verkehr gezogen.

Das Thema Siedlergewalt gewinnt an Aufmerksamkeit

Auch auf juristischer Ebene hat die israelische Regierung nachgeschärft: Bei Israelis und Palästinenser:innen im Westjordanland werden unterschiedliche Rechtssysteme angewandt – israelisches Zivilrecht für Israelis, Militärrecht für Palästinenser. Die Verwaltungshaft, also Inhaftierung ohne Anklage, wurde 2024 für Israelis abgeschafft.

Finanzminister Bezalel Smotrich hatte außerdem öffentlich angekündigt, die Palästinensische Autonomiebehörde wirtschaftlich erdrosseln zu wollen. Auch steht es im Koalitionsvertrag der Regierung, dass diese auf die Souveränität im Westjordanland hin arbeiten müsse.

Der Bericht kommt zu einem delikaten Zeitpunkt – das Thema Siedlergewalt gewinnt international immer mehr Aufmerksamkeit; Länder wie Großbritannien, Kanada und Frankreich wollen [9][Produkte aus den Siedlungen boykottieren], mehrere weitere haben sich offen dafür erklärt. Etwa Norwegen will den Handel mit Siedlungen unter Strafe stellen.

14 Sep 2026

[1] /Ein-Massaker-ueberleben/!6161504

[2] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6212289

[3] /Westjordanland/!6204157

[4] /Israelische-Siedlungen-im-Westjordanland/!6202252

[5] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6203884

[6] /Warum-feiern-Progressive-den-7-Oktober/!6111190

[7] /Juedische-Siedler/!t5020723

[8] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6147397

[9] /EU-Handel-mit-Siedlungswaren/!6201291

AUTOREN

Serena Bilanceri

TAGS

Westjordanland

Schwerpunkt Nahost-Konflikt

Israel

Jüdische Siedler

Siedler

GNS

ARTIKEL ZUM THEMA

Drei Jahre nach 7. Oktober: Ein Neuanfang für Be’eri

Die Kibbuzniks im Süden Israels vertrauten sich so sehr, dass sie ihre Haustüren nicht abschlossen. Dann kam der 7. Oktober. Wie lebt es sich dort heute?

Westjordanland: Über 100 Siedler greifen palästinensisches Dorf an

Erneut ist die Gewalt in Jaloud im nördlichen Westjordanland eskaliert. Als das israelische Militär eingreift, wird es selbst von den Extremisten attackiert.

Terrorangriff vom 7. Oktober 2023: Auch Ägypten soll Israel vor Hamas-Gefahr gewarnt haben

Ägyptens Geheimdienstchef soll laut „Atlantic“ vor dem 7. Oktober 2023 in Israel gewesen sein – und über einen bevorstehenden Hamas-Angriff informiert haben.

Gewalt im Westjordanland: „Es ist ein staatliches Projekt“

Yair Dvir von der Menschenrechtsorganisation B'Tselem sagt: Israel arbeite daran, die Palästinenser in Enklaven zu drängen. Die Welt müsse Handeln.

Siedlergewalt im Westjordanland: Vorbei an Checkpoints und ständig unter Druck

Täglich greifen extremistische Siedler palästinensische Dörfer an. taz-Korrespondentin Serena Bilanceri spricht über ihre Arbeit im Westjordanland.

Gewollte Eskalation: Flirt mit der Intifada

Im Westjordanland nehmen Angriffe auf Pa­läs­ti­nen­se­r:in­nen zu. Experten warnen vor einer Eskalation – manche in der Regierung arbeiten darauf hin.

Siedlergewalt im Westjordanland: Sie nennen sie Verräter

Im Westjordanland eskaliert die Siedlergewalt. Die Menschen sind verzweifelt – manchmal bekommen sie aber auch Hilfe von unerwarteter Seite.

Proxied content from gemini://taz.de/Israelische-Besatzungspolitik/%216213030 (external content)

Gemini request details:

Original URL
gemini://taz.de/Israelische-Besatzungspolitik/%216213030
Status code
Success
Meta
text/gemini;lang=de
Proxied by
kineto

Be advised that no attempt was made to verify the remote SSL certificate.