taz.de -- Aufregung über Umgang mit Prüfungsleaks: Indiens Regierung sperrt Messenger nach Prüfungsskandal
Um eine erneute Verbreitung von Prüfungsfragen vorab per Telegram zu verhindern, sperrt die Regierung den Messengerdienst Telegram. Viele kritisieren das.
Bild: Streng bewachter Transport der Prüfungsunterlagen für den National Eligibility cum Entrance Test (Neet) in Tamil Nadu am 17. Juni
Nun steht der Termin fest: Rund 2,2 Millionen Bewerber und Bewerberinnen für ein Medizinstudium in Indien müssen am 21. Juni erneut antreten zum sogenannten National Eligibility cum Entrance Test (Undergraduate) (Neet-UG). Die landesweite Aufnahmeprüfung in Physik, Chemie und Biologie war im Mai für ungültig erklärt worden, nachdem die Prüfungsfragen vorab über Telegram durchgestochen worden waren. Aufgedeckt wurde der Betrug von Lehrer [1][Shashikant Suthar]. Ein Bekannter zeigte ihm ein Dokument, das dieser über Telegram erhalten hatte: Der Inhalt stimmte mit den Prüfungsfragen überein.
Auf die Enthüllung folgten Enttäuschung, Wut und Verzweiflung. Laut Medienberichten standen in [2][diesem Jahr] bereits 14 Suizide im Zusammenhang mit der Neet-Prüfung. Als besonders kritisch gilt die Zeit rund um den Test sowie um die Bekanntgabe der Ergebnisse im Herbst. Wer an einer staatlichen Universität Medizin studieren möchte, muss zu den Besten gehören.
Nach dem Skandal geraten Verantwortliche unter Druck. „Wir werden alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass die Prüfung ohne Fehlverhalten durchgeführt wird“, versprach der Direktor der National Testing Agency, Abhishek Singh. Sogar die [3][Luftwaffe] wird nun eingesetzt, um die Prüfungsunterlagen sicher zu verteilen.
Um weitere Enthüllungen zu verhindern, sperrt die Regierung seit Mittwoch den Messengerdienst Telegram. Hintergrund sind Berichte über [4][Betrüger], die angebliche Prüfungsfragen gegen hohe Summen über Telegram-Kanäle verkauft haben sollen.
Rücktritt des Bildungsministers gefordert
Die harte Reaktion löste Verwunderung und Kritik aus. „Es ist beunruhigend, dass wir zu solch drastischen Mitteln greifen müssen“, sagt die Journalistin [5][Gargi Rawat]. Besonders empörend finden viele die Blockade von Telegram – nicht nur der Telegram-Gründer [6][Pavel Durov]: „Das indische IT-Ministerium hat Telegram für eine Woche gesperrt […]. Dies bestraft mehr als 150 Millionen gewöhnliche Telegram-Nutzer:innen in Indien – nicht die Insider, die die Prüfungsmaterialien haben durchsickern lassen“.
Die Telegram-Sperre verschiebe Enthüllungen höchstens auf andere Apps, so Durov. Telegram habe bereits Hunderte Kanäle entfernt, die Prüfungsmaterialien und Betrügereien in Indien verbreiteten. Indiens Internet Freedom Foundation bezeichnet die Sperrung als „unverhältnismäßige Antwort“.
Der [7][19-jährige Hacker][8][Nisarga Adhikary], der schon einen anderen Skandal aufgedeckt hat, betont, dass die Sperre Enthüllungen nicht verhindern werde: „Es ist nicht einmal möglich, Telegram vollständig zu blockieren. Telegram ist so konzipiert, dass Nutzer:innen Proxys und andere Umgehungsmethoden leicht verwenden können.“
Die Protestbewegung der sogenannten [9][„Kakerlaken-Partei“] (CJP) fordert wegen des Neet-Skandals den Rücktritt des hindunationalistischen Bildungsministers Dharmendra Pradhan. CJP-Gründer Abhijeet Dipke rief zur Unterzeichnung der [10][Petition] „Sack the Education Minister“ auf, die laut Webseite über 800.000 Unterstützer:innen zählt.
Seit Tagen tourt der 30-jährige Dipke durchs Land. Auch bei seinem kürzlichen Auftritt im südindischen Bundesstaat [11][Karnataka] stand Pradhan im Mittelpunkt seiner Kritik. Dipke sagte, dass junge Menschen, die eigentlich das Leben anderer retten wollten, gezwungen seien, ihr eigenes Leben aufzugeben: „Ich glaube nicht, dass es etwas Beschämenderes für ein Land geben kann.“
Oppositionsführer: Millionen Kinder lernen mit Telegram
Oppositionsführer [12][Rahul Gandhi] (Kongresspartei) beschreibt das Telegram-Verbot mit einer Metapher: „Das heißt, anstatt den Dieb zu fangen, hänge ein Schloss an der Tür des Opfers.“ Da Millionen Schüler:innen mithilfe des Telegram-Messengers lernen – sie teilen Notizen, Testserien, diskutieren und bereiten sich vor, fragt Gandhi: „Wie kann das Entziehen dessen eine Lösung für enthüllte Testfragen sein?“
Sein Parteikollege Mallikarjun Kharge wirft der hindunationalistischen Regierungspartei vor, den „Rechenschaftstest“ nicht bestanden zu haben, da Pradhan weiter im Amt ist.
Unterdessen nahm die Polizei mehrere Verdächtige fest. Doch damit ist das Vertrauen in die wichtige Aufnahmeprüfung noch nicht wiederhergestellt. Für 2027 verspricht [13][Pradhan] eine computergestützte Durchführung der Prüfung.
17 Jun 2026
LINKS
[1] https://economictimes.indiatimes.com/news/new-updates/who-is-shashikant-suthar-the-chemistry-teacher-who-exposed-the-alleged-neet-paper-leak-scandal/articleshow/131257383.cms?from=mdr
[2] https://www.indiatoday.in/india/story/neet-student-suicides-93-reported-five-years-14-cases-2026-2916847-2026-05-25
[3] https://www.firstpost.com/india/neet-ug-re-test-gets-military-grade-security-as-iaf-flies-over-200-sorties-to-transport-question-papers-14023269.html
[4] https://www.thehindu.com/news/national/gujarat/ahmedabad-cyber-crime-police-bust-two-networks-running-neet-scams/article71105438.ece
[5] https://x.com/GargiRawat/status/2067100824246047196
[6] https://x.com/durov/status/2066879467054649639
[7] https://x.com/ni5arga/status/2066772537829405000
[8] https://www.indiatoday.in/education-today/news/story/neet-ug-re-exam-nisarga-adhikary-questions-telegram-ban-says-it-wont-stop-paper-leaks-2927594-2026-06-16
[9] /Kakerlaken-Partei-in-Indien/!6184978
[10] https://petition.cockroachjantaparty.org/sack/
[11] https://www.newindianexpress.com/cities/bengaluru/2026/Jun/15/cjp-targets-minister-dharmendra-pradhan-at-first-bengaluru-protest
[12] https://x.com/RahulGandhi/status/2067158163791520230
[13] https://www.deccanherald.com/india/neet-ug-to-be-computer-based-from-next-year-education-minister-dharmendra-pradhan-says-neet-to-go-online-mode-from-2027-4003789
AUTOREN
Natalie Mayroth
Indien
Prüfung
Bildungsministerium
Rahul Gandhi
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