taz.de -- Ikea macht Stromanbietern Konkurrenz: Wohnst du noch oder brauchst du Strom?
Dynamische Strompreise verharren bisher in der Nische. Ändern will das ausgerechnet ein Riese einer anderen Branche: der Möbelkonzern Ikea.
Bild: Passt nicht in einen Einkaufswagen: Ikea drängt mit einem dynamischen Stromtarif auf den deutschen Energiemarkt
Als normaler Verbraucher Strom billiger kaufen, wenn viel davon da ist, und teurer bei Knappheit? Seit Anfang 2025 sind alle Stromversorger verpflichtet, einen solchen [1][dynamischen Tarif] anzubieten. Bislang bleiben diese Preismodelle aber eine Nische. Das will ein überraschender Marktteilnehmer ändern: Das schwedische Möbelhaus [2][Ikea] macht klassischen Stromkonzernen Konkurrenz und bietet in Kooperation mit dem Unternehmen Svea Solar seit dem 21. Januar einen dynamischen Stromtarif an.
Die Preisstruktur folgt schlicht der Logik der Energiewende, denn durch die unregelmäßig anfallenden erneuerbaren Energien wurde Strom immer mehr zu einem Gut mit variablem Wert. An der Strombörse, an der etwa Energielieferanten und Stromanbieter handeln, ist das schon lange sichtbar: So ergibt sich am Spotmarkt der Börse aus Angebot und Nachfrage viertelstündlich ein neuer Preis. Endverbraucher hingegen kaufen Strom hingegen oft zu einem Festpreis.
Wer aber über ein intelligentes Messsystem, die sogenannten Smart Meter, verfügt, kann einen dynamischen Stromtarif wählen, der eins zu eins an die Schwankungen des Börsenpreises gekoppelt ist. Klassische Stromzähler messen nur den Gesamtverbrauch, die smarten Geräte hingegen merken, wann genau Strom genutzt wurde.
Das kann sich für Kunden lohnen, die bereit sind, ihren Stromverbrauch zumindest teilweise auf Zeiten zu verschieben, in denen die Preise niedrig liegen. Das können sie manuell praktizieren, indem sie etwa Waschmaschine oder Geschirrspüler erst bei günstigem Angebot starten. Es geht auch automatisch, indem Kunden Großverbraucher wie Wärmepumpen, Stromspeicher oder eine Wallbox in die zugehörige Energiemanager-App einbinden. Nicht lohnenswert oder sogar teurer ist ein dynamischer Stromtarif, wenn man sich nicht nach den Preissignalen richtet.
So funktioniert es: Immer am Nachmittag können die Kunden per App die Preiskurve des Folgetags einsehen. Diese ergibt sich aus dem sogenannten Day-Ahead-Markt der Börse, der jeweils zur Mittagszeit aus Prognosen von Erzeugung und Verbrauch einen Preis für jede Viertelstunde des Folgetags ermittelt. Diesen Preis reicht Ikea dann weiter. Wie groß die Preisdifferenzen im Großhandel sein können, zeigt eine Auswertung des Jahres 2025: Am Day-Ahead-Markt war die Kilowattstunde zwischen 58 Cent und minus 25 Cent wert.
Zum Endpreis hinzu kommen noch Netzentgelte, Steuern und Abgaben, sowie Abwicklungskosten und die Marge des Stromlieferanten. Da die Netzentgelte sich regional je nach Verteilnetzbetreiber erheblich unterscheiden – laut Bundesnetzagentur zwischen knapp 6 und mehr als 21 Cent je Kilowattstunde –, sind die Endkundenpreise vom Wohnort abhängig.
Denjenigen Kunden, die gesetzlich zum Einbau eines intelligenten Messsystems verpflichtet sind, bietet Ikea die Installation bei Abschluss eines Stromvertrags kostenlos an. Der Pflichteinbau betrifft Haushalte mit einem Jahresstromverbrauch von mehr als 6.000 Kilowattstunden, ferner Betreiber von Photovoltaik-Anlagen größer sieben Kilowatt und Haushalte mit steuerbaren Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpe oder Wallbox.
Ikea bewirbt sein Angebot mit einer Grundgebühr von 5,95 Euro pro Monat für Mitglieder ihres Kundenclubs, ansonsten sind es 6,99 Euro. Hinzu kommen aber noch Netz- und Messstellengebühren, sodass der monatliche Fixpreis je nach Netzgebiet bei etwa 10 Euro liegt. Der Strom stamme aus „100 % TÜV-zertifizierten erneuerbaren Energiequellen“, schreibt das Unternehmen, das dafür entsprechende Herkunftsnachweise erwirbt. [3][Stiftung Warentest nennt den Grundpreis „vergleichsweise günstig“].
Das Möbelhaus schreibt, mit dem neuen Tarif erhielten nun „auch private Haushalte direkten Zugang zu den aktuellen Börsenstrompreisen, die bislang ausschließlich Großabnehmern vorbehalten waren“.
Das ist allerdings nicht ganz korrekt. Es gibt bereits eine Reihe anderer Anbieter mit dynamischen Preisen für Privatkunden: Tibber gilt als der Pionier, weitere Vorreiter sind zum Beispiel Octopus Energy, Rabot Energy oder Ostrom. Auf Anfrage ergänzt Ikea: Das Neue sei, dass man die „viertelstündliche Spotpreis-Exponierung als Standardmodell“ anbiete.
Im Sinne der Energiewende sind dynamische Tarife jedenfalls sinnvoll: Jede Kilowattstunde, die in Zeiten verbraucht wird, wenn Strom im Überfluss vorhanden ist, reduziert den Bedarf an Stromspeichern.
25 Jan 2026
LINKS
[1] /Dynamische-Strompreise/!6017438
[2] /Ikea/!t5031140
[3] https://www.test.de/Stromtarif-von-Ikea-6277350-0/
AUTOREN
Bernward Janzing
ARTIKEL ZUM THEMA
Smart-Meter für die Energiewende: Der Einbau moderner Stromzähler ist oft zu teuer
Netzbetreiber fordern fürs Installieren von Smart-Metern überhöhte Preise, sagen Energieanbieter. Verbraucherschützer teilen die Kritik.
Dynamische Strompreise: Das Versprechen vom billigen Strom
Immer mehr dynamische Stromtarife kommen auf den Markt. Doch wer davon profitieren will, braucht einiges an Technik, Geld und Zeit.
Sparen durch dynamische Strompreise: Billigstrom bei Wind und Sonne
Ökologisch und möglicherweise günstiger für Stromkunden: Dynamische Preise, die im Tagesverlauf schwanken, gibt es von immer mehr Anbietern.